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„Gutes Gespräch, guter Anzug“

Die Modemacher aus der Oberpfalz: Andreas Moller macht Anzüge nach Maß, dies jedoch mit veränderten Maßstäben – und dem Streben nach Perfektion.
Von Katja Bock, MZ

  • Auf der Theke seines neuen „bespoke shops“ in Weiden nimmt Andreas Moller letzte Änderungen an einem Maß-Sakko vor.Foto: Gabi Schönberger
  • Reine Handarbeit – selbst das Etikett wird per Hand eingenäht
  • Mit Moller arbeiten acht Schneiderinnen im Atelier.

Weiden. Kariertes Sakko, blaue Hose, weißes Hemd, gemusterte Fliege, gepunktete Socken. Zwischen Eleganz und einer gewissen Lässigkeit wirkt Andreas Moller wie der Beatmusik-Ära entsprungen. Ich breche das Klassische des Maßanzugs gerne, indem ich beispielsweise mein Maß-Sakko mit Jeans kombiniere oder mit Accessoires wie bunten Socken, beschreibt er seinen Look und setzt sich in einen Korbsessel vor seinem Shop in der Postgasse 7 in Weiden. Im April 2013 eröffnete er zusätzlich zu seinem Maß-Atelier den ersten Concept-Store für Männer – seinen „bespoke shop“. Die Atmosphare des Shops spiegelt seinen eigenen Look wieder. Eine Mischung aus Vintage gepaart mit modernen Klassikern.

Bedeutungsschwanger prangt über der Kasse zusammengesetzt aus alten Reklamebuchstaben das Wort „bespoke“. „Bespoke shop“, „bespoke couture“, „bespoke tailoring“: Zwischen Anzug, Atelier und Laden schafft das Wort „bespoke“ die Verbindung. „Für mich bedeutet der Begriff bezogen auf den Shop, dass es dort Produkte gibt, die es Wert sind darüber zu sprechen, im Atelier schafft ‚bespoke‘ die klare Abgrenzung zu den Kleidern von der Stange und ‚bespoke tailoring‘ beschreibt das Herstellungsverfahren der Maßanzüge“, erklärt Moller die Bedeutung. „Ein guter Anzug beginnt immer mit einem Gespräch.“ Moller fertigt seine Maßanzüge nach den alten Regeln des „bespoke tailoring“. Das heißt, der Anzug wird wie vor 100 Jahren in Handarbeit genäht.

Von der Stoffwahl bis zum richtigen Sitz des Knopflochs kann der Kunde dabei jedes Detail mitbestimmen. Der aufwendige Fertigungsprozess benötigt seine Zeit. Je nach Auftragslage muss ein Kunde schon mal bis zu sechs Monate warten, bis der Anzug fertig ist und ca. 3800 Euro investieren.

Weltmeister als Maßschneider

Seine Leidenschaft zur Maßschneiderei entdeckte Moller dabei über Umwege. Zwar hatte bereits sein Vater eine Herrenschneiderei in Weiden, aber erst der Extremsport eröffnete ihm den Zugang zum Maßgefertigten. Als Snowboardpionier, Sandboarding-Weltmeister und leidenschaftlicher Surfer kreierte er bereits für einige Sponsoren Sportbekleidung. Das Schlüsselerlebnis war für Moller allerdings als er sich ein individuelles Board anfertigen ließ. „Im Vergleich dazu hatten alle industriell gefertigten Boards immer irgendwelche Macken. So kam ich auf die Idee, dass das irgendwie auch auf Kleidung übertragbar sein musste. Also ein Kleidungsstück, welches sich genau den Bedürfnissen eines Menschen anpasst.“

Weiden, Munchen, London

Aus der Faszination für das individuell Angefertigte fasste der 43-jahrige den Entschluss, Maßschneider zu werden, und dass zu einer Zeit als der Beruf bereits zum aussterbenden Handwerk zählte. Nach der Ausbildung zum Herren- und Damenmasschneider und der Meisterprüfung an der Meisterschule für Mode in München zog es ihn nach London zu Vivienne Westwood. „Sie hatte zwar keine Ahnung von Schnitten, aber ihre Geistesfreiheit und Fantasie waren und sind unglaublich. Oft kam sie mit Skizzen, wo man weder wusste, ob das ein Rock, eine Hose oder ein Oberteil werden sollte“, erinnert sich Moller an die Zeit bei der Queen of Punk. Diesen absoluten, kreativen Freiraum nutzte er, um sich auszuleben, verlor aber dabei sein Ziel, die Präzision und Handwerkskunst der Maßschneiderei, nie aus den Augen.

Später bewarb er sich auf der legendaren Herrenschneidermeile der Savile Row in London bei Ozwald Boateng. „Als ich nach meinem Bewerbungsgesprach bei Boateng auf die Straße ging, regnete es heftig und alles war aschgrau, aber ich war so unglaublich glücklich, denn ich hatte meinen Traumjob!“

Trotz seines Erfolgs in London wurde der Wunsch ein eigenes Label aufzubauen immer stärker. Als Ausgangsbasis wählte er aber keine Modemetropole, sondern kehrte zurück nach Weiden. „Meine Entscheidung sahen zwar viele skeptisch, aber es fühlte sich einfach richtig an.“ Im Jahr 2005 übernahm er die Schneiderei seines Vaters und baute sie in sein „bespoke Atelier“ um. Der Schritt vom pulsierenden London nach Weiden kostete gerade am Anfang viel Energie. „Es war frustrierend, die ersten drei Monate klingelte kein Telefon und nichts bewegte sich.“ Doch trotz aller Zweifel hielt er durch. Die ersten Kunden kamen und er überzeugte. Heute beschäftigt Moller acht Näherinnen, die im Atelier in Weiden ausschließlich Maßanzüge fertigen und wird von der Stil-Beilage „Icon“ der „Welt am Sonntag“ als einer der 100 besten Schneider Deutschlands geführt.

Durch die Balance aus moderner Ästhetik und den klassischen Regeln des Handwerks setzt Moller die Maßschneiderei in einen modernen Kontext und verbindet sie mit seiner Leidenschaft für Sport, dem Anspruch an die größtmögliche Bewegungsfreiheit und seiner Verbundenheit zu London.

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