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Eiserner Wächter des Eisernen Huts

Bergmann Gerhard Schmaus hat sein eigenes Naturdenkmal: An der Schwefelkieszeche Bayerland kümmert er sich um Mineralienrückstände.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Vier Meter hoch ragt der „Eiserne Hut“ aus der Erde.Foto: Gabi Schönberger

Pfaffenreuth.Das feuchte Moos auf dem Waldboden saugt gleichsam alles auf: Den dünnen Nieselregen, das leichte Rauschen der Birken, Fichten und Lärchen, sogar die Schuhabdrücke. Gerhard Schmaus hat festes Schuhwerk an. Zwischen den Erderhebungen hier bewegt er sich fast andächtig, bückt sich hin und wieder nach einem Stein. Selten findet man hier am Eisernen Hut noch Brauneisensteine, die silbrig weiß schimmern oder dunkelviolett verfärbt sind. Deshalb hat Gerhard Schmaus einen solchen bunten Limonit von zu Hause mitgebracht. Fest hält er ihn in der Hand. Von der höchsten Kuppe aus schaut er auf die Lichtung hinaus: Dort im Gelände hat er einst gestanden, der Förderturm der Schwefelkieszeche Bayerland. Und ganz in der Nähe davon war der Schacht, in den er, Gerhard Schmaus, bis 1971 täglich eingestiegen ist. Dann ging es hinunter in 220 Meter Tiefe, in ein weit verzweigtes Stollenlabyrinth.

Ein Bergmann aus Überzeugung

„Ich war mit Leib und Seele Bergmann“, sagt Gerhard Schmaus. In der Zeche Bayerland haben er und die anderen Kumpel zuletzt täglich 160 Tonnen Schwefelkies abgebaut. „Das hat sich bei einem Preis von 29 Mark für die Tonne nicht mehr gerechnet“, sagt er. Der Untertagebau wurde geschlossen. Daraufhin setzte eine regelrechte Invasion ein – die Invasion der Mineraliensammler. Wenn eine Erz-Lagerstätte bis an die Oberfläche reicht und eine hutförmige Wölbung ausbildet – daher der Name Eiserner Hut –, können Sauerstoff und Wasser über lange Zeiträume hinweg auf die Erzmineralien einwirken. So können sich Limonite bilden, die hier durch besonders schöne Anlauffarben die Sammler lockten. Das Besondere am Eisernen Hut in Pfaffenreuth ist, dass die Brauneisenerzvorkommen bis zu vier Meter aus dem Boden ragen. Ganze Horden von Mineraliensammlern schürften also Anfang der 70er rund um den Eisernen Hut. Gerhard Schmaus, damals gerade 30 Jahre alt, und sein Vater Vinzenz, ebenfalls Bergmann, wussten: Wenn hier keiner eingreift, ist es bald um den Eisernen Hut geschehen; dann ist er soweit abgetragen, dass es ihn nicht mehr gibt.

Gemeinsam mit dem Waldsassener Gerwigkreis, einem Ableger des Oberpfälzer Waldvereins, und dem damaligen Forstdirektor beantragte Gerhard Schmaus, den Eisernen Hut unter Naturschutz zu stellen, um dem Raubbau ein Ende zu machen. „Das ging dann ruck zuck über die Bühne“, erinnert sich Gerhard Schmaus. Die Mineraliendiebe verschwanden. Doch nun bekam Gerhard Schmaus zu spüren, was es heißt, etwas „angezettelt“ zu haben, wie er selbst sagt. Ein Naturdenkmal will auch instand gehalten und gepflegt werden. In Absprache mit dem Landratsamt übernahm Gerhard Schmaus diese Aufgabe. „Ich hatte da immer wieder sehr viel Narrenfreiheit, sonst hätte ich das Interesse an der Sache verloren“, sagt der heute 70-Jährige.

Die von ihm zur Entstehung des Eisernen Hutes erarbeitete Tafel wurde im Lauf der Zeit stark beschädigt. Auch sorgte Wildbewuchs stets dafür, dass der Eiserne Hut fast nicht mehr zu sehen war. Doch Gerhard Schmaus gab nie auf: Einmal verpflichtete er die Jugend des Gerwigkreises zur Aufräumaktion, ein andermal holte er sich ABM-Leute, die das Areal von Bäumen und Büschen befreiten, dann wieder spannte er die Schüler der Berufsschule Wiesau ein und ließ sie eine neue Geschichtstafel zimmern. Seit drei Jahren ziert diese nun das Denkmal, eine Bank lädt zum Verweilen ein. Gerhard Schmaus hatte am Eisernen Hut alles unter einen Hut gebracht.

Wirklich alles? Nein, Gerhard Schmaus ist nach wie vor dahinter, den Ort aufzuwerten. Für ihn ist er eben nicht nur geologisch bedeutsam. Für ihn ist dieser Ort fast schon eine Gedenkstätte: an die alte Bergmannstradition, die hier bis ins Jahr 1799 zurückreicht und große Bedeutung in Schmaus’ Leben hat. Bildbände, Festschriften, Chroniken: überall, wo etwas über die Schwefelkieszeche Bayerland geschrieben steht, taucht sein Name auf. Und daneben Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die ihn als jungen Bergmann unter Tage zeigen.

Alle paar Wochen wird kontrolliert

„Die drei Lehrjahre in der Bergschule waren die schönsten Tage meines Lebens“, sagt Gerhard Schmaus. Schon als Jugendlicher wusste er, dass er, wie sein Vater, Bergmann werden wollte. „Mich hat das immer fasziniert.“ Die Faszination für diese Welt lässt ihn nicht los. In seiner Wohnung hat er rund 6000 Steine unter Glas ausgestellt. Im Stiftlandmuseum Waldsassen betreut er die Abteilung mit Mineralien aus dem Landkreis Tirschenreuth.

Sein jüngstes Projekt zum Eisernen Hut ist allerdings gescheitert: Gerhard Schmaus wollte erreichen, dass das Naturdenkmal in die Liste der 100 schönsten Geotope Bayerns aufgenommen würde. Doch die Bemühungen waren vergebens: Im vergangenen Jahr wurde die Liste mit dem Watzmann mit Eiskapelle am Königssee komplettiert. Für Gerhard Schmaus aber bleibt der Eiserne Hut persönlicher Favorit. Alle paar Wochen kommt er an seinen ehemaligen Arbeitsplatz, um nach dem Rechten zu schauen. Selten am Wochenende, denn dann jagen hier laut dröhnend Motocross-Fahrer durch den Wald, seit der örtliche Motorsportclub das alte Bayerland-Gelände zu Trainings- und Wettbewerbszwecken nutzt. Gerhard Schmaus steigt über die bemoosten Brauneisenhügel, von denen aus sich unterirdisch die Schächte verzweigen. Ganz allein ist er dabei meist. Das Moos, das den mächtigen Brauneisenhut bedeckt, verschluckt alles. Auch der neuen hölzernen Tafel hat es sich stellenweise schon bemächtigt. Doch darauf wird Gerhard Schmaus ein Auge haben. Bei der Bewachung seines Denkmals ist er eisern.

Allgemeine Informationen zum Eisernen Hut

- Naturdenkmal seit 1973

- Der Eiserne Hut ist ein durch Verwitterung entstandener, mit Brauneisen (wissenschaftlicher Name: Limonit) durchsetzter Quarzhärtling.

- Alter: 600 Millionen Jahre und älter

- Maße: Länge 50 Meter, Breite 20 Meter, Höhe 4 Meter

- Lage: 595 Meter ü. NN im Hinteren Oberpfälzer Wald bei Pfaffenreuth im Landkreis Tirschenreuth

- Im Geotopkataster wird das Naturdenkmal als für die Wissenschaft wertvoll eingestuft, da ein Eiserner Hut in dieser Ausprägung nur selten vorkommt und deshalb von überregionaler Bedeutung ist.

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