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„Die Natur werden wir nie beherrschen“

Besonders hart hat das Hochwasser 2013 den Landkreis Deggendorf getroffen. Der Wiederaufbau und der Hochwasserschutz stehen seitdem im Vordergrund.
Von André Jahnke, dpa

Der Deggendorfer Landrat, Christian Bernreiter (CSU), will die Menschen nicht fälschlich in Sicherheit wiegen. Foto: Armin Weigel/dpa

Deggendorf.Es war die größte Naturkatastrophe seit Jahrzehnten in Bayern. Im Juni vergangenen Jahres brachen Dämme unter dem Druck der Wassermassen – tausende Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Allein im Landkreis Deggendorf wurden etwa 150 Häuser abgerissen. In einem Interview der Nachrichtenagentur dpa spricht Landrat Christian Bernreiter (CSU) über die Flut, die bleibenden Schäden, ihre Folgen und die Hoffnung der Menschen.

Frage: Wie steht der Landkreis Deggendorf ein Jahr nach der Flutkatastrophe da?

Antwort: Um unser Gebiet hat man nach der Flut einen weiten Bogen gemacht. Wirtschaftlich und touristisch. Das war ein doppelt negativer Effekt. Mittlerweile wird hier aber wieder angepackt. Ich bin sicher, dass in einigen Jahren wieder alles aufgebaut sein wird. Auch mit der Landesgartenschau zeigt sich Deggendorf und die Donau wieder von der schönen Seite.

Frage: Wie waren Sie auf die Flut vorbereitet?

Antwort: Ich musste bereits des öfteren Katastrophenalarm auslösen. Das ist mir zugutegekommen. Als junger Landrat hätte ich so ein dramatisches Ereignis nicht leiten wollen. Die vorhergesagten Regenfälle Ende Mai waren in dieser Dimension noch nie dagewesen. Wir haben früh die Feuerwehren und die Gemeinden alarmiert sowie einen Krisenstab einberufen. Einen Tag vor dem ersten Dammbruch haben wir Katastrophenalarm ausgelöst und Kräfte der Bundeswehr bestellt. An der Donau war alles gesichert. Nur leider kam das Wasser über die rückwärtige Seite von der Isar über die Autobahn, was für alle unvorstellbar war. Gegen diese Wucht des Wassers waren wir machtlos.

Frage: Wie dramatisch waren die Rettungsaktionen?

Antwort: Vor allem in Fischerdorf wollten einige Menschen auch nach dem Dammbruch nicht ihre Häuser verlassen. Sie haben einfach nicht mit so einer Dimension gerechnet. Als dann der Strom ausfiel, die Möbel im Erdgeschoss umfielen und das Wasser bis in die erste Etage stieg, mussten sie mit Hilfe von Booten der Wasserwacht, THW und DLRG gerettet werden. Die dramatischste Aktion gab es aber wohl bei Winzer, nur rund 100 Meter vom Deichbruch entfernt. Dort wurde ein Traktor vom Wasser umspült und auf dem Güllefass saßen einige Menschen. Sie mussten mit Seilwinden von einem Hubschrauber gerettet werden.

Frage: Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt. Psychisch ist aber einiges bei den Menschen haften geblieben.

Antwort: Es gibt viele Verletzungen der Seele. Die Ereignisse sitzen bei zahlreichen Leuten tief. Die Einnahme von Psychopharmaka ist bei uns deutlich angestiegen. Viele sind in psychologischer Behandlung. Als besonders furchtbar schildern die Betroffenen die Todesschreie der vielen Tiere, die in den Fluten ertrunken sind. Sie sagen, dass sie dies ihr Leben lang nicht mehr vergessen.

Frage: Wie hoch waren die Schäden an Wohnhäusern, Betrieben und der Infrastruktur?

Antwort: Exakte Daten haben wir noch immer nicht. Wir gehen aber davon aus, dass die Schäden im Landkreis Deggendorf eine Höhe von gut 500 Millionen Euro erreichen werden. Etwa 150 Häuser in Fischerdorf, Natternberg, Niederalteich und Winzer mussten abgerissen werden. Wir stellen aber fest, dass viel mehr Menschen versichert waren als am Anfang angenommen. Die meisten wollen an der gleichen Stelle neu bauen. Ich bin optimistisch, dass Ende des Jahres die meisten Schäden abgewickelt sind.

Frage: Was wird getan, um eine erneute Flutkatastrophe zu verhindern?

Antwort: Alle gehen nun bewusster mit Naturereignissen um. Wir schieben nichts mehr ins Reich des Unmöglichen. Daher geht der Hochwasserschutz zügig voran. Es wird in Kürze der Spatenstich am Isardeich erfolgen. Die Maßnahme kostet etwa 22 Millionen Euro. In zwei Jahren wird diese Lücke geschlossen und ein hundertjähriger Hochwasserschutz fertiggestellt sein. Wir werden zudem vom Freistaat Polderflächen einfordern. Bei uns sind die Landwirte bereit mitzuwirken. In Stephansposching ist ein Flutpolder geplant, der 21 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen kann. Wir setzen auch auf Deichrückverlegungen. Insgesamt hat der Landtag für den Schutz an der Donau 600 Millionen Euro genehmigt. Klar ist aber auch: Wir dürfen die Menschen nicht in Sicherheit wiegen. Die Natur werden wir nie zu 100 Prozent beherrschen.

Frage: Was hat Sie in den Tagen nach der Flut am meisten beeindruckt?

Antwort: Eindeutig die Solidarität der Menschen. Ich wusste, dass ich mich auf die Einsatzkräfte verlassen konnte. Aber dass so viele freiwillige Helfer mitangepackt haben, hat mich schwer beeindruckt. Wir haben gezeigt: Wenn wir zusammenhalten, können wir Berge versetzen.

Zur Person:

Christian Bernreiter (50) wurde in Straubing geboren. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Seit 1. Mai 2002 ist er Landrat des Landkreises Deggendorf in Niederbayern. Bei der Kommunalwahl im März wurde er mit 74 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Er gilt als Topfavorit auf den Präsidentenposten beim Bayerischen Landkreistag Anfang Juni.

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