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„Sperl’s o an der Pinnwand!“

Über Nadeln der verschiedensten Art

Schöne Briefe – mit feinen Nadeln an die Pinnwand gesteckt. Foto: dpa

So unverträglich sind alte Dialektausdrücke und neuere Wörter gar nicht. In der Aufforderung „Sperl’s o an der Pinnwand“ findet sich bairisch „ansperlen“ kombiniert mit „Pinnwand“, der Eindeutschung von englisch „pinboard“. Im Norddeutschen gibt es „pinnen“, im Englischen „pin up“. Die Bedeutung ist dieselbe, nämlich: mit einer Nadel fixieren. Für die (abgefallenen) Nadeln von Fichte, Tanne, Föhre kennt das Bairische die Bezeichnungen „Tangeln (Dangln)“ und „Sperln“. Zum Einstreuen für das Stallvieh verwendete man früher „Dangl-Straa“, also Nadelbaumzweige. „Der/das Sperl“ meint aber auch verschiedene Arten von dünnen, spitzen Metallstiften, insbesondere Stecknadeln. „Wos sticht mi’n do in da Brust“, wundert sich einer beim ersten Tragen des neu gekauften Hemds, „hob i eppa an Sperl vogessn zum Rausdoa?“

Ein anderes Wort für Stecknadel ist „Glufen (Glufern, Glufan)“, bereits im mittelalterlichen Deutsch belegt als „glufe“. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Sicherheitsnadel in ihrer heutigen Form erfunden wurde, übertrug man „Glufe“ auf den neuen Gegenstand. Dass man zwischen beiden Bezeichnungen differenzierte, beweist die bei Schmeller erwähnte „Sperl- und Klufenfabrik“ (19.Jahrhundert). Lena Christ schreibt über einen fahrenden Händler und Lumpensammler: „Der zog von Dorf zu Dorf mit seiner Kirm auf dem Rücken und hat für Haderlumpen den Leuten Nähnadeln, Steckklufen und anderes verkauft.“

Nicht alle werden wissen, was eine „Kirm“ ist. Es handelt sich um die bairische Lautung von „Kürbe(n)“, verwandt mit „Korb“, und bezeichnet einen aus Holzspänen oder Weidenruten geflochtenen Rückentragekorb. Der Korbmacher heißt „Kirm-, Kürbenzäuner“. In seinem „Bayerischen Wörterbuch“ erklärt J. A. Schmeller: „der aus Holz- und Wurzelschienen Kürben flicht, zäunt.“ Und in Klammern fügt er hinzu: „Unter allen Gewerben ist dieses unscheinbare dem Verfasser des Wörterbuchs das ehrwürdigste, denn es ist das eines bald achtzigjährigen Ehrenmannes, dem er sein Daseyn und seine erste Erziehung verdankt“ – ein anrührendes Zeichen der Hochachtung, die der große Gelehrte seinem Vater zollt.

Zum Befestigen der zum Trocknen aufgehängten Wäschestücke dienen Wäscheklammern. Ältere Exemplare bestehen aus einem gespaltenen Stück Holz, spätere aus zwei in bestimmter Art geformten Hölzchen, die von einer Metallfeder mit zwei Bügeln zusammengehalten werden. Mag sich auch der Gegenstand gewandelt haben, das Wort „Klupperl“ ist geblieben. Man staunt, im Duden verzeichnet zu finden: „Klupperl, das – bayer. für Wäscheklammer; scherzhaft für Finger“. Gemeindeutsch ist die Bezeichnung „Kluppe“ für Klammer, Klemme, Zwangholz, etwa solche, mit denen man Schaf- und Geißböcke kastriert durch Einklemmen der Hoden.

„Dangeln, Sperln, Glufern“ – lauter Wörter für unterschiedliche Nadeln; die Nähnadel aber heißt auch im Dialekt „Nadel“. Sowohl „Nadel“ als auch „Faden“ kann zum Einsilbler schrumpfen: „Nadl, Nodl, Nol; Fadn, Fodn, Fon“. Eine Frau, die ihr Auskommen mit Nadel und Faden bestreitet, ist eine „Nahterin (Nodarin)“, ohne Umlaut gebildet zu „nähen (nàhn)“ wie „Mahder“ zu „mähen (màhn)“ (Näherin, Mäher). Nicht nur in ländlichem Bairisch hört man „Fom“ für Faden und „ei-fàma“ für einfädeln (in eher städtischem Bairisch: „ei-fàdln, -fàln“). Das „m“ ist etymologisch; im mittelalterlichen Deutsch hieß es „fadam, fadem“. Eine Parallele liegt vor mit „Bom“ für Boden, alt-/mittelhochdeutsch „bodam, bodem“; (vgl. englisch „fathom, bottom“). Im Germanischen gab es eine Reihe von Wortstämmen, die auf „m“ ausgingen. Der Dialekt hat „Fadem, Bodem“ bewahrt, die Schriftsprache einzig „Atem, Odem“ (vgl. in der indogermanischen Sprache Sanskrit „atma“ = Hauch, Seele, uns bekannt vom Ehrentitel Gandhis, den man „Mahatma“ nannte, große Seele).

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