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Ein kleiner Trick und lange Schlangen

Dekan Hans Amann aus Schwandorf hat die Grenzöffnung in Thüringen erlebt. Vor allem die damalige Heimreise wird er so schnell nicht vergessen.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Den alten Pass mit seinem letzten DDR-Ausreisestempel hat Dekan Hans Amann aufgehoben. Foto: Schönberger

Schwandorf. Schon die Bezeichnung „Internationale deutschsprachige Jugendseelsorgekonferenz“ ist verräterisch. International und zugleich deutschsprachig? „Das war ein kleiner Trick, um die Veranstaltung für die DDR interessant zu machen“, erzählt Hans Amann. „Österreicher, Schweizer, Süddänen – alles was deutsch spricht, wurde eingeladen.“

Der Schwandorfer Dekan ist Mitte der 1980er Jahre Diözesanjugendpfarrer im Bistum Regensburg. Vier- oder fünfmal im Jahr fährt er nach Thüringen, hält Kontakte zu Kaplänen, Pfarrern und „Seelsorgehelfern“ – so heißen in der damaligen DDR die Gemeindereferenten. Seine Anlaufstellen liegen rund um Meiningen und Saalfeld. Doch zur jährlich stattfindenden Jugendseelsorgekonferenz in der Bundesrepublik dürfen die DDR-Kollegen nie ausreisen – bis das Wörtchen „international“ ins Spiel kommt. Daraufhin schickt die DDR 1987 offiziell erstmals zwei Vertreter in den Westen. „Die DDR legte großen Wert darauf, international anerkannt zu werden“, erzählt Amann schmunzelnd. Daraus entsteht schließlich die Idee, die Konferenz auch einmal auf DDR-Staatsgebiet stattfinden zu lassen. Für den Herbst 1989 wird das Unterfangen von den Behörden in Ostdeutschland genehmigt, Heiligenstadt wird der Ort des Treffens.

Offizielle Staatsgäste

„Wir waren offizielle Staatsgäste der DDR“, so Amann. Damit ist eine gewisse Vorzugsbehandlung verbunden, so müssen sich die Kirchenkonferenzteilnehmer zum Beispiel nicht bei den DDR-Behörden vor Ort melden. Auch das „Antrittsgeld“, wie Amann den damals üblichen Pflichtumtausch von 25 D-Mark pro Besucher und Tag nennt, entfällt. Ein ganzer Bus voll, rund 40 Teilnehmer reisen am 5. November 1989 von Westdeutschland nach Thüringen ein. Dass bei ihrer Ausreise fünf Tage später, die Mauer Geschichte sein würde, ahnen sie da noch nicht.

„Es lag aber etwas ist der Luft“, erinnert sich der heute 62-jährige Amann. Sogar mit den DDR-Grenzbeamten seien an jenem Sonntagabend kleine Scherze möglich gewesen. „Die Umbruchstimmung war spürbar.“ Am nächsten Tag zieht er zusammen mit seinen Kollegen nach einem ökumenischen Friedensgebet in der Kirche in einem Protestmarsch durch die Stadt bis zum Haus der Staatssicherheit. Seit Wochen beteiligen sich nach Leipziger Vorbild in vielen Städten der DDR die Menschen an Montagsdemonstrationen. Als der Zug von Heiligenstadt vor der Stasi-Zentrale zum Stehen kommt, stellen sich die Funktionäre des DDR-Spitzelapparats schützend vor ihr Haus. Mit versteinerten Mienen stehen die „Apparatschiks“ da, während Amann mit den anderen Demonstranten laut ruft: „Wir sind das Volk.“ Tief beeindruckt sei er damals davon gewesen, wie „Menschen für Frieden und Freiheit aufstehen“, so der Dekan.

Jubel und Freude

Dennoch läuft die Konferenz in den nächsten drei Tagen nach Plan weiter. „Niemand hat damit gerechnet, dass in dieser Woche die Mauer fällt“, sagt der Schwandorfer Pfarrer. Doch es kommt der Donnerstag, der in die deutsch-deutsche Geschichte eingehen wird. Es ist der letzte Abend der Kirchenkonferenz. Amann sitzt im katholischen Bildungshaus mit den anderen gemütlich beisammen, als plötzlich die Tür auffliegt. Ein Mann stürmt herein und ruft: „Die Grenze ist offen.“

Ein historisches Versehen ist passiert. In Berlin hat DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski bei einer legendären Pressekonferenz zur künftigen Ausreise von DDR-Bürgern einen Sperrfrist-Vermerk übersehen. Auf die Frage, ab wann die Ausreiseerlaubnis gelte, antwortete er mit den Worten „...sofort, unverzüglich“ und sorgt damit für den plötzlichen Fall der Mauer.

In Heiligenstadt bricht Jubel aus, Freude pur. „Wir sind uns um den Hals gefallen“, erinnert sich Amann. Dann seien alle auf die Straße gestürzt, überglückliche Menschen überall. Eine „Volksfeststimmung“ sei das gewesen, „jeder ging auf den anderen zu“. Jemand habe Bier organisiert und sie hätten noch lange gefeiert. „Für die Menschen war die Nachricht eine unbeschreibliche Befreiung“, resümiert Amann die Eindrücke dieser Nacht.

Mit wenig Schlaf, aber gut gelaunt treten Amann und seine Kollegen am Freitagmittag die Rückreise aus Thüringen an. Die Straßen von und zur Grenze sind verstopft „Die Menschen kamen uns in ihren Trabis und Wartburgs entgegen und winkten mit Bananen und Milka-Schokolade“, erzählt der Schwandorfer Pfarrer. Alle hätten mit „ihren Trophäen“ zeigen wollen, dass sie tatsächlich „drüben“ waren.

Wie eine Karikatur

Weil die kirchliche Reisegruppe noch immer den Status offizieller Staatsgäste genießt, wird sie auf der Rückreise von DDR-Volkspolizisten eskortiert. Ihr Bus kann an der langen Schlange, die sich vor dem Grenzübergang Worbis gebildet hat, vorbeifahren. „Über das freie Geleit waren wir natürlich froh, aber auch ein bisschen beschämt“, sagt Amann. An der Grenze hätten die DDR-Wachleute vor ihren grauen Häuschen auf Tischen und Hockern offen ihre Stempel ausgebreitet. „Sonst haben sie ja immer die Ausweise eingesammelt und sind damit verschwunden“, so Amann. Die improvisierte Szene habe wie die Karikatur der früheren „geheimen Grenz-Prozedur“ gewirkt. Den Pass mit seinem „letzten DDR-Ausreisestempel“ vom 10. November 1989 hat Amann bis heute aufgehoben.

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