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Eisenbahn-Nostalgie

Das kurze Leben der Pendler-Strecke

Die Nord-Süd-Eisenbahnverbindung im vorderen Bayerischen Wald ist bereits seit Anfang der 1980er Jahre Vergangenheit.
von Fritz Winter, mz

  • Erwin Vogl hält ein altes Schwarz-Weiß-Bild in der Hand. Es zeigt die letzte Abfahrt eines Schienenbusses in Miltach am 28. September 1984. Damit wurde der Personenverkehr eingestellt. Foto: Winter
  • Diese Aufnahme entstand im Juni 1967 im Bahnhof Miltach: Zwei Dampfloks der Regentalbahn AG ziehen Waggons mit Scheitholz und Langholz. Damals war noch viel los: Ständig fuhren Züge Richtung Cham, Kötzting oder Straubing ab. Foto: Vogl

Miltach. Erwin Vogl kann sich noch gut an die Zeiten erinnern, als im Bahnhof Miltach im Landkreis Cham so richtig was los war. Triebwagen und lokbespannte Personenzüge pendelten regelmäßig nach Straubing und sorgten für Schüler wie Berufstätige für die Anschlüsse aus dem vorderen Bayerischen Wald in die Gäubodenmetropole oder weiter nach Landshut und vor allem in die Landeshauptstadt nach München. Örtliche Bauern hatten nicht selten ein Schwein dabei, um es auf dem Straubinger Viehmarkt zu verkaufen. Güterzüge schnauften voll beladen mit Schotter aus dem Werk in Rattenberg über die Strecke. Gelegentlich wurde auch Holz verladen oder die BayWa in Konzell Süd mit Waren beliefert.

Vogl, der ab 1968 Aufsichtsbeamter und Fahrdienstleiter am Bahnhof Miltach war und dessen Markenzeichen sein Fotoapparat war, hat aber auch weniger gute Erinnerungen an die einst nicht unwichtige Nord-Süd-Verbindung vom Bayerwald in die Donau-Ebene. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto zeigt einen Schienenbus mit der Zug-Nummer 8401, den er am Morgen des 28. September 1984 um 5.30 Uhr fotografierte. Es war der letzte Personenzug von Miltach nach Steinburg – und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ging an diesem Tag eine Eisenbahnära zu Ende.

Dabei hatte die Geschichte dieser Eisenbahnstrecke so vielversprechend begonnen. Bereits am 20. Januar 1884 hatte die Stadt Straubing bei der Regierung in München den Bau einer Lokalbahn nach Viechtach im Bayerischen Wald beantragt. Als dies abgelehnt wurde, forderte man eine Verbindung nach Cham, aber als Zwischenlösung wurde nur der Bau einer Stichbahn in Aussicht gestellt.

Erwartungen wurden übertroffen

Man entschied sich für den Bau einer Eisenbahnlinie von Straubing in das damals nur 200 Einwohner zählende Dörfchen Konzell. Der erste Streckenabschnitt von Straubing nach Bogen wurde 1895 eröffnet. Der nächste Teil nach Steinburg folgte im Mai 1896 und schließlich war am 5. Dezember 1896 die 32,7 Kilometer lange Strecke von Straubing nach Konzell fertiggestellt. Und die Eisenbahnlinie wurde gut angenommen: Mit fast 187000 Fahrgästen im Jahr 1897 wurden die Erwartungen deutlich übertroffen – vor allem, weil viele Schüler aus dem Bayerwald zur Schule nach Straubing fuhren.

Umgehend wurde der Weiterbau nach Miltach in Angriff genommen. Am 1. Juni 1905 wurde das Reststück der Strecke Straubing – Miltach eröffnet. Damit hatte der vordere Bayerische Wald eine durchgehende Nord-Süd-Eisenbahnverbindung. Erwin Vogl kann sich an einen regen Zugverkehr zwischen Straubing und Miltach in den siebziger Jahren erinnern. Werktäglich wurden sechs Zugpaare angeboten, für Wochenendpendler gab es am Freitag ein weiteres Abendzugpaar. Von Cham aus fuhren morgens zwei Züge und abends ein Zug bis nach Straubing durch, ein Zugpaar lief sogar weiter bis nach Neufahrn. Der gesamte Fahrplan war auf die Bedürfnisse der Pendler aus dem Bayerischen Wald in die Wirtschaftszentren an der Donau zugeschnitten.

Bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das Eisenbahnerleben am Bahnhof Miltach weitgehend in Ordnung. Die Personenzüge waren noch einigermaßen gut gefüllt und auch das Frachtaufkommen war so, dass sich ein wirtschaftlicher Betrieb der Strecke aufrechterhalten ließ. Erst langsam machte sich die Konkurrenz durch die zunehmende Motorisierung der Bevölkerung und durch die Verlagerung des Warentransports auf Lastwagen bemerkbar. Erwin Vogl hat heute noch eine Statistik zur Hand, die das Reisendenaufkommen am Bahnhof Miltach eindrucksvoll dokumentiert: 1957 waren es 17000 Fahrgäste, zehn Jahre später 1967 immer noch 15900. 1971 waren es nur noch 13500 und 1977 gerade einmal 10000.

Es dauerte nicht lange, bis die Bundesbahn reagierte. 1984 war die Zahl der Reisenden zwischen Steinburg und Miltach auf täglich 23 Personen zurückgegangen. Und somit fuhr am 28. September 1984 der letzte Personenzug auf dieser Strecke – es war der schon erwähnte Schienenbus, fotografiert von Erwin Vogl. Bis 30. November 1986 wurde noch mit Schienenbussen auf der Teilstrecke Steinburg-Bogen gefahren, bis auch dieses Angebot eingestellt wurde.

Im Güterverkehr sah es ähnlich schlecht aus. Mit der Einstellung des Personenverkehrs wurde am 30. November 1986 auch der Gesamtverkehr zwischen Konzell-Streifenau und Bogen-Ost aufgegeben. Am 31. Oktober 1995 war ganz Schluss: Der Gesamtverkehr von Miltach nach Konzell wurde eingestellt. Gerade einmal 90 Jahre wurde die Strecke Miltach-Straubing alt.

Ein begeisterter Eisenbahner

Erwin Vogl hat den Niedergang miterlebt, ist aber ein begeisterter Eisenbahner geblieben. Nachdem der Bahnhof Miltach ab 1988 zurückgebaut wurde, war er wechselweise in Miltach und Blaibach, ab 1993 in Kothmaißling als Fahrdienstleiter eingesetzt, bevor er in Ruhestand ging. Er wohnt in Sichtweite des Miltacher Bahnhofes und er schaut gerne aus dem Fenster, denn die Strecke Lam-Miltach-Cham lebt im Gegensatz zur Verbindung nach Straubing noch: Hier fährt die Regentalbahn im regelmäßigen Bayern-Takt.

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