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Erinnerungs-Fetzen aus schwerer Zeit

Experten bewerten in der Staatlichen Bibliothek Relikte aus einer Zeit, als unsere Urgroßväter auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs kämpften.
Von Fritz Winter, MZ

In Experten-Hand: Erinnerungsstücke an den 1. Weltkrieg, hier eine Feldpostkarte, zeigten Regensburger in der Staatslichen Bibliozhek vor. Foto: Lex

Regensburg. Ingrid Bäuml hat ein ganzes Album voller Postkarten mitgebracht: Ein unbekannter Soldat schickte einem Fräulein Maria Metz aus der Ostengasse 13 in Regensburg Karten aus dem „Feindesland“. Sie zeigen das Tuchhaus im westflandrischen Ypern, wo während des 1. Weltkrieges Tausende von jungen Soldaten, viele davon aus dem Regensburger Raum, bei Giftgaseinsätzen ums Leben gekommen sind. Eine Karte zeigt „Typen gefangener Franzosen“, mit einer Karte wünscht der Unbekannte dem Fräulein Metz ein glückliches neues Jahr, eine schließlich steckt eine Glückwunschkarte zur hohen Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz in dem abgegriffenen Album.

Zu schade zum Wegwerfen

Schlaglichter der Erinnerung: Mehrere Regensburgerinnen und Regensburger nutzten am Donnerstag einen Aktionstag an der Staatlichen Bibliothek in Regensburg, um Weltkriegsmemorabilien wie Bücher, Feldpostbriefe und andere Erinnerungsstücke aus Kellern oder Speichern einem Expertengremium vorzustellen. Seit 10. Juli ist in der Bibliothek eine Ausstellung über die Auswirkungen des 1. Weltkrieges auf Regensburg zu sehen. Das, was die Menschen bringen, wird erfasst, bewertet und zeitgeschichtlich eingeordnet.

Ingrid Bäuml hat keine persönliche Beziehung zu dem unbekannten Postkartenschreiber und auch über das Fräulein Maria Metz kann sie nur Vermutungen anstellen. Denn sie war bis zu ihrer Pensionierung Geschäftsführerin der Katholischen Akademie in der Ostengasse, und eine Nachbarin von der Hausnummer 13 war ohne Nachfahren und hatte deshalb der Akademie ihren Nachlass vermacht. „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, das Album wegzuschmeissen“, sagt sie.

Bereits vor drei Jahren hat die Staatliche Bibliothek Regensburg laut Leiter Bernhard Lübbers im Rahmen von Europeana 1914 - 1918 einen derartigen Aktionstag durchgeführt. Dabei ging es darum, Materialien aus Bibliotheken und Archiven aus aller Welt mit privaten Erinnerungsstücken von Familien aus ganz Europa zum Thema 1. Weltkrieg zu vereinigen. Damals seien rund 150 Regensburgerinnen und Regensburger gekommen und hätten die Bibliothek mit Waschkörben voller Material geradezu überschüttet. Diesmal blieb der Andrang deutlich geringer. „Viele Leute sagen, wir sind froh, wenn das material in gute Hände kommt“, so Lübbers. Zwar interessiere sich die Bibliothek nur für schriftliche Dokumente, doch es waren auch Experten etwa vom Haus der Bayerischen Geschichte oder vom Historischen Museum der Stadt Regensburg dabei, die auch andere zeitgeschichtliche Dokumente sichteten.

Wolfgang Fach aus Burgweinting, ehemaliger Lehrer an der Hauptschule in Altenstadt an der Waldnaab, packt einen Militärpass seines Opas Arthur Tillmann aus Schlesien aus. Die Experten erkennen, dass er während des 1. Weltkrieges nicht bei der aktiven Truppe, sonders wegen seiner Tätigkeit als Eisenbahner vom Militärdienst freigestellt war. „Er hat sich während seiner Dienstzeit (wahrscheinlich im Frieden) sehr gut geführt und es gab keine Disziplinarstrafen mit strengem Arrest“, heißt es in seinem Führungszeugnis. Trotz Freistellung war Tillmann in der 2. Batterie des 2. Posischen Feldartillerieregimentes Nr. 56 eingeplant.

Begleitband zur Ausstellung

Ein interessantes historisches Bild hat der bekannte Regensburger Kunstmaler Werner Steib mitgebracht. Es zeigt seinen Großvater Sebastian Steib, der in feldgrauer Uniform für den Fotografen posiert. Wie auf einer Aufschrift hervorgeht, war er während des 1. Weltkrieges in Belgien im Einsatz. Ein Detail am Rande beeindruckt auch Bibliotheksleiter Lübbers: Aus der rechten Tasche des Uniformrocks schaut der „Regensburger Anzeiger“. Offenkundig wollte Steib auf Nachrichten aus der Heimat nicht verzichten – wahrscheinlich ist, dass das Bild während eines Fronturlaubes zuhause in der Regensburger Heimat entstand.

Parallel zu der Weltkriegs-Ausstellung hat die Staatliche Bibliothek Regensburg einen reich illustrierten Begleitband ebenfalls mit dem Titel „Regensburg im Ersten Weltkrieg“ herausgegeben. Namhafte Autoren schildern darin, wie die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts die Garnisonsstadt beeinflusste und wie sich der Krieg auf das Stadtleben auswirkte.

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