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Geschichte

Die Aufpasser mit dem guten Image

Lange galt der Beruf des Nachtwächters als zweifelhaft. Beim Treffen in Weiden wecken die europäischen Zunftmitglieder aber nostalgische Gefühle.
Von Reinhold Willfurth, MZ

Hellebarde, Laterne und Signalhorn sind die Insignien der stolzen Zunft der europäischen Nachtwächter. Foto: dpa

WEIDEN.Es muss nicht immer gleich der Papst zu Besuch sein, wenn Schweizergardisten in ihrer berühmt gewordenen Tracht im Straßenbild auftauchen. Es könnte auch sein, dass es Nachtwächter aus dem schweizerischen Bischofszell sind. Die Ehrfurcht gebietenden Gestalten in ihrer der vatikanischen Schweizergarde so verblüffend ähnlichen Kluft bevölkern in dieser Woche gemeinsam mit rund 80 Zunftgenossen aus acht europäischen Ländern die Weidener Altstadt.

Die Oberpfälzer Stadt wird für eine Woche zum Mekka der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft (EUNTZ). Anlass ist der 250. Jahrestag des Wiederaufbaus eines der Wahrzeichen der Stadt, des Turms der Michaelskirche. 1759 war der Turm unter ohrenbetäubendem Getöse in sich zusammengefallen und hatte den Türmer unter sich begraben. Christian Stahl ist Mesner der evangelischen Barockkirche und darf sich gleichzeitig als später Nachfolger des damaligen Opfers fühlen. Er führt seit der Sanierung vor zehn Jahren immer wieder Gäste in die Türmerwohnung in 34 Metern Höhe, hängt Kirchenfahnen aus dem Fenster und bläst seit 35 Jahren im Posaunenchor festliche Musik vom Balkon der Stadt. Stahl organisiert das internationale Treffen der Zunft und freut sich schon auf das Wiedersehen mit den Kollegen.

Die Blütezeit der europäischen Nachtwächter dauerte vom Mittelalter bis zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert, als Straßenbeleuchtung, öffentliche Uhren und neue Polizeigesetze die Wächter arbeitslos machten. Ihr Gewerbe galt oft als unehrenhaft, weswegen sich die Männer mit dem wetterfesten Schlapphut, dem weiten Mantel, mit Hellebarde und Signalhorn auch nicht wie Handwerker in Zünften organisieren konnten.

Die Berufsehre wieder hergestellt

Erst lange nachdem der Beruf ausgestorben und zum Objekt romantischer und nostalgischer Gefühle geworden war, wurde die Berufsehre der Nachtwächter sozusagen offiziell wiederhergestellt: 1987 wurde im dänischen Ebeltoft die Europäische Nachtwächter- und Türmerzunft gegründet. Dänemark scheint überhaupt ein gutes Pflaster für die Wächter zu sein. Allein in neun dänischen Städten gibt es Mitglieder der ehrenwerten Zunft. Insgesamt gehören ihr 63 Orte mit 157 Nachtwächtern und Türmern an. Die Türmer sind mit 23 Personen klar in der Minderheit. Die Zunftmitglieder kommen aus Dänemark, Polen, England, Niederlande, Frankreich, Schweiz, Österreich, Tschechien und Deutschland. Wie es in der Satzung heißt, pflegt die Zunft die Tradition und das Brauchtum der Nachtwächter und Türmer. Ein weiteres Ziel ist die Pflege und Förderung der Verbindung zwischen den Heimatorten und den europäischen Ländern. Die Zunft bemüht sich um die Erhaltung und Verbreitung des Volksgutes der Nachtwächter und Türmer.

Neue Mitglieder aufgenommen

Höhepunkt des Treffens in Weiden ist die Aufnahme neuer Mitglieder in die europäische Zunft durch dessen Oberhaupt, dem Zunftmeister und Nachtwächter Johannes Thier aus Bad Bentheim. Das öffentliche Zeremoniell findet am Samstag statt. Die Ehre der Zunftmitgliedschaft wird in diesem Jahr einem Nachtwächter aus Dinkelsbühl und einem Nachtwächter aus Bad Rodach gewährt.

Zum weiteren Programm gehören Auftritte der Nachtwächter und Türmer an verschiedenen Stellen in der Weidener Innenstadt sowie in Bärnau, Windischeschenbach, Parkstein und Neustadt an der Waldnaab. Der Samstag wird mit einem Lichterzug der Nachtwächter durch die Weidener Fußgängerzone beendet. Für Sonntag ist ein Festgottesdienst in der St. Michaels-Kirche angesetzt.

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