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Glaubensserie

Er ist da, wenn es keinen Trost gibt

Als Notfallseelsorger hilft Peter Bublitz aus Amberg Menschen im vielleicht schlimmsten Moment ihres Lebens: beim plötzlichen Tod eines Angehörigen.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Für Notfallseelsorger Peter Bublitz hat die Routine Grenzen: „So ein Einsatz muss wehtun.“Foto: Schönberger

Amberg.Es piept. „Lieber nicht“, denkt Peter Bublitz, „nicht jetzt“. Aber er muss. Die blaue Umhängetasche liegt schon gepackt im Auto. Einweghandschuhe, ein kleiner Teddy und einige Flyer liegen darin, aber auch Kerzen und Weihwasser. Bublitz schlüpft in seine helle Jacke mit den Reflektoren. Auf seinem Rücken ist groß der Schriftzug „Notfallseelsorger“ zu lesen. Bei Autounfällen, plötzlichem Kindstod oder Suizid wird der Diakon aus Amberg alarmiert. Das Überbringen der Todesnachricht ist zwar Aufgabe der Polizei, aber Bublitz hält sich im Hintergrund bereit. Er ist der ruhige Pol im Chaos, das dann folgt. „Für Angehörige gibt es in so einem Moment keinen Trost“, sagt er, „das Einzige, was ich tun kann, ist dableiben“.

Religion steht im Hintergrund

Seit 18 Jahren ist der Seelsorger zur Stelle, wenn aus heiterem Himmel ein Mensch stirbt. Zusammen mit sieben Kollegen teilt er sich die Notfalleinsätze im Kreis Amberg-Sulzbach. Rund 25 Mal im Jahr wird er von der Polizei oder den Rettungskräften gerufen. Mit den Jahren hat er Routine bekommen, mehr Sicherheit im Umgang mit den Angehörigen. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist kleiner geworden. „Aber leichter werden die Einsätze dadurch nicht.“ Bis heute erinnert sich der 52-Jährige an den ersten plötzlichen Kindstod, zu dem er gerufen wurde. Während der Notarzt versucht, das neun Monate alte Kind wiederzubeleben, sitzt Bublitz mit den Eltern am Küchentisch. Die Mutter ist noch voller Hoffnung, vergebens. Mehrere Stunden bleibt er bei der Familie. Das tote Kind wird zum Abschiednehmen im Wohnzimmer aufs Sofa gebettet. Die Mutter weint viel, der Vater läuft mit regungslosem Gesicht auf und ab. „Mit Frauen ist der Umgang leichter, sie können schneller Gefühle zulassen“, sagt Bublitz. Männer würden eher verdrängen und die Tatsachen negieren. „Ich versuche dann, den Mann an die Seite seiner Frau zu lotsen“, erzählt er. Dann sagt er Sätze wie: „Ihre Frau braucht Sie jetzt auch.“

Seine Religion steht bei einem Einsatz nicht im Vordergrund. Nur auf Wunsch bietet er seine Dienste als Diakon an. Für solche Fälle hat er kleine Holzkreuze dabei, die dem Verstorbenen in die Hand gelegt werden könnten. Und auch Weihwasser, um dem Toten zum Abschied ein Kreuz auf die Stirn zu zeichnen. „Es ist wichtig für die Angehörigen, ihren Verstorbenen nochmals zu berühren“, ist Bublitz sicher. Die Mutter des toten Kindes bittet ihn schließlich, auch die Bestattung zu übernehmen. „Das war dann meine erste Kindsbeerdigung.“ Und zugleich Anlass, eine Ausnahme von der Regel zu machen: Denn als Notfallseelsorger ist der Diakon nur in der akuten Krisensituation bei einer Familie, die weitere Betreuung danach übernimmt der Seelsorger vor Ort. „Man muss Abstand gewinnen“, sagt Bublitz. Noch tagelang verfolgte ihn damals der Gedanke, seine zur der Zeit noch kleinen Kinder könnten eines Morgens nicht mehr aufwachen.

Sein Glaube hilft ihm bei seinen schwierigen Aufgaben. „Dadurch fühle ich mich nicht allein.“ Bublitz arbeitet als hauptamtlicher Diakon in Amberg St. Martin. Er darf Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen zelebrieren, aber keine Beichte abnehmen. Zugleich ist er ausgebildeter Krankenpfleger. Elf Jahre war er nach seiner Ausbildung am Regensburger Krankenhaus Barmherzige Brüder in der Anästhesie und der Intensivstation im Klinikum Amberg tätig. Die Notfallseelsorge, die er heute leitet, hat er Mitte der 1990er Jahre aufgebaut. Bis dahin hatten die Pfarrämter Bereitschaftsdienst. „Aber viele Pfarrer fühlen sich sehr unsicher, wenn sie auf die Straße müssen“, weiß Bublitz.

Als Notfallseelsorger hat er immer eine Woche Dienst. Was ihn erwartet, weiß er nicht. „Einmal waren es drei Todesfälle in sieben Tagen“, sagt er. Auch nach Jahren der Routine sei es wichtig, betroffen zu sein und die Sensibilität nicht zu verlieren. Manchmal laufen auch bei ihm die Tränen. „So ein Einsatz muss wehtun.“ Und kann jemanden auch aus der Bahn werfen. Bublitz erinnert sich noch gut an eine Situation vor ein paar Jahren. Er fing plötzlich an ein Glas zu viel zu trinken, kam morgens nicht mehr aus dem Bett. „Ich war nicht mehr ich selbst“, erzählt er. Dazu kamen psychosomatische Beschwerden. Mit Hilfe eines Traumatherapeuten hat er wieder aus der Krise herausgefunden und ein Schutzsystem installiert: „Meine Frau fragt seither nach jedem Einsatz nach“, sagt Bublitz. Es sei wichtig, das Geschehene zu erzählen, um es verarbeiten zu können. Auch Gespräche mit Kollegen gehörten dazu, ebenso wie regelmäßige psychologische Unterstützung. Wenn die Belastung während eines Einsatzes zu groß wird, wendet Bublitz kleine Tricks an, um sich eine Auszeit zu verschaffen. „Zum Beispiel drehe ich an meinem Ehering und bin in Gedanken für einen kurzen Moment mit meiner Frau am schönsten Ort der Welt“, erzählt er.

Feste Rituale

Im Angesicht des Todes ist der Seelsorger immer wieder mit Grundsatzfragen konfrontiert. Was antwortet er einer Mutter, die ihr totes Baby beweint und von ihm wissen will, warum Gott ihr das antut? „Ich weiß es auch nicht, aber wenn ich hoch komme, frage ich ihn das als Erstes“, sagt Bublitz und schaut einem dabei fest in die Augen. Sein Blick ist freundlich und ernst zugleich. Nicht eine Sekunde muss nachdenken, er kennt diese Fragen. Auch nach dem Brandunglück von Kaprun, bei dem viele Oberpfälzer aus dem Raum Amberg unter den Opfern waren, kam er zum Einsatz. In der Nacht nach der Katastrophe rief aber nur ein einziger Angehöriger bei ihm an. „Die Menschen waren nicht in der Lage, sich zu melden“, sagt er. Gemeinsam mit drei anderen Seelsorgern hat er Angehörige dann zu Hause aufgesucht. „Für die Menschen war es kein Trost, dass noch so viele andere betroffen waren“, erinnert er sich. Der Tod bleibt ein individuelles Unglück, das jeder für sich aushalten muss.

Wenn Bublitz nach einem Einsatz nach Hause fährt, ist es still im Auto. Seine Gedanken sind laut genug. Zu Hause macht er die Einsatztasche wieder startklar. Dann schlüpft er aus seiner Notfallseelsorger-Jacke und beginnt mit einem festen Ritual: Langsam und sehr ausführlich wäscht er sich die Hände. Anschließend geht er zu seiner Ikonenecke und zündet für den Verstorbenen eine Kerze an. Das ungute Gefühl, das ihn bei seinem Aufbruch vor ein paar Stunden noch begleitet hat, ist vergessen.

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