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Naturdenkmäler

Die Lindenwirtin und die alte Dame

In Hoffeld steht eine uralte Linde, die mindestens 900 Jahre alt sein soll: Für Margarete Schneider ist der Baum ein Begleiter durchs Leben.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Lindenwirtin Margarete Schneider hat der Baum ihr Leben lang begleitet.Foto: Schönberger

Hoffeld. In diesen Tagen trägt die alte Dame von Hoffeld ihren Wintermantel. Der weiße Pelz passt zu ihrer majestätischen Erscheinung, hell glitzert er in der Sonne, ab und zu umhüllt ein Windstoß den Pelzbesatz an ihrem Fuß mit feinem Schneestaub. Margarete Schneider zieht ihre Mütze tiefer ins Gesicht. Sie blickt hinauf in die Krone der alten Dame von Hoffeld, dieser Methusalem-Linde, deren Alter höchst umstritten ist. Die ehemalige Lindenwirtin Margarete Schneider hat sich eine der vielen Theorien dazu herausgepickt und sagt: „Sie müsste mindestens 900 Jahre alt sein.“ Ein Heimatforscher hingegen behauptet, dass die Linde als Friedensbaum zum Ende des 30-jährigen Krieges im Jahr 1648 gepflanzt worden sei. „Unsere Linde ist älter“, sind sich Margarete Schneider und die weiteren 56 Einwohner von Hoffeld einig. Jedenfalls begleitet sie die ehemalige Lindenwirtin, jetzt 75 Jahre alt, seit mehr als 50 Jahren.

1961 heiratete Margarete Schneider nach Hoffeld. Mit dem Sohn der damaligen Lindenwirtin übernahm sie ein Gasthaus mit Tradition: Seit 1913 ist die Gaststätte mit Pension in Familienbesitz. In den Anfangsjahren ihrer Ehe erlebte Margarete Schneider noch die legendären Hoffelder Lindenfeste mit: Unter der weit ausladenden Krone der Linde wurden im Sommer die Tische und Bänke festlich geschmückt, und von nah und fern kamen Gäste, um bei Familie Schneider zu feiern. „Das Bier draußen hat immer ein Fünferl mehr gekostet, weil man es nach drüben tragen musste“, erinnert sich Margarete Schneider. Doch nicht nur an diesem Fest stand die Linde im Mittelpunkt: Für die Hoffelder war sie schon immer ihr Zentrum. Früher lehnte direkt an ihrem Stamm das Waaghäusl, die Viehwaage, die die Landwirte ringsherum nutzten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Linde für die Landwirtschaft eine weitere praktische Bedeutung: In dem nach Südosten klaffenden Loch wurden Pflug, Egge und sonstiges landwirtschaftliches Gerät gelagert. Dieses Loch wurde 1920 zugemauert.

Eine Maß im Luftschloss

Ein anderes Loch ist noch zu sehen: 1930 brach einer der ehemals drei Hauptäste durch einen Sturm vom Stamm ab. Seine Gebrechlichkeit kam nicht von ungefähr: Auf diesem Ast befand sich jahrzehntelang ein aus Holzdielen gezimmertes Podest mit Brüstung auf dem an die 40 Menschen Platz fanden. Bis 1916 konnten sich die Gäste des Wirtshauses in diesem Luftschloss ihre Maß schmecken lassen. In einem verschlissenen Ordner hat Margarete Schneider all diese Geschichten zu ihrer Linde gesammelt. Postkarten und Fotografien in schwarz-weiß belegen die einstige Betriebsamkeit.

Heute ist es etwas ruhiger um die alte Dame geworden. Das Gasthaus ist seit vergangenem Jahr geschlossen, auch die Pension gibt es nicht mehr. Dafür vermietet Margarete Schneiders Sohn Josef nun Ferienwohnungen. Doch mit den Gästen von damals war es doch anders, meint Margarete Schneider. Sie denkt gerne an die Abende zurück, an denen sie es sich mit ihren Besuchern auf einem Bankerl unter der wohlig kühlen Linde bequem gemacht hatte. Bei vielen von ihnen ist die Linde zur bleibenden Erinnerung geworden.

„Vor 50 Jahren zog ich aus / aus meiner alten Väter Haus / nach Kamerun in Afrika / wo ich dann gut zehn Jahre war / dann später zog ich nach Berlin / und jetzt zog’s mich zur Heimat hin / Jetzt kann ich kaum noch richtig krauchen / und doch mußt ich zur Linde laufen / Wie schön! – Sie ist noch immer da / und steht noch sicher 1000 Jahr.“ Mit diesem Spruch verewigte sich ein Mann im August 1956 im Gästebuch der Familie Schneider. So mancher Gast hat sich auf den vergilbten Seiten als Landschaftsmaler versucht und die Linde abgebildet. Halbe Seiten sind mit ungelenken Unterschriften versehen: Hier waren Schulklassen am Wandertag eingekehrt und haben den mächtigen Baum bestaunt.

Bis vor wenigen Jahren waren solche Ausflüge für die Schüler mit einer Menge Spaß verbunden: Auf der von Josef Schneider an einem starken Ast angebrachten Schaukel durfte sich jeder einmal nach Herzenslust in die Lüfte schwingen. Auch Linda, Margarete Schneiders Enkelin, hat diese Schaukelei geliebt. „Bis zum Balkon hoch hat uns der Papa geschaukelt“, sagt das Mädchen. Nun baumelt die Schaukel jedoch einsam im Geäst: Aus Sicherheitsgründen wurde der Kinderspaß beendet – man will die alte Dame schonen.

Als der Blitz einschlug

Hat sie doch in der Vergangenheit bereits zu sehr gelitten, musste wiederholt in Stahlseile eingespannt werden und hat etliche ihrer Äste und Zweige beim Zuschneiden eingebüßt. „Unsere schöne Linde – wie ein Besen steht sie jetzt da“, bedauern die Hoffelder die doch nötigen Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen. Josef Schneider bangt bereits jetzt um den Ast, der sich über die Straße hinaus reckt. Früher oder später wird er der Motorsäge zum Opfer fallen, befürchtet er. Trotzdem: Er würde der alten Dame von Hoffeld immer wieder zur Hilfe eilen, so wie er es vor ungefähr 20 Jahren getan hat: Damals schlug ein Blitz in den Baum ein. Das beherzte Eingreifen von Feuerwehrmann Josef Schneider hat ihn allerdings gerettet. Schnell schloss er den Schlauch an den Hydranten an und löschte Qualm und Feuer, die der alten Linde ansonsten schnell den Garaus hätten machen können.

All diese Aufregungen merkt man der majestätischen Linde im Wintermantel nicht an: Geschickt verbirgt sie darunter ihre Narben. Und Margarete Schneider glaubt fest daran: Auch ihre Enkel und deren Kinder wird die Linde ihr Leben lang begleiten.

Allgemeine Informationen: Tausendjährige Linde in Hoffeld

- Ein Naturdenkmal ist die Tausendjährige Linde von Hoffeld (Gemeinde Tiefenbach, Lkr. Cham) schon seit 1964.

- Alter: mindestens 360 Jahre

- Höhe: ca. 22 Meter

- Stammumfang: 6,80 Meter (in 1 Meter Höhe gemessen)

- Eigentümer: Landkreis Cham

- Nach Angaben eines Heimatforschers könnte die Hoffelder Linde als Friedensbaum am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) gepflanzt worden sein. Wie alt sie wirklich ist, kann niemand mit Gewissheit sagen.

- Lindenwirtin Margarete Schneider und die weiteren Einwohner von Hoffeld glauben aber, dass die Linde älter ist.

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