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Ein Staatsbegräbnis in Regensburg

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: Zur Trauerfeier von Hermann Höcherl kam die gesamte Politprominenz. Kanzler Helmut Kohl hielt eine Rede.
von Claudia Pollok, MZ

  • Bischof Manfred Müller und Bundespräsident Richard von Weizsäcker geleiten beim Staatsbegräbnis die Witwe Therese Höcherl. Es folgen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und Kanzler Helmut Kohl. Foto: MZ-Archiv
  • Hermann Höcherl (l.), Friedrich Zimmermann (daneben), Albert Schedl (r.) und Paul Röhner Foto: MZ-Archiv
  • Hermann Höcherl war bekannt für seinen Humor und dafür, dass er sich selbst nicht zu ernst nahm. Foto: MZ-Archiv
  • Höcherl inmitten tausender Bücher, Kaffee, den Krug mit Frankenwein, Aschenbecher und Telefon. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.So ein Begräbnis hatten die Regensburger noch nicht gesehen. Der Regensburger Dom war zur Beerdigung von Hermann Höcherl mit Tausenden gelber Gerbera und weißen Margeriten geschmückt. Vor dem mit der Bundesfahne bedeckten Sarg des Nachkriegspolitikers wechselte sich eine achtköpfige Ehrenwache im halbstündlichen Turnus ab. Etwa 1000 Trauergäste nahmen am 26. Mai 1989 in der Kathedrale St. Peter Platz. Rund 6000 Menschen versammelten sich auf dem Domplatz. Im Mai jährte sich der Staatsakt zum 25 Mal.

Dass der kleine kugelige Herr aus Brennberg – er maß nur 1,65 Meter und war fast zwei Zentner schwer – einer der ganz großen Politiker seiner Zeit war, machten auch die ranghohen Trauergäste deutlich. Fast die gesamte Staatsspitze aus Bonn reiste mit einem Dutzend Hubschrauber in die Domstadt: Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl und der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel hielten Trauerreden. „Hermann Höcherl hat nach 1949 die besten Jahre seines Lebens unserem Staat, unserer Republik gewidmet,“ sagte Kohl.

„Er war halt so menschlich“

Theo Waigel sprach in seiner Rede über die Menschlichkeit seines Weggefährten: „Er nahm die Leute, wie sie eben sind, und nicht, wie sie nach der Vorstellung vieler idealistischer Weltverbesserer sein sollten.“ An seine Herzlichkeit erinnerten sich nach seinem Tod auch viele Regensburger Bürger: In der Ausgabe vom 21. Mai 1989 der Mittelbayerische Zeitung sagte zum Beispiel die Obstverkäuferin Inge Mayer in einer Umfrage über Höcherl: „Er war immer so freundlich, gel, nicht die Spur von eingebildet, als ehemaliger Minister. Und die Hausfrau Anneliese Belmer versicherte: „Er war halt so menschlich, so menschlich wie kaum ein anderer.“

Aus einfachen Verhältnissen stammend, gelang Höcherl ein steiler Aufstieg. 1953 wurde der Jurist Höcherl in den Bundestag gewählt und übernahm nach vier Jahren den Vorsitz der CSU-Landesgruppe in Bonn. Unter dem früheren Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Höcherl das Etikett „Schlitzohr“ anheftete, wurde er 1961 Bundesinnenminister und leitete ab 1965 bis zum Ende der Großen Koalition 1969 das Agrarministerium. Und auch nach seiner Karriere in Bonn war Höcherl ein gefragter Ratgeber. Er kehrte in seinen alten Beruf als Anwalt zurück und schlichtete immer wieder Tarifkonflikte.

Trotz seines raschen Karriere war Höcherl den schönen Seiten des Lebens jedoch nicht abgeneigt. Seinen Frankenwein genoss er regelmäßig und manchmal musste ihn der Chauffeur nach Hause fahren. Bei Höcherl denken viele wohl auch an seine vielzitierte Aussage, dass Verfassungsschützer „nicht ständig das Grundgesetz unter dem Arm tragen“ können.

Helmut Kohl holte sich bei ihm Rat

Der ehemalige Regensburger Landrat Rupert Schmid erinnert sich noch gut daran, wie gefragt Höcherl als Ratgeber war. In seinem Arbeitszimmer saßen die beiden oft zwischen Höcherls unaufgeräumten Schreibtisch in ihren Sesseln gegenüber und diskutierten lange Zeit bei einem Glas Wein, erzählt der 79-Jährige. Da kam es schon mal vor, dass Helmut Kohl anrief um sich bei Höcherl Rat zu holen, sagt Schmid. Kennengelernt hatten sich Höcherl und Schmid 1967. Schmid hat immer noch einen ganzen Ordner voller handschriftlich verfasster Briefe von Höcherl. Manchmal steckte er kleine Zettel mit hinein, auf denen er Schmid Bücher empfahl. Beim Anblick der Briefmarken auf einem der Umschläge, muss Schmid heute noch schmunzeln, weil Höcherl sie so locker durcheinander aufklebte.

Aber das war seine Art, auch im Leben. Der ehemalige Landrat habe von ihm vor allem gelernt, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Er erinnert sich auch an seinen Humor. Als das Ehepaar Höcherl einmal bei ihm und seiner Frau zu Gast waren, weil sie sich fürs Alter gerade eine Wohnung in Regensburg suchten, sagte Höcherl spontan: „Also wenn einer von uns stirbt, zieh ich in die Wohnung ein“, erzählt Schmid. Dem Mann aus der Oberpfalz sei zu Gute gekommen, dass er am Anfang unterschätzt wurde, sagt Schmid.

Laut dem ehemaligen Landrat hatte Höcherl eine rasche Auffassungsgabe und eine ausgleichende Arbeitsweise. Oft war er nach einigen Gläsern Wein erstaunlich schnell wieder reaktionsfähig. Als Schmid vom Tod Höcherls erfuhr, verfasste er 1989 spontan einen Nachruf mit den Worten: „Für mich war Höcherl immer wie ein starker alter Baum, der fest verwurzelt ist in seiner Heimat und dessen Äste doch bis weit in die Welt hinein ragen.“

Höcherls eigene Worte zum Tod sind bescheidener, aber nicht ohne Witz. Theo Waigel schrieb sie in einem Porträt über ihn nieder: „Wenn die mir also alles vorhalten, alle Lumpereien, alle Sünden, alle Fehler, die ich auf dieser Welt begangen habe, werde ich antworten: ,Einwand, Euer Ehren. Ihr hättet mich ja als Engel erschaffen können.“

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