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Muatta, da Bou bäigt wäi a Väich!

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Dieses Mal wird geweint, geplärrt, geflennt und gerotzt.
Von Ludwig Zehetner

  • Für das Weinen und Schreien von Kindern wie diesem kennt der Dialekt eine Vielzahl von Ausdrücken. Foto: dpa
  • Eine „Rotzglocke“ ist herunterhängender Nasenschleim. Foto: dpa

Weinen, greinen, plärren, pflenen, trenzen, …

Für „Tränen vergießen“ kennt auch der Dialekt das Verb „weinen (woana, woina)“. Darüber hinaus aber gibt es eine reiche Palette von weiteren Ausdrücken, darunter etliche, deren Lautung nur schwer in die Schrift umzusetzen ist, so etwa „dreaschn, häina, heana, heina“. Zu „Dreaschn“ (weinerlich verzogenes Gesicht) passt das gleichlautende Verb. Die mit „h“ beginnenden Wörter haben wohl ihren Ausgangspunkt in altdeutsch „hœnen, hüen“ (heulen beim Hund). Aus der Literatur stammen folgende Sätze: „Ich tröstete sie und bat, sie solle ‚nimmer heina und nix in übel aufnehma‘. Oa habn gschrian, oa habn gheant, oa habn glacht.“ Im heutigen Sprachgebrauch selten geworden ist das Verb „greinen“. Es hat die Grundbedeutung: den Mund verziehen, was sowohl „lachen, grinsen“ als auch „weinen, jammern“ einschließt.

Im Dialekt ist „heulen“ nicht vertreten. Statt „Nu heul doch nich!“ sagen die Regensburger: „Da brauchst do net glei läschen!“ In einer Erzählung von Joachim Linke steht: „Ich hab mich zruckhalten müssen, dass mir net mittendrin das Läschen gekommen ist.“ Als Benennungsmotiv steht offenbar das Fließen von Tränen im Vordergrund; auch beim Löschen eines Brandes wird Wasser verspritzt. Man hört auch die Variante „lätschen“ mit lautlicher Annäherung an die „Lätschen“ (weinerlich verzogener Mund). Im gesamten deutschen Sprachraum kennt man „flennen“, bairisch meist „pflenen“ (mit Anlaut pf- und langem e).

Ein Kind, das man anderswo als Heulsuse bezeichnet, ist bei uns ein „Pflenbeutel (Pfle’bei’l)“ oder „Trenzbeutel“. Auch „trenzen“ (Grundbedeutung: tropfenweise fallen lassen, in kleinen Portionen verteilen, wofür man anderswo „kleckern“ sagt) ist ein Ausdruck für weinen.

Leser fragen – der Dialektforscher Ludwig Zehetner antwortet. Foto: Archiv
Leser fragen – der Dialektforscher Ludwig Zehetner antwortet. Foto: Archiv

Für „schluchzen“ kennt man im Dialekt „rotzen“ (unten erwähnt) und „himpfazn, himpfelzen“; ein „Himpfe(l)zer“ ist ein Schluchzer. Die Träne heißt im Bairischen „Zàcherl“; dem entspricht das veraltete hochsprachliche Wort „Zähre“.

In der Komödie „Erster Klasse“ von Ludwig Thoma berichtet Josef Filser über seine Frau, als er zur Landtagssession nach München aufbrach: „Zahnt hot’s wiar a Hausmoder.“ Die Verhochdeutschung „Gezahnt hat sie wie ein Hausmarder“ bringt uns dem Sinn nicht viel näher. „Zahnen“ bedeutet: klaffen, den Mund aufreißen; neugierig gaffen, schadenfroh grinsen; weinen. „Nacha hat’s’n gfreut, da hat er zahnt, wej a Holzfuchs“ (Wugg Retzer). Einen „zahnerten Holzfuchs“ nennt man einen verschlagenen, hinterhältigen, schadenfrohen Menschen. In der Standardsprache bezeichnet man ein Kind als zahnend, wenn es Zähne kriegt, in der Mundart, wenn es weint.

Auch „blecken“ hat verschiedene Bedeutungen. Auszugehen ist von: sehen lassen (verwandt mit: blicken), sodann: die Zähne zeigen; die Zunge herausstrecken; spotten, höhnen; lachen, grinsen; weinen, heulen.

Standen bisher das Fließen von Tränen und das Verziehen des Mundes im Vordergrund, so ist es bei „plärren, röhren“ die Lautäußerung, eventuell auch bei „blecken“. „G’schrian und g’rährt hat ’s, daß ma’s weit g’hört hat“ (Emerenz Meier). Bekannt ist der röhrende Hirsch. Ganz so laut ist das „Rehren“ eines Menschen sicher nicht.

In bestimmten Gegenden kennt man weitere Bezeichnungen, im Bayerischen Wald etwa „du’ln“ (dudeln) oder „blebern (bläwan)“, in der nördlichen Oberpfalz „bäign, bäing“ (ungestüm weinen; ursprünglich von Rindern: laut brüllen). Aus Weiden stammt der folgende Satz: „Muatta, gäi eina, da Bou bäigt wäi a Väich!“ (Geh herein, der Bub brüllt wie ein Vieh).

Die Anregung dazu lieferte Hans Reichhart.

’s Rooz is eam owa-gruna.

Der Nasenschleim heißt bei uns meist „das Rotz“, nicht „der Rotz“ oder gar „die Rotze“. Man sagt: „’s Rooz is eam owa-gruna (herabgeronnen). Der wischt ’s Rooz einfach an’ Ärml hi.“ Wir haben das neutrale Genus bewahrt, das auch im Mittelalter galt. Es gibt eine ganze Reihe von Wortbildungen mit „Rotz“ als abfällige Ausdrücke für freche, vorlaute, unverschämte, „rotzige“ Jugendliche: „Rotzbub (Roozbua), Rotzmàdl, Rotzdirndl (Roozdeandl), Rotznase(n), Rotzbengel, Rotzpippe(n), Rotzlöffel“. Eine derbe Abfuhr kann dann lauten: „Dir gib i nacha glei an altn Deppn, Roozleffe, rotziga!“ Eine „Rotzglocke“ ist herunterhängender Nasenschleim. Wer einfach hängen lässt, was aus der Nase rinnt, ist ein „Rotzglockenläuter“.

Den Satz: „Da befahl König Pharao seinem Chauffeur: ‚Gehe hin und streue Rotzglocken unter das Volk!‘“ findet man bei Karl Valentin. Scherzhaft nennt man ein Oberlippenbärtchen „Rotzbrems“, und ein (Stoff-) Taschentuch ist ein „Rotztüchel, Rotzhadern“ oder „Rotzfetzen“.

Mit dem Verb „rotzen“ kann gemeint sein: vom Schnupfen geplagt sein. Weil beim Weinen nicht nur die Augen nässen, sondern auch die Nase zu rinnen beginnt, steht „rotzen“ mundartlich auch für: weinen, schluchzen. „Jetz hör halt ’s Rotzn auf!“ Ferner kann „rotzen“ auch verkürzt für „schmarotzen“ stehen.

Eine Frage von Manfred Langer


Bairisch zum Durchklicken – unsere Bildergalerie:

Griaß engg! Griaß eich! Griaßts eich!

Diese drei Varianten zeigen die zeitliche Abfolge der Veränderung der bairischen Begrüßung an. Früher sagte man „Griaß engg!“. Das mundartliche Pronomen „engg, eng“ (Dativ- und Akkusativform zu „ees“) findet sich heute weitgehend ersetzt durch hochsprachlich „euch“ (mit Entrundung als „eich“). Gleiches gilt für die Verabschiedung mit „Pfiat engg! Pfiat eich! Pfiats eich!“ Beide Grußformeln beinhalten ursprünglich einen Segenswunsch: „Gott grüße (im Sinn von segne) euch! Gott behüte euch!“ Es liegen fromme Wünsche vor mit Optativformen des Verbs: er möge euch segnen / behüten. Dieser religiöse Sinn geht zunehmend verloren.

Ein erster Schritt erfolgt, wenn „Griaßt eich!“ gesagt wird – mit t-Einschub, so als wolle man sagen: „Man grüßt euch“. Ein nächster Schritt führt zum Einschub von „-s“, was unglaublich häufig zu hören ist: „Griaßts /
Pfiats eich!“ Die Endung „-ts“ bei der zweiten Person Mehrzahl der Verben ist fest verankert in der bairischen Grammatik (ihr / ees essts, trinkts, machts), auch im Imperativ Plural (Kemmts!, Schaugts her!).

In verkürzter Form tritt „ees“ als Endung auf (als so genanntes enklitisches Pronomen). Genau genommen, liegen mit „Griaßts / Pfiats eich!“ also Befehle vor: „Grüßt / Behütet euch (selbst)!“, was eigentlich nicht gemeint ist. Doch so eine Sprachentwicklung ist nicht zu steuern.

Eine Bemerkung noch zum bairischen Fürwort „ees“ (auch „eß“ geschrieben, früher „ös“). Viele Leute brillieren mit der Behauptung, es handle sich um einen Dual. Richtig ist, dass es formal einem historischen Dual entspricht; im Gotischen hat es „ihr beide“ bedeutet. Im Bairischen aber fiel diese Besonderheit weg, und „ees“ steht einfach anstelle von hochsprachlich „ihr“ (zweite Person Mehrzahl).

Einem Hinweis von Hans Scheuring folgend

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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