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Dialekt-Wörter
Montag, 18. Juni 2018 26° 2

Dialekt

„Schaung mar amoi, na seng ma’s scho“

„Sehen“ und „schauen“ sind nicht gegeneinander austauschbar.

Wer in der Schule mit einem Spickzettel erwischt wird, erhält einen Spicksechser.Foto: dpa-Archiv

Regensburg. „Schaun mer moi, dann sehn mer scho.“ So wird Franz Beckenbauers diplomatisch ausweichende Wendung oft zitiert. Konsequent mundartlich müsste es heißen: „Schaung mar amoi, na sengma’s scho“. In diesem Satz wird deutlich, dass „schauen“ und „sehen“ unterschiedliche Bedeutung haben. „Schaug’n bloß o! Ma sichts glei, dàß a nimmer gsund is.“ Wird der Blick absichtlich auf etwas gelenkt, sagen wir „schauen“, d. h. blicken als bewusste Handlung, erkennen, aktiv feststellen. Unter „sehen“ hingegen versteht man in erster Linie die unwillkürliche und passive Wahrnehmung optischer Eindrücke. Die beiden Verben werden im Bairischen streng unterschieden. Wendungen wie „Wie siehst du denn aus? Sieh zu, dass du fertig wirst!“ entsprechen nicht dem regionalen Usus. Bei uns heißt es: „Wie schaust denn du aus? Schau, dass du fertig wirst!“ Das ist bairische Hoch- und Schriftsprache; auf die mundartliche Lautung wird weiter unten eingegangen.

„Du musst nach der Oma schauen“

Da zielgerichtetes Handeln vorliegt, steht das Verb „schauen“ für ‚nachsehen, kontrollieren, auf etwas achten‘ sowie für ‚trachten, zu erreichen suchen, sich umsehen, sorgen‘: „Auf die Uhr schauen. Schau, ob es noch regnet! Sie müssen schauen, dass der Betrieb einigermaßen in Schwung kommt“. Die idiomatischen Wendungen „nach jemandem schauen“ und „auf etwas/jemanden schauen“ bedeuten ‚sich kümmern um, sorgen für‘ und ‚beaufsichtigen‘ bzw. ‚pfleglich behandeln‘. „Du musst nach der Oma schauen, wenn wir in Urlaub sind. Wer schaut auf deine Kinder, wenn du im Krankenhaus bist? Auf die Möbel haben sie gar nicht geschaut.“

Wenn man sich eine Sendung im Fernsehen anschaut, tut man „Fernseh schaung“. Nicht einverstanden mit dem Programm, das seine Frau eingeschaltet hat, kritisiert der Mann: „Geh, wos schaugst’n oiwei für an Schmarrn!“. Die Verabschiedungsfloskeln „Auf Wiedersehn“ und „Auf Wiederschaun“ werden oft im Wechsel gebraucht; sagt der eine „Auf Wiedersehn“, reagiert der andere mit „Auf Wiederschaun“ und umgekehrt.

Zum Wortstamm von „sehen“ gehören die mundartlichen Partikeln „sä“ und „sia“, beide recht selten geworden. „Sä, a bor Guatln fiar eng“, hat die Oma gesagt, wenn sie uns Kindern Süßigkeiten geschenkt hat. Lautlich deckt sich „sä“ zwar mit der Aussprache von französisch „c’est“, aber inhaltlich passt es nicht. Kein Franzose begleitet die Überreichung von etwas Erbetenem mit „C’est“ (das ist), sondern mit „Voilà“. Bairisch „sä“ bedeutet dasselbe wie ‚siehe da‘, wofür wir im Alltag „schau her“ sagen. Als Satzanhängsel hört man „sia“, zum Beispiel: „I hob dir’s ja glei gsagt, sia.“

Das Verb „gucken“ – mit anlautendem „g“ – ist gemeindeutsch. Man kennt den „Hans-guck-in-die-Luft“, ein Feldstecher oder Opernglas wird im Bairischen als „Gucker“ bezeichnet, und ein kleines Fenster, das den Blick auf die Haustür ermöglicht, ist ein „Guckfensterl“. Wer neugierig die Deckel der Töpfe auf dem Herd anhebt, um zu sehen, was es zu essen gibt, den nennt man einen „Hàferlgucker“. Die niederbayerische Bäuerin Anna Wimschneider berichtet aus ihrer Jugend, sie sei so klein gewesen, dass sie „in keinen Topf gucken konnte“. Damit ist nachgewiesen, dass „gucken“ auch bei uns heimisch ist – beziehungsweise war. Denn heute vermeiden regionsloyale Sprecher das Wort, weil es dem als typisch norddeutsch verpönten „kucken“ zu nahe kommt. Bei „kucken“ handelt es sich wohl um eine Mischform aus „gucken“ und plattdeutsch „kieken“. Tatsache ist, dass sich „kucken“ in jüngerer Zeit in bedenklicher Weise in den Vordergrund schiebt und „sehen, schauen“ verdrängt. Auf die Frage nach seinen Fernsehgewohnheiten antwortet einer: „Ich kuck nur die Nachrichten, keine Filme“ – anstatt: „Ich sehe mir nur die Nachrichten an“ oder süddeutsch: „Ich schau sie mir an“. Selbst dialektfeste Zeitgenossen vergreifen sich, indem sie zum Beispiel sagen: „Da muss ich mal im Lager kucken, ob wir den Artikel noch haben“. Voller Freude über seine Entdeckung im Garten ruft das Kind: „Kuck mal, eine Blindschleiche!“ Ein Schüler fährt seinen Kameraden an: „Kuck nicht so blöd!“ In allen Fällen wäre „schauen“ am Platz. Weder „Kuck mal“ noch „Sieh mal (einer) an!“ ist bairisches Deutsch, sondern „Da schau her!“

Unterschiedliche Nuancen des bewussten Schauens – starren Blicks, verstohlen, neugierig, begehrlich usw. – kommen zum Ausdruck mit schriftdeutsch „glotzen, lugen, spähen“ und bairisch „spitzen, spechten, spicken, linsen, luren“. Hier literarische Belege aus Werken von (1) Oskar Maria Graf, (2) Eugen Oker und (3) Lieselotte Denk: „(1) Vielerorts spitzten jetzt die heiratsfähigen Bauerntöchter drauf, wie sich denn der Amrainer Sepp zum Heiraten stelle. (2) Ums Eck herum spechtet verlegen seine Frau. (3) Der junge Mann am Nebentisch, der zu ihr herüberlinste.

Schüler haben einen Spickzettel

Vor allem im schulischen Bereich ist das Verb „spicken“ verbreitet im Sinne von ‚sich bei einer Prüfung unlauterer Mittel bedienen‘. Es kann vom Nachbarn gespickt werden. Viele rüsten sich mit einem „Spickzettel“ aus, auf dem Formeln oder Vokabeln notiert sind; auch das Handy kann solche Dienste erfüllen. Wer erwischt wird, erhält einen „Spicksechser“.

Über die aufgezeigte Bedeutungsdifferenzierung hinaus weisen die beiden hier betrachteten Verben Besonderheiten in der mundartlichen Lautung auf: Sie leisten sich im Wortstamm einen zusätzlichen Konsonanten, vorgezeichnet durch historisch „saihwan“ (gotisch), „scouwôn“ (althochdeutsch). In verschriftsprachlichter Form ist fürs Bairische „segen, schaugen“ anzusetzen, gesprochen: „seng, schaung“. Im nördlichen Altbayern (einschließlich Regensburg) fehlt das „g“ bzw. „ch“, es heißt nicht „seng, schaung“, sondern „seha, schaua“. Die Beugungsformen von ‚sehen‘ können lauten: „i siech, du sichst, er/sie/es sicht“ oder „i seg, du segst, er/sie/es segt“ oder „i siag, du siagst, er/sie/es siagt“, nordbairisch „i sia, du siast, er/sie/es siat“, die Mehrzahlformen: „mir seng(ma), ihr/ees segts, sie seng(d)“, in der Vergangenheit tritt das Partizip Perfekt auf: „Habt’s n gseng?“ Auch der Wortstamm von „schauen“ endet in sämtlichen Formen auf „g“: Infinitiv: „schaung“, Einzahl: „i schaug, du schaugst, er/sie/es schaugt“, Mehrzahl „mir schaung(ma), ihr/ees schaugts, sie schaung(d)“, Vergangenheit: „Do hams gschaugt“. Zufällig deckt sich die Lautung von „schaug(en)“ mit „Aug(en)“: „Schaug sei Aug o! Mia schaung mit de Aung“.

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