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Z’weng Zwengalen san im Keawe drin

Zum Monatsende beantwortet Professor Ludwig Zehetner wieder Fragen unserer Leser zum Dialekt. Diesmal geht es unter anderem um Preiselbeeren.

Regensburg.Scherzhafte Verzerrung: De gengan perüawl

„Perüawl geh“ ist an sich dasselbe wie „per Arm gehen“. Im alten Bairisch findet sich umgelautetes „a“ vor „r“ angehoben zu „i“, d. h. aus „är, er“ wird „ir“, ausgesprochen „ia“. Dies ist etwa der Fall bei „fiati, Wiam, wiama, iam, iaga, Miaz, Hiawa, Kiazn, Iada“ für ‚fertig, Wärme, wärmer, erben, ärger, März, Herberge, Kerze, Ertag (Dienstag)‘. Gleichermaßen wird ‚Ärmel‘ zunächst zu „Iaml“, sodann zu „Iawl, Iawe“. Die Wandlung von „ml“ zu „wl“ ist selten, tritt aber hier in Erscheinung, ebenso bei einer regional-mundartlichen Bezeichnung für ‚Schusser‘, nämlich „Àrwl, Àrwe“. Diese Form ist entstanden aus „marmor › marmel › arml › àrwl“. Wenn es heißt, „die gengan perüawl“, so liegt eine scherzhafte Verzerrung vor: ‚sie gehen per Ärmel‘ statt ‚per Arm‘.

Angefragt hat Waltraud Schmalzbauer aus Neudorf

Eine „Halbschàrige“ – eine Frau von zweifelhaftem Ruf

Im Duden findet man „einschürig“ als Qualifikation einer Wiese, die nur einmal im Jahr gemäht werden kann. Unter „halbschürig“ heißt es: ‚veraltet für: minderwertig‘. Wahrscheinlich hängt „-schürig“ zusammen mit „Schur“ (zu „scheren“ im Sinne von ‚schneiden‘). Das Bairische kennt das Eigenschaftswort „halbschàrig“ (mit hellem à). Auf Dingliches bezogen, ist gemeint: ‚von zweifelhafter Qualität, minderwertig, unvollkommen‘. Geht es um Menschen oder deren Verhalten, so steht das Wort für ‚halbherzig, nicht ganz ernst zu nehmend, unsolid‘. Letztere Bedeutungsnuance führte dazu, dass eine Frau von zweifelhaftem Ruf als eine „Halbschàrige“ bezeichnet wird. Zugrunde liegen könnte das Ackern mit ‚halber (Pflug-) Schar‘, d. h. nur oberflächlich, so dass das Ergebnis unbefriedigend bleibt.

Der hat „d’Seel nach der Zwer drin“

Eine lautliche Variante zu gleichbedeutend „quer“ (mitteldeutsch) ist oberdeutsch „zwerch“ – wie in „Zwerchfell“. Fachsprachlich heißt eine große Dachgaube, die quer zum First liegt, „Zwerchhaus“. Die ältesten Vorfahren des Worts liegen vor mit alt-/mittelhochdeutsch „dwerach, twerch“. Ersatz von „dw, tw“ durch „zw“ oder „kw = qu“ führte zu „zwerch“ und „quer“, letzteres mit Wegfall des auslautenden Konsonanten, wie auch beim bairischen Sub-stantiv „die Zwer“. Man sagt über jemanden, der ein zähes Leben hat, lange nicht sterben kann: Der oder die hat „d’Seel nach der Zwer drin“. Auch den Ausdruck „nach der Zwer schauen“ gibt es. Das Eigenschaftswort „überzwerch“ bedeutet ‚schräg, schief, kreuz und quer‘. Von einem verschrobenen Menschen, der charakterlich nicht der Norm entspricht, kann es heißen, er sei „überzwerch“. Parallelen zu „zwer(ch) – quer“ liegen vor mit „Zwetschge“, die in Teilen Deutschlands „Quetsche“ genannt wird, und „Zwengerling“, einer Bezeichnung für ‚Preiselbeere‘ im Bayerischen Wald, die auf „Quendel“ zurückgeht.

Die Fragen stellte Ruth Königsberger

A schöne Leich mit Blasmusik und Böllerschüssen

Wenn einer gestorben ist in Bayern, dann geht man ihm „auf d’Leich“, mundartlich auch „Leicht, Lächt“, d. h. man nimmt an der Beerdigung teil. Wenn dabei die Blasmusik spielt oder, so der Verstorbene Mitglied des Schützenvereins war, er mit Böllerschüssen ins Grab gesenkt wird, dann ist es eine große, eine schöne, eine pfundige Leich. Es darf angenommen werden, dass „Leich“ als Bezeichnung der Trauerfeier und der Bestattung daher kommt, dass man dem Toten zur Ehre „mit seiner Leiche“ geht, sie zu Grabe geleitet.

Die Frage kam von Marina Zenger

Mords gfreit hod a sa se

Für ‚sehr, groß, gewaltig‘ gebraucht man in ganz Deutschland die Vorsilbe „Mords-“; im Duden findet man z. B. „mordsmäßig, Mordsdurst, Mordshunger, Mordskerl“ und weitere solche Wortbildungen. In diese Reihe stellt sich auch „Mordsgaudi“ für ‚Riesengaudi‘. Ein gewaltiges Exemplar heißt bei uns „a Mordstrumm“. Eine bairische Besonderheit dürfte sein, dass „mords“ nicht nur als Präfixoid vorne an ein Wort antritt, sondern dass es auch als selbständiges Adverb vorkommt: „Mords gfreit hod a sa se. Der hod se mords gfreit. Gfreit hod a se mords“ (er hat sich sehr gefreut).

Die Frage wurde eingesandt von Karl-Heinz Hartmann

Die Zwengerlen wachsen im Bayerischen Wald

In gewissen Gebieten des Bayerischen Waldes heißen die Preiselbeeren „Zwengerlen“. Auszugehen ist von althochdeutsch „quenel, quendel“, was zwar eine andere Pflanze bezeichnet hat. Nach einigen Lautveränderungen – „nd“ zu „ng“ (wie bei „gschwing“ für ‚geschwind‘) und „qu“ zu „zw“ (vgl. oben „quer“ und „zwerch“) – entstand „Zwengel“, was dann mit der Endung „-ing“ versehen wurde: „Zwengerling“. Wegen der harntreibenden Wirkung der Beeren brachte man das Wort mit „zwängen“ in Verbindung. Originell ist die volksetymologische Umdeutung, indem man „zweng“ als ‚zu wenig‘ interpretierte, wenn nämlich der Sammelertrag zu gering war. Jedenfalls ist „Zwengerling“ gut deutsch, während „Preisel-“ ebenso wie „Brausbeeren, Breisei“ von tschechisch „brusina“ kommt.

Die Frage kam von Rosemarie Bauer aus Ihrlerstein

Die Wochentagsnamen „Iada“ und „Pfinzda“

Der altbayerische Name für den Dienstag ist „Iada“, eigentlich „Irtag, Ertag“. Die Herkunft des Worts mutet geradezu abenteuerlich an. In vielen Sprachen ist der Tag zwischen Montag und Mittwoch nach dem Kriegsgott benannt. Hochsprachlich „Dienstag“ geht zurück auf „Thingsus“, einen Beinamen des römischen Kriegsgottes Mars. Bei den Römern hieß der Tag „Martis dies“ (Tag des Mars), was zu italienisch „martedì“, französisch „mardi“ geführt hat. Bei den alten Griechen hieß er „Are0s heméra“ (Tag des Kriegsgottes Ares). Als die Ostgoten am Schwarzen Meer siedelten, waren sie das Nachbarvolk der Griechen. Sie übernahmen die Bezeichnung, deutete sie allerdings um als „Areinsdags“, womit sie ihren Presbyter Arius († 336) ehrten, den Begründer ihrer Form des Christentums (Arianismus). Als die Goten im Zuge der Völkerwanderung in Norditalien sesshaft wurden, waren sie Nachbarn der Baiern, die das Wort übernahmen. Aus „ari“ wurde „er“, dieses wiederum im Bairischen zu „ir“ (siehe in den Ausführungen zu „perüawl“). Die mundartlichen Lautungen für „Ertag, Erchtag“ – so wäre die schriftsprachliche Form – sind „Irta, Iada, Erchta, Eachta, Iuchta“ und andere Nebenformen.

In „Pfinzda“ (für Donnerstag) steckt der griechische Zahlwortstamm „pent“ (‚fünf‘; vgl. „Pentagon“), ebenso in „Pfingsten“ (50. Tag nach Ostern). In der traditionellen Zählung der Wochentage, beginnend mit dem Sonntag, ist der Donnerstag der 5. Tag, griechisch „pémpte heméra“. Nach den Regeln der Konsonantenverschiebung wurde im Anlaut aus griechisch/lateinisch „p“ ein „pf“, aus „t“ ein „ts = z“ (vgl. lateinisch „pilum, planta, tegula“ › deutsch „Pfeil, Pflanze, Ziegel“), und der Lautfolge „en“ entspricht „in“ (vgl. lateinisch „census“ › deutsch „Zins“). Die Entwicklung von „pent“ zu „pfinz“ verlief exakt nach den Lautgesetzen.

Diese Frage kam von Augustin Mooser

Bi ned aso gschdroacht

Ein Kind, das albern herumtobt und sich närrisch aufführt, wird gemahnt: „Bi ned aso gschdroacht!“ Dem bairischen Wort „gstroacht“ würde ‚gestreicht‘ entsprechen; wir erkennen denselben Wortstamm wie in hochsprachlich „einen Streich (spielen)“. Die alte Bedeutung von „Streich“ ist eigentlich ‚Hieb‘ (vgl. „Schwertstreich, Handstreich“). Als „Stroach“ wird ein Spaßvogel bezeichnet, eine aufgeweckte Person, die allzeit zu lustigen Streichen und Scherzen aufgelegt ist. Der Zwielaut „oa“ zeigt, dass Ablaut vorliegt: mittelhochdeutsch „streich › Stroach“, aber „strîchen › streichen (streicha)“. - Bemerkenswert in der oben zitierten Mahnung ist, dass statt schriftsprachlich ‚sei‘ die Befehlsform „bi“ steht, die heute selten geworden ist, fast nur mehr zu hören in der Aufforderung „Bi staad!“ (Sei still!). Hier tritt der Wortstamm „bi-“ auf wie in „(ich) bin, (du) bist“.

Eingesandt von Josef Mayer aus Berching

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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