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Jeden Tag zur Wiesn – seit 23 Jahren

Wiesn heißt für Armin Jumel zwei Wochen Ausnahmezustand: Seit 23 Jahren sitzt der Friseur beim Oktoberfest im Schottenhamel-Festzelt – jeden Tag.
Von Elena Zelle, dpa

Der Friseur Armin Jumel posiert am 24. September auf dem Oktoberfest in München im Schottenhamel Festzelt an seinem Stammtisch mit Bier. Foto: Felix Hörhager/dpa

München. Armin Jumel trägt einen Hut mit einer gelben Rose und eine bestickte Lederhose. Vor ihm auf der weiß-blauen Tischdecke steht eine volle Maß, um ihn herum stehen die Leute auf den Bänken – trinkend, singend, tanzend. Armin Jumel (43) schaut ihnen zu – jeden Tag, seit 23 Jahren.

Der Friseur ist vermutlich der einzige Mensch, der praktisch nie einen Wiesn-Tag verpasst, von Kellnern oder Schaustellern mal abgesehen. Zum Oktoberfest packt der Friseur seine Schere weg und tauscht den Alltag gegen den Ausnahmezustand. Seit 1990 heißt es für ihn zur Wiesn-Zeit jeden Tag: Bierseligkeit bei Blasmusik.

„Ich hatte in der ganzen Zeit nur acht oder neun Fehltage“, sagt der 43-Jährige. Um seine Friseurläden in München kümmern sich derweil Mutter, Schwester und Nichte. Wo andere Leute ewig – und oft auch vergeblich – Schlange stehen, sind für ihn täglich zwei Tische reserviert, ganz automatisch.

Für Jumel ist immer Platz, immer in der Mitte des Zeltes. Er gehört im Schottenhamel-Zelt nicht nur zum Inventar, er hat auch sein eigenes da: Seine beiden Tische sind die einzigen mit weiß-blauen Tischdecken.

Das Reservierungsschild räumen die Bedienungen nach Feierabend weg und stellen es ins Festzelt-Büro, am nächsten Morgen steht es wieder da, wo es hingehört: in seinem „Übergangs-Wohnzimmer“. Für seine Maß hat Jumel einen eigenen Deckel mit einem Figürchen in Tracht, darauf ist sein Name und „schee is“ (schön ist’s) eingraviert.

Zu verdanken hat er all das seinem Vater. Denn der war in den 40er Jahren Trauzeuge auf der Hochzeit der damaligen Chef-Bedienung. Und die gab ihm ein paar Jahre später ein großes Versprechen: Jumels Vater und seine Familie sollten immer einen Tisch im Schottenhamel bekommen.

Schon als Kind war Jumel deshalb mit seinen Eltern ständig auf der Wiesn. Im Jahr 1990 starb sein Vater, ausgerechnet auf dem Weg zum Oktoberfest, an einem Herzinfarkt. Heute hält der Sohn die Tradition aufrecht. „Daran hätte mein Vater auch Spaß gehabt.“

Viel habe sich nicht geändert in den Jahrzehnten, die er am Biertisch verbrachte. Die Musik auf der Wiesn sei moderner, und voller sei es geworden. „Wegen Überfüllung geschlossen, das gab es früher nicht.“ Früher, da konnte man sogar noch mit Kinderwagen ins Zelt, erzählt er.

Jumels jüngeren Bruder hat die Familie als zwei Monate alten Säugling mit ins Festzelt genommen. Heute ist es dafür nicht nur viel zu voll, Kinderwagen sind auf dem Festgelände inzwischen außer samstags nur noch tagsüber erlaubt. Inzwischen sieht Jumel viele, auch junge Leute, in Tracht. „Das hat sich gesteigert. Was tatsächlich Tracht ist, ist natürlich Auslegungssache.“

Während Jumel erzählt, kommen ständig Leute zum Reden vorbei, klopfen ihm auf die Schulter, setzen sich dazu. Da hat Langeweile keine Chance, auch wenn er jedes Lied der Blaskapelle ungefähr vier Mal am Tag hören muss.

Kampftrinker seien er und seine Freunde nicht, sagt Jumel entschieden. Pro Tag trinke er höchstens fünf Maß - fünf Liter Bier. „Also, als echter Münchner muss man das schon vertragen.“ Manchmal aber, da schummele er ein wenig. Dann gibt es kein Helles, sondern alkoholfreies Bier oder Radler.

Jumel bleibt immer bis zum Schluss, jeden Tag. Auf seinem Reservierungsschild aus Holz steht „Dohockadedodeoiweidohocka“ – „Hier hocken die da, die hier immer hocken.“

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