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Wo hastn des derlemperte Radl her?

Zum Monatsende gibt es Wissenswertes rund um den Dialekt. Dieses Mal geht es um alte Fahrräder und gebackene Heuleitern.
Von Ludwig Zehetner

Wenn jemand mit einem klapprigen Fahrrad daherkommt, wird gern gehöhnt, er solle sich schämen, mit so einem „derlempertn Ràdl“ zu fahren.
Wenn jemand mit einem klapprigen Fahrrad daherkommt, wird gern gehöhnt, er solle sich schämen, mit so einem „derlempertn Ràdl“ zu fahren. Foto: dpa

Hod da eppa eppa eppas do?

Die schriftsprachliche Übersetzung lautet: „Hat dir etwa jemand etwas zuleid getan?“ Während das Adverb „etwa“ und das Indefinitpronomen „etwas“ hochsprachlich sind, ebenso wie die Wörter „etliche, etwaig“, wird das analog gebildete Wort „etwer“ nur im Dialekt gebraucht. Der Bestandteil „et-“ (althochdeutsch „edde-, ete-“) bedeutet „irgend“.

Die Lautfolge „-tw-“ unterliegt im Dialekt der Assimilation, das heißt die beiden Konsonanten gleichen sich aneinander an: „t“ trägt die Verschlusslautqualität bei, „w“ die labiale Artikulation, so dass „pp“ resultiert. Nach Abschwächung der zweiten Silbe fallen „etwa“ und „etwer“ zusammen in der Form „eppa“. Für „etwas“ gibt es sowohl zweisilbig „eppas“ als auch die Kurzform „epps“. Es empfiehlt sich nicht, die Dialektwörter mit „bb“ zu schreiben, also „ebba, ebbas, ebbs“; denn damit scheint eher die Artikulation abgebildet zu sein, die im Fränkischen gilt.

Die Frage stellte Sepp Obermaier aus Gossersdorf.

Ist Rötz vielleicht eine Sprachinsel?

Weil man Wörter wie „Weiber, Zeit, Heu“ in Rötz als „Wääwa, Zääd, Hää“ ausspricht, meint der Einsender, in Rötz würde ein anderer Dialekt gesprochen als im Umland. Es geht aber ausschließlich um die Zwielaute „ei, eu, au, äu“. Diese werden in bestimmten, relativ kleinen Gebieten der Oberpfalz, aber auch im Bayerischen Wald in Teilen des Landkreises Regen monophthongiert, das heißt als einfache Vokale „ä, ò (offenes o)“ gesprochen, so dass die Lautungen „Zääd, drääm, glää, Hää, Sòò, òòssi“ für „Zeit, treiben, gleich, Heu, Sau, aussi (hinaus)“ stehen. Bekannter als diese kleinen lautgeografischen Inseln ist die wienerisch-niederösterreichische Monophthongierung, mit der sich die in Rötz übliche Erscheinung deckt. Dabei handelt es sich aber um keine Übernahme. Vielmehr ist anzunehmen, dass dieselbe Lautentwicklung an verschiedenen Orten unabhängig voneinander stattgefunden hat.

Eine Frage von Nikolaus Meier aus Rötz

A so a derlemperts Fahrradl oder der hod’s komplett verlempert

Über einen, der einen Einrichtungsgegenstand, ein Gerät oder ein Haus herunterwirtschaftet, verwahrlosen und verkommen lässt, kann man die Bemerkung hören: „Der hod’s komplett verlempert.“ Jemand kommt mit einem rostigen, klapprigen Fahrrad daher, und es wird gehöhnt, er solle sich schämen, mit so einem „derlempertn Ràdl“ zu fahren. Auch Kleidungsstücke oder ein Lehnsessel können „derlempert“ sein, das heißt verschlampt, abgerissen, demoliert. Beim Verb „lempern“ könnte es sich um eine Spielart von „plempern“ handeln, dessen ursprüngliche Bedeutung „verschütten“ ist. Man sagt aber auch, jemand verplempert sein Geld oder seine Zeit, womit nutz- und sinnlose Vergeudung gemeint ist.

Johann Andreas Schmeller zitiert in seinem Wörterbuch (Band I, Spalte 1471) folgenden Vers von Hans Sachs (1560): Der Spieler „grisgrammmet und wemert, / weil er sein pargelt hat verlemmert“ (er knirscht mit den Zähnen und wimmert, weil er sein Bargeld vergeudet, verschleudert hat). Einer, der nichts Rechtes zustande bringt, bekommt zu hören: „Du bist mir àà so a Lemperer!“ Ein abfälliges mundartliches Wort für einen Pfuscher, Versager, Taugenichts ist „Lemperer“.

Die Frage kam von Günther Pöhlmann aus Regensburg.

Leb’n – Lebn – Lebm – Lem – lem – leem

Die mundartliche Lautung von Wörtern wie „leben, geben, Abend, lieben, glauben; reden, laden; sagen, tragen, Wagen“ usw. tauchen in der Dialektliteratur in unterschiedlichen Schreibungen auf, je nachdem, wie mutig die Schreiber sind und wie weit sie sich von der Orthographie, also den schriftsprachlichen Entsprechungen, zu entfernen wagen. Recht nahe an der Hochsprache bleiben „leb’n, geb’n, Ab’nd, lieb’n, glaub’n; red’n, leid’n; sag’n, trag’n, Wag’n“. Ein Apostroph zeigt an, dass ein „e“ fehlt.

Von dieser Gepflogenheit hat man sich mittlerweile weitgehend verabschiedet. Seit etwa einem Jahrzehnt liest man nicht mehr von der „Wies’n“, sondern es heißt „Wiesn“, und der Straßenname „Münchner Freiheit“ schreibt sich jetzt amtlich so, nicht „Münchener“ oder „Münch’ner Freiheit“. Also kann man guten Gewissens auch schreiben: „lebn, redn, sagn“. Damit wird die tatsächliche Dialektlautung immer noch nicht abgebildet, weil die Schreibung nicht anzeigt, dass sich das auslautende „n“ an den Konsonanten angleicht: „bn, gn“ wird zu „bm, ng“, auf „d“ folgend, verschwindet es gänzlich: „dn“ wird zu „n“. Trägt man dem Rechnung, sehen obige Wörter so aus: „lebm, gebm, Abmd, liabm“.

Ein weiterer Schritt kommt der lautlichen Realität von grundständiger Mundart noch näher: „lem, gem, ren, song, Wong“ oder „leem, geem, reen, soong, Woong“. Regeln für die Dialektschreibung sollte man nicht festlegen. Wenn man akzeptiert, dass der Dialekt ein eigenständiges Sprachsystem darstellt, wird man von Auslassungszeichen absehen. Progressive Mundartautoren entschließen sich bei ihren Gedichten meist zu einer radikal-phonetischen Schreibung. Als Beispiel diene ein Gedicht von Carl-Ludwig Reichert: „wea zoid schaffd oo / und wea zoid den dea wo oschaffd? / dea dem wo ogschaffd wead zoid den / dea wo oschaffd weil dea wo oschaffd / muas aa lebm damid a oschaffa ko / und zoin / sunsd daad ja dea dem wo ogschaffd wead / fahungan faschdesd!“ (Bairisches Poeticum 2014, Seite 51).Diese Frage stellte Albert Schöberl aus Regensburg.

Als Delikatesse eine gebackene Heuleiter?

Zu einem „gschleckadn, gnàschign“ Kind, das sich weigerte zu essen, was es gab, sagte man früher: „Wart, na
griagst Schniwarizln und bachane Heiloitan.“ Was „Schniwarizln“ sind, lässt sich kaum definieren; es handelt sich wohl um eine spontane Wortbildung für eine besondere Delikatesse, die der Fantasie entspringt. Dass es um zwei unmögliche Gerichte geht, wird klar mit dem zweiten Teil des Versprechens. „Bachane Heiloitan“, das sind „gebackene Heuleitern“ – eine paradoxe Vorstellung: lange hölzerne Leitern, aufgetischt in gebackenem Zustand.

Der historische Zwielaut „ei“ in „Leiter“ wird im Dialekt zu „oa“ (Loatta), im Nordbairischen jedoch, wie in mehrsilbigen Wörtern üblich, zu „oi“ (Loitta). Dem Wortstamm „back-“ entspricht bairisch „bach-“ (mit langem a). Das Verb heißt „bachen [baacha, boocha]“. Lautgleich ist das Perfektpartizip „gebacken“ wie in „altbachen“ oder in „bachane Guatl“ (Gebäck, Plätzchen). Komposita mit dem Erstglied „Bach-“ (lautgleich mit der mundartlichen Aussprache von „der Bach“) sind „Bachstube(n), Bachhäusl, Bachofen“. Geheizt wird mit „Bachscheitern (Boo-scheida), Bachwit (Boo-wid, -wi)“, und vor dem Einschießen des Brotes wird die Feuerstelle ausgekehrt mit einem angefeuchteten Strohbüschel, dem „Bachwisch (Boowiisch)“. Der Berufsbezeichnung Bäcker entspricht im Bairischen „der Beck“ (mittelhochdeutsch „becke“), was häufig als Familienname auftritt.

Die Anregung lieferte Willi Bäumler aus Regensburg.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

Fragen an den MZ-Experten

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    Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat.

  • Kontakt:

    Sie können Ihre Fragen als E-Mail an dialekt@mittelbayerische.de schicken oder melden Sie sich mit einer Nachricht auf www.mittelbayerische.de/facebook. Ihre Briefe richten Sie an Mittelbayerische Zeitung, Bayernredaktion, Stichwort: Dialekt, Kumpfmühler Str. 15, 93047 Regensburg.

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