MyMz

Naturdenkmal

Die vielen Sommer der Tanzeiche

Die Tegernheimer Eiche beschattete im einstigen Sommerkeller riesige Festgelage. Helmut von Sperl kennt die Geschichte des Ortes wie kein Zweiter.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Helmut von Sperl erklimmt noch einmal über hölzerne Stufen die Veranda an der Eiche.Fotos: Gabi Schönberger

Tegernheim.Wie sich alles doch verändert hat. Auf seinen Stock gestützt, geht Helmut von Sperl den mit Herbstlaub bedeckten Trampelpfad hinauf. Oben angekommen stützt er sich am wuchtigen Stamm der alten Eiche ab, der gleichsam aus dem Treppenaufgang des ehemaligen Sommerhauses zu wachsen scheint. Die hölzernen Stufen sind ausgetreten und morsch, doch fast behände erklimmt Helmut von Sperl die frühere Veranda. Jetzt ist er da, wo sich der Stamm in drei knorrige Äste aufteilt, da, wo früher die Musik spielte. An den Mythos „Tegernheimer Tanzeiche“, also daran, dass auf dem Baum tatsächlich ein Podium gewesen sein könnte, auf dem eine Kapelle zum Tanz aufspielte, daran mag Helmut von Sperl nicht so recht glauben. Mit seinen 73 Jahren hat er die Zeiten, als auf dem Tegernheimer Sommerkeller noch aufgespielt wurde, nicht mehr erlebt. Wohl aber die des Café Tegernheimer Keller, betrieben von der Familie Wolf, direkt gegenüber dem alten Sommerkeller.

Hauswurzen und Schmetterlinge

„In meiner Kindheit sind wir ein paar Mal hierher gewandert, über den Keilberg hinüber, bis zur Wirtschaft hier“, erinnert sich Helmut von Sperl. Drei Stunden Fußweg seien das gewesen. Damals interessierten ihn die Hauswurzen, die an den Felsen wuchsen. „Die haben wir gesammelt und in der Stadt verkauft.“ Und die außergewöhnlichen Schmetterlinge, die hier heimisch waren, sind ihm im Gedächtnis geblieben. In seinem Ordner „Tegernheimer Keller“ hat er eine Ansichtskarte der Ausflugsgaststätte aus den 60er Jahren. So und als späteres Minigolf-Hotel ist manchem der Ort am Keilsteiner Hang noch bekannt. Doch die längst vergangenen Tage, als sich laut Chronik „die halbe Bevölkerung Regensburgs“ hier ihr Bier schmecken ließ, kennt nur eine: die mächtige Tegernheimer Eiche.

„Eine zahllose Menge Menschen drängt dem jenseitigen Donauufer entlang. Reiter, Fußgänger, Wagenfahrer. Tegernheim ist das Ziel so vieler Anstrengung, so vieler Eile“, beschreibt der hiesige Historiker Joseph Rudolf Schuegraf die Szenerie rund um den Biergarten an einem Frühlingstag um 1830. Damals, in der Biedermeierzeit, erlebte der Schankbetrieb rund um die Tegernheimer Eiche seine besten Tage. Hans Joachim Graf vom Tegernheimer Heimat- und Geschichtsverein hat recherchiert, dass der Tegernheimer Sommerkeller bereits vor 1818 weithin bekannt gewesen sein muss. „Doch besonders in der Biedermeierzeit war er ein beliebtes Ausflugsziel“, sagt Graf. Als im Juli 1847 das Sängerfest in Regensburg stattfand, schenkte der damalige Wirt Georg Amann 123 Eimer, also 7880 Liter, Bier aus, war in den Zeitungen nachzulesen. Ein Jahr später, im Revolutionsjahr 1848, organisierte die Regensburger Stadtwehr ein Fest am Tegernheimer Keller, zu dem 5000 Besucher kamen. Carl Gerster, der Regensburger linksliberal-demokratische Wortführer und Mitbegründer des Deutschen Sängerbundes, hielt eine „kraftvolle“ Rede; die Menschen prosteten sich zu, wieder rannen ungezählte Liter Bier die Kehlen hinunter. „Das muss damals eine sehr durstige Gesellschaft gewesen sein“, sagt Helmut von Sperl, der das Geschehen rekonstruiert hat. „Innerhalb von drei Tagen haben sie den Augustiner leer getrunken.“

Der alten Eiche hat das nicht wehgetan. Wohl aber die Einschnitte, die sie erfahren musste. Allenthalben kommt einem der gigantische Zeitzeuge der deutschen Märzrevolution wie ein überdimensionierter Bonsai vor: Hier ist ein Stamm abgesägt, dort künden Narben von Sturmschäden. Aber noch ist das Naturdenkmal eine ganz besonders eindrucksvolle Schönheit, wie es die Zweige zur einen Seite gegen den Mittelberg hin ausstreckt, zur anderen Seite Richtung Kreuzhof zeigt. Aus dieser Richtung kam im September 1850 ein weiterer illustrer Gast zum Tegernheimer Keller: Den Dichter Eduard Mörike zog es in jenen Tagen zu den „schön bewachsenen Höhen“, die er „zum Lieblichsten, was dieser Aufenthalt bietet“, zählte. Mörike hielt sich damals auf dem Pürkelgut auf, wo sein Bruder Ludwig als Verwalter angestellt war. Mörikes Verlobte Margarethe Speeth war allerdings weniger angetan von dem Ausflug: Sie berichtet in einem Tagebucheintrag von einer „langweiligen Biergesellschaft auf dem Keller“.

Letzte Kriegstage im Felsenkeller

Dabei war es den Nachforschungen Helmut von Sperls zufolge gar nicht das Bier, das den Keller ursprünglich füllte. Von seiner Anlage her sei der Tegernheimer Keller nämlich kein Bierkeller, sondern im Zusammenhang mit dem Weinbau zu sehen, der in der unmittelbaren Umgebung des Felsenkellers betrieben worden sei.

Da ist sich Helmut von Sperl, der in einem Maschinenbauunternehmen für Brauereieinrichtungen arbeitete, ziemlich sicher. Ob Fräulein von Speeth allerdings der für seinen sauren Geschmack bekannte örtliche Tropfen gemundet hätte, bleibt fraglich. Dass die Tegernheimer Eiche heute als Naturdenkmal dasteht, verdankt sie einer Verordnung aus der Zeit des Nazi-Regimes; ausgerechnet jener Zeit, in die auch ihre dunkelsten Erinnerungen fallen: Im April 1945 verbrachten hunderte Menschen aus Tegernheim und Schwabelweis die letzten Kriegstage dicht zusammengedrängt in stickiger Luft im Tegernheimer Felsenkeller.

Seither ist es um die Tegernheimer Eiche ruhig geworden. Fast vergessen bewacht sie die heute maroden Gebäudereste des Sommerkellers. Doch ab und an mischt sich in das Rauschen ihres Blätterwerks das Lachen der Kinder der nebenan wohnenden Familie. Und ab und an gesellt sich das Lachen von Helmut von Sperls Enkeln hinzu, der sie hierhergeführt hat, um zu zeigen, wie sehr sich doch alles verändert hat. Alles, außer der altehrwürdigen Tegernheimer Eiche.

Naturdenkmal seit 1937

- Gattung: Stiel-Eiche (wissenschaftlicher Name: Quercus robor)

- Alter: mindestens 400 Jahre

- Höhe: 25 Meter

- Stammumfang: 5,45 Meter (in 1 Meter Höhe gemessen)

- Eigentümer: Pierre Steinkamp

- Der Baum ist trotz seines hohen Alters in einer guten Verfassung. Pilze wie Leberpilz und Klapperschwamm sowie diverse Bruchschäden machen die Tegernheimer Eiche auch für einige Tierarten gerade erst interessant, weil an Morschungen und Höhlungen verschiedene Vögel und Fledermäuse Unterschlupf finden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht