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Die große Freiheit – auch zum Scheitern

Ausbildung, dann Festanstellung und eine sichere Zukunft – das war einmal. Junge Berufseinsteiger sehen sich einer neuen Welt gegenüber.
Von Pascal Durain, MZ

Wer jung und gut ausgebildet ist, dem liegt die Welt zu Füßen. An diesem Idealbild hat sich bis heute nichts geändert. Foto: dpa

Regensburg. Nach sechs Jahren des Buckelns, so wie David Liese es nennt, hatte er die Nase voll. Regale im Supermarkt ein- und ausräumen, sich immer wieder herumkommandieren und kritisieren zu lassen, damit er sein Politikstudium finanzieren kann – Ende 2011 war das Maß voll. Dieses Prinzip „Wer alles richtig gemacht, wird gestreichelt – macht man einen Fehler, gibt es eine Watsche“ wollte er nicht akzeptieren. Er habe keine Lust mehr, für jemanden zu arbeiten – außer für sich selbst, entschied er.

David Liese ist 23 Jahre alt; er kommt mit Bachelor-Abschluss von der Uni und ist jetzt Filmemacher, Dozent für politische Kommunikation, Autor und Künstler. Jede dieser Tätigkeiten scheint für sich genommen reizvoll. Aber er kommt nur gerade so über die Runden. Der Regensburger ist trotzdem zufrieden: „Ich habe Freiheiten, die ich mir sonst nicht kaufen könnte.“ Über ein paar Aufträge mehr würde er sich aber nicht beklagen.

Die Ängste der Absolventen

Ob er dauerhaft von und mit diesem Baustein-Modell aus Standbeinen leben will, weiß er nicht. Vielleicht hängt er auch noch ein Masterstudium ran. Für Liese war seine Berufswahl einfach: Denn er glaubt nicht, dass sich ein normaler Lohn- und Brot-Job heute noch auszahle. Längst sei es doch so, dass man keinen Job mehr bekommt, nur weil man gut und geeignet ist. Und wenn, dann höchstens befristet. Arbeitgeber seien heute vielmehr daran interessiert, Personal kurzfristig austauschen zu können. Selbst wer sein Leben lang Tag für Tag in derselben Firma zur Arbeit gehe, bekomme im Alter doch schon heutzutage nicht mal eine Rente, von der man leben könne.

Lieses Fazit über die Wirtschaft mag subjektiv und ein bisschen naiv sein – aber so wie dem 23-Jährigen ergeht es auch vielen anderen Studenten. Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) sagt zwar, dass mehr als 70 Prozent der Studierenden ihre Berufschancen optimistisch sehen – aber 41 Prozent aller Befragten sorgen sich um eine künftige Verschlechterung ihrer beruflichen Chancen in Deutschland. Konkret treibt die Studenten vor allem die Angst vor dauerhaft befristeten Arbeitsverhältnissen (22 Prozent), vor der Unvereinbarkeit von Beruf und familiären Plänen (17 Prozent) sowie vor wachsender Konkurrenz durch ausländische Bewerber (16 Prozent) um.

Die Fragen der Zukunft

Dr. Ulrich Walwei beschäftigt sich seit vielen Jahren mit atypischen Beschäftigungsverhältnissen – also Teilzeit, Leiharbeit, befristet oder geringfügig Beschäftigte. Walwei ist Vizedirektor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Sein Eindruck: Arbeitgeber greifen immer häufiger auf Leih- und Teilzeitarbeiter zurück. Der Einstieg in den Beruf – Azubis lässt Walwei hier außen vor – findet in 45 bis 50 Prozent der Fälle nur noch über befristete Stellen statt.

Die Frage in Zukunft wird lauten, ob das die Arbeitgeber in Zeiten geburtenschwacher Jahrgänge noch so durchsetzen können. Walwei glaubt, dass sich das bald ändern wird. Wenn qualifizierte Mitarbeiter noch stärker gebraucht werden, entstehe ein Wettbewerb um diese seltene Spezies. „Die Tendenz geht also klar von einem Arbeitgeber- hin zu einem Arbeitnehmermarkt.“ Soll heißen: Künftig haben gut ausgebildete Hochschulabsolventen deutlich mehr Verhandlungsmacht. Sie können vom demografischen Wandel profitieren. Walwei: „Für diese Gruppe kann man ein rosarotes Bild entwerfen.“

Roter Teppich für Azubis

Aber nicht allen wird es laut Walwei so ergehen: Für geringqualifizierte Menschen wird es schwieriger werden. Wer nicht vernünftig ausgebildet ist, kann sich heute schon nur geringe Chancen ausrechnen. Walwei: „Wem Bildung fehlt, der wird immer stärker bestraft.“ Nur die Eigenschaft „jung“ macht einen noch nicht automatisch zum gefragten Kandidaten. Zwar würden Unternehmen immer stärker versuchen, Mitarbeiter nachzuschulen – aber die Armut an Bildung wachse weiter. Das Risiko, in Langzeitarbeitslosigkeit zu versinken, steige für diese Gruppe also wieder.

Ob es auch künftig mehr Menschen wie David Liese geben wird, kann Walwei nicht so genau beantworten. Aber grundsätzlich seien Menschen für solche Kombinationen heute affiner. Das IAB unterscheidet Freiberufler in zwei Gruppen – in Opportunity-Gründer (Selbstständigkeit als Chance) und Necessity-Gründer (Selbstständigkeit aus Notwendigkeit). „Ich denke, es gibt mehr Personen aus der ersten Gruppe, die mit solchen Ideen schwanger gehen.“ IAB-Untersuchungen nach gibt es in Deutschland 4,1 Millionen Selbstständige. Das sind 900000 mehr als im Jahr 1994. Grundsätzlich müsse auch hier in den Schulen mehr getan werden. Denn dass die Selbstständigkeit eine echte Option ist, vermittle das Bildungssystem überhaupt nicht.

Wenn Winfried Mellar die Worte „demografischer Wandel“ hört, sprudeln Daten aus ihm heraus. Mellar ist bei der Industrie- und Handelskammer für Oberpfalz/Kelheim für Bildungspolitik zuständig. Bis 2030 erwartet die IHK in ihrem Bezirk knapp zehn Prozent weniger erwerbsfähige Personen. Bemüht man die Statistik der Arbeitsagentur, so verblieben im September nur sieben Bewerber, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben – demgegenüber stehen 574 unbesetzte Lehrstellen.

Wegen solcher Statistiken sagt Mellar: „Die Firmen legen ihnen rote Teppiche aus.“ Aber auch jene Unternehmen suchen nur diejenigen, die folgende Qualifikationen mitbringen: passable Schulnoten, passendes Sozialverhalten, Interesse und ein wacher Geist. Junge Leute, die das erfüllen, seien immer schwieriger zu finden. Mellar warnt dabei vor einer übertriebenen Akademisierung. Um das zu verstehen, müsse man sich nur die Abbrecherquoten an Gymnasien und Hochschulen (30 und 40 Prozent) anschauen. „Haben wir so viele Berufe für Akademiker? Brauchen Indianer nur Häuptlinge?“ Zwar verbinde man mit einem Uni-Absolventen künftigen Wohlstand – doch der gewöhnliche Azubi stecke später viele Akademiker finanziell locker in die Tasche.

Von der Kultur der Festanstellung

Mellar meint, dass jeder Bildungsabschluss gebraucht wird – nicht jeder müsse Abitur haben. „Die Leistung zählt – nicht der Abschluss.“ Die Frage, wie der persönliche Weg in die Zukunft aussieht, müsse an Schulen viel mehr in den Mittelpunkt rücken. Allzu oft wüssten junge Leute nicht um ihre Talente; eine systematische Prüfung finde in der Regel nicht statt. In Deutschland gebe es eine Kultur der Festanstellung – und die werde auch in Zukunft nicht aussterben. Ein hochbegabter Oberpfälzer werde lieber Lehrer in Nabburg als Astrophysiker in Australien, ist sich Mellar sicher. Wer eine Familie gründen will, wird nicht mehr in der Weltgeschichte umherwandern. Die Mehrheit wolle in überschaubaren Verhältnissen leben und mit einem Unternehmen langfristig planen. Wer immer nur zwischen den Jobs pendelt, wachse zwar in die berufliche Breite, aber nicht in die Tiefe. Und die brauche man, um in die Höhe zu kommen.

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