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Vo Furth fiara und àf Minga àffi

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Diesmal geht es unter anderem um Richtungsangaben.

  • „Mia kemman grod vo da Stod aussa“ oder „vo Furth fiara“, so heißt es üblicherweise im Dialekt.Foto: Archiv
  • Professor Dr. Ludwig Zehetner

In b’Berg eini, àf Minga àffi, àf Rom owi

Auswärtige staunen oft darüber, dass die Bayern nicht einfach sagen: „Wir fahren ins Gebirge“ oder „nach München, nach Rom“ oder „Ich war in Hamburg, in Frankreich“, sondern die Ortsangaben ergänzen durch ein zusätzliches Richtungsadverb: „in b’Berg eini, auf (àf) Minga auffi (àffi), auf (àf) Rom owi, z’Hamburg drom, in Frankreich drent“. Man hört auch Aussagen wie: „Mia kemman grod vo da Stod aussa“ oder „vo Furth fiara“ (wörtlich: von der Stadt heraus, von Furth im Wald hervor). Es heißt: „auf England ummi, auf Italien owi“ und „ins Bähm eini“ (nach Tschechien). Entsprechend gibt man an, man sei „z’England drent, im Bähm drin“ gewesen.

Der Dialekt begnügt sich meist nicht einfach mit einer Präposition (nach, in, von), sondern bringt zusätzlich die Richtung der Bewegung zum Ausdruck: nach oben, unten, vorne, hinten, außen, innen, drüben. In jedem Ort existiert ein spezielles Richtungsbild. Für die Einheimischen ist es eine Selbstverständlichkeit zu wissen, ob man sich an einen bestimmten anderen Ort oder in eine Gegend „auffi (àffi), owi, aussi (àssi), eini, ummi (iwi)“ oder „hint(r)i“ bewegt.

Maßgeblich ist in erster Linie einerseits die Topographie: flussabwärts oder -aufwärts, auf der Landkarte gesehen nach Norden hinauf, nach Süden hinunter, oder über ein Hindernis hinweg. Andererseits spielen aber auch gesellschaftliche Wertungen eine Rolle, auch Vorurteile. Von vielen Orten aus fährt man in den Bayerischen Wald „hintri (hinti)“, während es in die Alpen „eini (ei)“ geht. Von Amberg aus geht’s „àf Nürnbeach iwi“ (hinüber), jedoch „àf Rengsbuach owi“ (hinab). Bei der Landeshauptstadt herrscht Unsicherheit, ob man „àf Miicha owi“ oder „àffi“ reist. Von meinem Heimatort Freising aus geht’s „auf Minga auffi, auf Lanzad owi“ (die Isar aufwärts nach München oder abwärts nach Landshut), „in d’Holladau aussi“ und „auf Àrding ummi“ (über das Erdinger Moos hinüber nach Erding). Hat man keine rechte Ahnung davon, wo ein Ort liegt, kann auf „hint(r)i“ ausgewichen werden. Einen besonderen Fall stellt Weiden in der Oberpfalz dar. Der Name der Stadt wird mit bestimmtem Artikel gebraucht, also appellativisch: „in d’Wei(d)n ei (eini), in da Wei(d)n drin, vo da Wei(d)n àssa“ (hinein, drinnen, heraus). Gleiches gilt etwa auch für Lam im Bayerischen Wald und für Orte mit einem Namen auf „-au“ (Frauenau, Grafenau). Es heißt, jemand stamme „aus der Lam“ oder wohne „in der Au“.

(Eine Frage von Daniela Wilhelm)

Der sauft, dass eahm Bimaissn wachsn

Wenn ein verhältnismäßig zu kleiner Kopf ein „Bi-Meisen-Köpfl“ genannt wird und man meint, der Ausdruck hätte etwas mit dem Vogelnamen Meise zu tun, so liegt hier eine volksetymologische Umdeutung vor. Was sollte denn die betonte Vorsilbe „Bi-“ bedeuten? Eher passen die Wörter „Bimaissn, Bimoasn, Bimassn“, wie die Sumpfpflanze Binse im Bairischen heißt. Die Blätter oder Halme der Binsen sind sehr schmal, und bestimmte Arten tragen einen Blütenstand, der wie „geknäuelt“ aussieht; daher rührt der Name Knäuelbinse (Juncus conglomeratus). Der Blütenknäuel oben am Halm sieht tatsächlich aus wie ein kleiner Kopf auf langem Hals. Es kann sehr wohl sein, dass der Volksmund diesen Vergleich aufgegriffen hat: Ein kleiner Kopf ist ein „Bimaissn-Köpfl“.

Von einem, der übermäßig viel trinkt, sagt man: „Der sauft, dass eahm Bimassn wachsen“, das heißt, er verwandelt sich quasi in ein Feuchtbiotop, in dem Binsen wachsen könnten. Als „Bomeislhaar“ bezeichnet man eine struppige Haartracht. Dass Binsen im Volksbewusstsein so präsent sind, liegt daran, dass sie vielfache Nutzung gefunden haben: als Flechtmaterial für Taschen, Körbe und Schuhe, früher auch als Streu in den Viehställen.

(Eine Frage von Hubert Glaubitz)

Fragen an den MZ-Experten

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    Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat.

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    Sie können Ihre Fragen als E-Mail an dialekt@mittelbayerische.de schicken oder melden Sie sich mit einer Nachricht auf www.mittelbayerische.de/facebook. Ihre Briefe richten Sie an Mittelbayerische Zeitung, Bayernredaktion, Stichwort: Dialekt, Kumpfmühler Str. 15, 93047 Regensburg.

Die hod an Schurz an aim o

Wer ein Kleidungsstück „an aim“ oder „an aims“ trägt, hat es verkehrt herum angezogen, den vorderen Teil nach hinten oder umgekehrt, oder die Innenseite nach außen. Wenn ihr Schurz zu schmutzig geworden ist, hat die Bäuerin eine einfache Lösung: Sie dreht ihn einfach um, auf die „mächad Seitn“. Auf den ersten Blick erkennt man nicht, dass es sich bei „aim(s)“ und „mächad“ um Spielarten von ein und demselben Wort handelt. Dialektfeste Zeitgenossen kennen die eine oder andere davon. In den verschiedenen Regionen Altbayerns – und weit darüber hinaus – gibt (oder gab) es unglaublich viele davon: „aim, aimd, aimisch, naimisch, aimerisch, aweacha, awech, awich, aiweach, awicha, gabich, gawich, gäwisch, gawisch, iwisch, gaichad, maichad, mächad, echad, naiwicht“ und andere mehr. Allen gemeinsam ist die Grundbedeutung: verkehrt.

In Schmellers „Bayerischem Wörterbuch“ finden sich folgende Beispiele: dem Pferd das Hufeisen „awech“ aufschlagen; „an awechana Bloz“ ist ein abgelegener Ort; da geht’s „aimarisch zua“ heißt: es herrschen chaotische Zustände. Ein verhüllender Ausdruck für das Verrichten der Notdurft ist „die Hose umkehren“, noch deutlicher: „d’Hosn an aims umkehrn“, womit klar zum Ausdruck kommt, dass beim großen Geschäft das Innere des Kleidungsstücks nach außen gewendet erscheint. Die Wohnung, das Haus „in aim umkehrn“ meint, alle Kästen und Truhen durchsuchen, die Winkel und Ecken ausräumen und säubern, Großputz machen. Die „aimische Hent“ bezeichnet den Handrücken, und eine damit verabreichte Ohrfeige ist „an aimische Fotzn“.

Wer versteht das heute noch: „Do bist an den Aweachan kemma“ (an den Falschen, Unrechten gekommen), wer sagt noch: „Dees is da aweche Weg“ (der falsche Weg)? Im 19. Jahrhundert hat Franz Xaver von Schönwerth in der Oberpfalz Folgendes aufgezeichnet: Man glaubte, der einsame Wanderer, der sich des Nachts von Irrlichtern oder „feurigen Männlein“ belästigt fühlt, könne den Spuk beenden, indem er einen Teil der Kleidung mit der Innenseite nach außen wendet, Joppe oder Mantel auf der „mächadn Seitn“ trägt.

„Das Innere nach außen oder das Untere nach oben gewendet“ ist der Sinn des Worts in den bisherigen Beispielen. In den folgenden Sätzen tritt die Bedeutungsnuance „links“ in den Vordergrund. Sich beim Tanzen links herum drehen heißt im Bayerischen Wald „aimisch danzn“. Den Kindern wird beigebracht, bei Begrüßung oder Verabschiedung immer die „schöne“ Hand zu reichen, also die rechte, nicht aber die linke, die „aweacha“ oder die „denke Hent“.

Im westlichen Oberbayern kennt man die Redensart „Schwäbisch ist gäbisch“ und beleidigt damit die benachbarten Schwaben, indem man sie als tölpelhaft, ungeschickt hinstellt. Ein „aimischer, gabischer Mensch“ ist ein Sonderling, ein Verrückter, der zu unüberlegten Handlungen neigt. Mit einer bestimmten Frau aus der Nachbarschaft wollte meine Mutter nur ungern ins Gespräch kommen, und ich erinnere mich, dass sie ihre Abneigung so begründete: „Die schaugt so iwisch“. In Niederbayern kommentiert man die Heirat eines Paars, das irgendwie nicht zusammenzupassen scheint, sei es hinsichtlich Lebensalter, Körpergröße oder gesellschaftlicher Herkunft, mit der Feststellung: „De hàn aweacha zsammkema“.

Welche Wurzel steckt nun in den diversen Varianten des Worts? Schmeller führt als Stichwörter auf: „in æben (an èbm, eibm)“ und „abech, abechig (awechi)“, jeweils mit der Bedeutungsangabe: verkehrt. Der Kern ist „ab“, dazu kommt als Ableitungssilbe „-ich, -isch“ oder „-ert (-ad)“. Sämtliche hier genannten Wörter sind Spielarten von „äbich“.

(Eine Frage von Maximilian Heigl aus Waffenbrunn)

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

Dialekt Bairisch – Hätten Sie’s gewusst?

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