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Muss a gscherter Hund geschoren sein?

Frongs den Zehetner: Diesmal erklärt Ludwig Zehetner Dialektwissen über den Pfarrer und sein Mittagessen und andere bayerische Schmankerl.

Eine schöne Frisur trägt er, ist aber gewiss kein gscherter Hund.Foto: dpa

Brauchst sched über

d’Strass geh

Das Wörtchen „sched“ hält man da und dort für eine ganz spezielle Besonderheit der eigenen engeren Heimat; die Hallertauer nehmen es für sich in Anspruch, ebenso die Bayerwäldler und manch andere. Dabei darf „sched“ als allgemeinbairisch gelten: „Brauchst sched über d’Strass geh zon Kramer.“ Der Gstanzlsänger Sebastian Daller (aus Teugn, Kreis Kelheim) textete 2008 über die damalige CSU-Spitze: „Da Huber und da Beckstein / han s beste Führungstandem vo da Wölt / sched des Tandem hod an Plattn / und da Lenker is vastöllt“. In manchen Gegenden, vor allem in den Städten, mag das mundartliche „sched“ außer Gebrauch gekommen sein und wird ersetzt durch die standardsprachlichen Wörter „bloß, einfach, nur“.

Die Entstehung von „sched“ ist relativ gut durchschaubar. Es handelt sich um eine lautliche Vereinfachung von „schlecht“ im Sinne von ‚schlicht, einfach‘ (vgl. „schlechthin, schlechterdings“). Dass die Lautfolge „cht“ zu „t = d“ wird, begegnet uns im Dialekt häufig: Aus „nicht“ ist „ned“ oder „niad“ geworden; „Nod, Gned, Liad/Läid“ sind die altmundartlichen Ausspracheformen von „Nacht, Knecht, Licht“. Die gleiche Lautentwicklung darf in Anspruch genommen werden für „schled“ aus „schlecht“. „Schled, gschled“ steht mundartlich für ‚nur, bloß, einfach‘ oder für ‚geradezu, wohl oder übel‘, so etwa bei Emerenz Meier: „I kenn koa Dirndl, dös dazua pass’n möcht. Da müass’n mir g’schlecht um fremde schau“ (hier mit „cht“ geschrieben). Ein weiterer Schritt der Vereinfachung erfolgte mit dem Verschwinden des Konsonanten „l“, so dass „sched“ resultiert aus ursprünglichem „schlecht“.

Die Frage stellte Margarete Reisinger aus Neunburg vorm Wald.

Und der Pfarrer singt: „Leni, dradantum procenta“

Man erzählt sich, dass ein Pfarrer während des sonntäglichen Hochamts befürchtete, seine Haushälterin, die andächtig im Kirchenstuhl saß, würde vergessen, die im Bratrohr brutzelnde Ente umzuwenden. Also drehte er sich am Altar um (damals stand der Priester mit dem Rücken zum Volk) und sang mit ausgebreiteten Armen: „Léni dradántum procénta“, worauf die Gemeinde respondierte: „Et cum spíritu túo.“ Die Leni aber verstand sehr wohl, was der Pfarrherr ihr mitteilen wollte: ‚Dreh die Ente um. Brat sie auf der anderen Seite auch!‘ Entscheidend für das Verständnis dieses pseudo-lateinischen Satzes ist die Kenntnis des bairischen Wortes „ent“ für ‚auf der anderen Seite, jenseits‘. Zugrunde liegt althochdeutsch „ener“, eine Nebenform zu „jener“. Neben „enhalb, enenhalb“ kennt bereits das mittelalterliche Deutsch um ein „t“ erweiterte Formen wie „enet-, enenthalb“, fortlebend in bairisch „ent, enten, enterhalb, herent(en), herenterhalb, drent(en), drenterhalb“ (teilweise mit Diphthong: „eant, dreant“ usw.). Ortsnamen wie „Entau, Entfelden, Entmoos, Enterrottach, Entermainsbach“ enthalten als Bestimmungswort „ent, enter“, womit die Lage ‚drüben, auf der anderen Seite (des Flusses)‘ angegeben ist.

Die Anregung lieferte Helena Helmberger aus Regensburg.

Können die Bayern kein „ü“ und „eu“ sprechen?

Im Bairischen und in anderen ober- und mitteldeutschen Mundarten werden die Umlaute „eu, äu“ zu „ei, ai“, ebenso „ü“ zu „i“, und „ö“ zu „e“. Unzählige Beispiele belegen diese Umlaut-Entrundung. In seinem Buch „Tief in Bayern“ witzelt R.W.B. McCormack darüber folgendermaßen: „Wenn die Feuerwehr ‚von Feia zu Feia eilt‘, ist es nicht ausgemacht, ob es um eine Serienbrandstiftung oder um Freizeitverhalten geht.“ Wörter wie „Feuer, Leute, neu, Häuser, räuspern; Hütte, Schlüssel, wünschen, Köpfe, böse“ spricht man als „Feia, Leid, nei, Heisa, reischpan; Hittn, Schlissl, winschn, Kepf, bäs“. Sofern der mittelhochdeutsche Diphthong „üe“ zugrunde liegt, resultiert mittelbairisch „ia“ („siass, miassn, Hiad“ für ‚süß, müssen, Hüte‘), nordbairisch „äi“ („säiss, mäissn, Häid“). Es wäre allerdings absolut falsch, daraus zu schließen, die Baiern könnten kein „ü“ oder „eu“ sprechen, wie das immer wieder einmal behauptet wird (etwa in einem verbreiteten Beitrag mit der Überschrift „Warum man in Bayern nicht Tschüß sagt“). Dass sich die bairischen Sprechwerkzeuge nicht sperren gegen „ü“ und „eu“, lässt sich leicht beweisen. Auch hierzulande sagt man „Schüler“ und „Müll“; niemand käme auf die Idee, diese Wörter als „Schiler, Mill“ auszusprechen. Freilich handelt sich dabei um Entlehnungen aus der Hochsprache (für die älteren Bezeichnungen „Schulbub, -dirndl, Aschen, Abfall“), ebenso bei der Währungseinheit „Euro“. Doch auch im althergebrachten Dialekt kommen gerundete Umlaute vor, sowohl „ü, ö“ als auch „eu = òi“. Man denke an oberpfälzisch „vüll, schnöll“ (viel, schnell), ganz zu schweigen von österreichisch „vüü, schnöö“. Mächtig ins Gewicht fällt auch das Ergebnis der mittelbairischen l-Vokalisierung, wenn „bald, Wald, Hals, alles“ ausgesprochen werden als „bòid, Wòid, Hòis, òiss“. In gewissen Teilen Oberbayerns spricht man „el“ als „öi“, z. B. „Göid, schnöi“ für ‚Geld, schnell‘. Der Gaudi halber könnte man „beud, Weud, Heus, euss, Geud, schneu“ verschriften. Im Nordbairischen ist „òi“ lautgesetzlich in mehrsilbigen Wörtern mit altem „ei“, so etwa in „hòissn, Gòissn, Lòitta“ (heißen, Geißen, Leiter). In einem bestimmten Gebiet tritt die geschlossene Variante „oi“ auf: „doif, boing, gloim“ (tief, biegen, klieben; althochdeutsch „tiof, biogan, klioban“). Durch l-Vokalisierung resultiert in Nieder- und Oberbayern „oi“ aus „ol“, z. B. „Goid, voi, Hoiz“ (Gold, voll, Holz).

Die Frage stellte Bernhard Lauerer aus Laaber.

A guads Koud – wertvolles Erdreich

Im Bairischen sagt man „das Kot“, ausgesprochen „’s Koud“, für ‚Erdreich, Humus‘. Hinsichtlich Bedeutung und grammatischem Geschlecht unterscheidet es sich von schriftsprachlich „der Kot“. Zugrunde liegt altdeutsch „quât, kôt“, ehedem ein Neutrum, mit der Bedeutung ‚Dung, Mist‘. Weil dieser für das Pflanzenwachstum wichtig ist, sagt man im Dialekt „’s Koud“ zur Acker- oder Gartenerde, während die Hochsprache „der Kot“ nur im Sinne von ‚Exkrement(e)‘ verwendet. Das mundartliche Adjektiv „kotig, koudig“ steht für ‚erdig, lehmig, schlammig, dreckig‘. Zum Mann, der von der Gartenarbeit kommend das Haus betritt, sagt die Hausfrau: „Ziagst ned glei deine koudign Stiefl aus!“

Die Frage stellte Maria-Theresia Pasquazzo über Facebook.

Warum bezeichnet man Treppen als Staffeln und Stiegen?

Das Wort „Treppe“ stammt aus dem Ostmittel- und Niederdeutschen; im Süden des deutschen Sprachraums kennt man es noch nicht lange. Erst in jüngerer Zeit wurde es heimisch, was die Aussprache „Dreppm“ beweist. In Österreich ist die normale Bezeichnung „Stiege“, auch bei uns im Dialekt als „Stiang“ (bzw. nordbairisch „Stäing“) geläufig, soweit nicht „Stàffeln“ gesagt wird. Mit „Staffel“ ist in erster Linie die einzelne Treppenstufe gemeint; der Plural bedeutet ‚Treppe‘. „Die wohnen ganz droben im Juché, da geht’s über vier Staffeln nauf.“

Die Klärung wünschte sich Michaela Fleischmann über Facebook.

Ein „gscherter Hund“ – was versteht man darunter?

„A gscherter Hund“ ist abwertend und ehrenrührig gemeint. Es bedeutet nämlich ‚ein gemeiner, unverschämter Kerl‘, nicht etwa ‚ein geschorener Hund‘. Um zu verstehen, wie das Adjektiv „geschert“ (schwach gebildetes Partizip Perfekt von „scheren“) zu der Bedeutung ‚ungehobelt, ordinär, derb‘ kam, muss man wissen, dass früher die leibeigenen Bauern geschorene Schädel hatten im Gegensatz zu den adeligen Herren, die langes Haar trugen. „Hund“ allein muss nicht beleidigend sein, es kann auch Anerkennung und Respekt zum Ausdruck bringen. In Herbert Rosendorfers Roman „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ ist der Deutsche begeistert von den Lehren des Konfuzius, die ihm sein Gast aus China nahegebracht hat, und befindet abschließend: „War schon ein Hund, Ihr Konfuzius!“

Um diese Auskunft ersuchte Luise Teichmann-Schneider.

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