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Oberpfalz

Für ihn ist Schneckentempo Pflicht

Unterwegs mit Dr. Wilhelm Weidinger. Der frühere Oberpfälzer Regierungspräsident ist Hobby-Malakologe – zu deutsch: Schneckenforscher.
Von Fritz Winter, MZ

  • Regierungspräsident a.D. Dr. Wilhelm Weidinger mit drei von „Pfarrer Sterrs Kindern“: Er entdeckte von Pfarrer Georg Sterr um 1850 am Burgberg bei Donaustauf ausgesetzte, nicht-heimische Schneckenarten neu. Sie haben sich mittlerweile bis zu den Winzerer Höhen über der Donau ausgebreitet. Fotos: Fritz Winter
  • Fein säuberlich hat Weidinger seine Schnecken sortiert.

Regensburg.Mit dem Hobby des deutschen Schriftstellers und Philosophen Ernst Jünger mag sich Wilhelm Weidinger nicht anfreunden. In seinem Buch „Subtile Jagden“ beschreibt Jünger sein Hobby: die Jagd auf Käfer. „Da fühle ich mich zu langsam dafür“, sagt der mittlerweile 73-jährige ehemalige Regierungspräsident der Oberpfalz mit einem Lächeln auf den Lippen. Schon seit Jahren beschäftigt er sich mit Tieren, die es etwas gemütlicher angehen lassen. Mit den Schnecken. „In die Schönheit und Vielfalt dieser Tiere habe ich mich schon früh verliebt“. Es mag in der Zeit zwischen 1969 und 1972 gewesen sein, als er als junger Jurist im Bayerischen Innenministerium unter anderem für Fragen des Naturschutzes zuständig war.

„Sterrs Kindern“ geht es sehr gut

Und weil er die Schnecken so liebt, mag er auch die Menschen nicht sonderlich, die mit Bierfallen, Giftkörnern oder der Gartenschere im Salatbeet Tabula rasa machen. „Die Arion vulgaris ist wirklich eine große Plage“, sagt Weidinger. „Aber bei der radikalen Bekämpfung kommt auch der wunderschöne Limax maximus, erstmals beschrieben von Linné im Jahre 1758, unter die Räder“. Für Laien: Die in unsere Gärten eingeschleppte Spanische Wegschnecke gehört raus, nicht aber der wunderschön gefleckte, unschädliche Tigerschnegel, gelegentlich auch Große Egelschnecke genannt.

Wenn Weidinger auf Exkursion ist – zum Beispiel in den Südalpen, in der Toskana oder in der Türkei, dann klebt sein Blick immer am Boden, was von seiner Familie „etwas mürrisch“ beobachtet wird, wie er gesteht. Aber nicht nur in fernen Ländern, auch bei einer Exkursion der in München beheimateten Friedrich-Held-Gesellschaft am Donaustaufer Burgberg, hat Weidinger schon interessante Entdeckungen gemacht. Er hat nämlich „Pfarrer Sterrs Kinder“ wiederentdeckt und in einem Beitrag für die Zeitschrift „Heldia“, den Münchner Malakologischen Mitteilungen, wissenschaftlich korrekt vermeldet, dass es diesen „Kindern“ ausgezeichnet geht. „Sie besiedeln in vitalen Populationen unterschiedliche Bereiche des Burgbergs mit unterschiedlich expansiver Tendenz“.

Freude über alle neuen Funde

Pfarrer Georg Sterr hat 1847 den „Zoologisch-mineralischen Verein“ in Regensburg gegründet und bei schneckenkundlichen Forschungen beim heutigen Bad Abbach die Pupilla sterii entdeckt, eine Schnecke, die vom königlichen Regensburger Gewehrfabrikanten Ignaz von Voith nach ihm benannt wurde. Als Pfarrer von Donaustauf züchtete er auch mit bestem Erfolg Schnecken und setzte zwei dort nicht vorkommende Arten, die Chilostoma cingulatum und die Campylaea planospira, am Burgberg aus. Beides sind kleine, aber sehr schöne Häuslschnecken in lackglänzenden Farben.

Es ist das Verdienst Weidingers, 160 Jahre nach den Experimenten von Pfarrer Sterr die Schnecken wiederentdeckt und eine stabile Population nachgewiesen zu haben. Bis zu den Winzerer Höhen kommen „Sterrs Kinder“ heute vor. „Ich nehme nicht an, dass sie zügig über die Regensburger Brücken dort hingewandert sind“, schmunzelt Weidinger. Viel wahrscheinlicher sei, dass sie von Vögeln vertragen wurden.

Wieder zu Hause am „Balkon von Regensburg“ mit Blick auf sieben romanische Kirchen zeigt Weidinger seine Schneckensammlung. Fein säuberlich in Hunderte kleiner Glasröhrchen gepackt, bewahrt er seine Schätze auf – zumeist sind die Schnecken klein und völlig unscheinbar. Aber sie lassen viele Rückschlüsse zu. Zum Beispiel geben sie Antwort auf die Frage, ob die beim Bau des Main-Donau-Kanals und bei der Regulierung der Donau geschaffenen Altwässer positiven Einfluss auf Flora und Fauna gehabt haben. „Es hat gar nichts gebracht“, sagt Weidinger aufgrund seiner malakologischen Erkenntnisse. Ökologisch wertvolle Flächen gehen zunehmend verloren – und darunter leidet auch die Vielfalt der Lebensräume für die Schnecken.

Der ehemalige Spitzenbeamte ist kein gelernter Zoologe – im Gegenteil. Er ist Jurist, der in Freiburg, Berlin und München Rechtswissenschaften studierte und der 1967 seine Doktorarbeit an der Universität München über die Feinheiten des Kartellrechts in der Europäischen Gemeinschaft schrieb. Aber Weidinger ist auch Schöngeist, der heute noch dem Oberpfälzer Kulturbund als Präsident vorsteht, sich um Regensburger Kunstgalerien genauso kümmert wie um historische Gastwirtschaften in der Region. Er sieht sich als „wissenschaftlicher Zuträger“, der nicht erpicht ist darauf, dass eine Schneckenart einmal seinen Namen trägt. „Zu modernsten wissenschaftlichen Methoden wie der Genanalyse bei Schnecken habe ich keinen Zugang mehr. Aber ich freue mich über neue Funde und an der Vielfalt der Tiere“, sagt der gebürtige Berliner, der während seiner Regierungszeit am Emmeramsplatz in der Oberpfalz so heimisch wurde, dass er zusammen mit seiner Frau auch im Ruhestand Regensburger blieb.

Seine Begeisterung kennt keine Grenzen. Besonders liebt er den Tigerschnegel, dessen Lebensweise für ihn „spannender als ein Krimi“ ist. Besonders die abenteuerlichen Begattungsmethoden der Pärchen an einen Meter langen Schleimfäden faszinieren ihn. Früher haben er und seine Frau zwischendurch Weinbergschnecken gegessen. Heute tun sie das nicht mehr. „Meine Frau kitzelt sie am Bauch – dann strecken sie lustig ihre Fühler aus“, sagt Weidinger. „Wie könnte man so possierliche Tierchen essen?“

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