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Tischfussball

Longshot Lilly ist jetzt Oberpfälzerin

Die 29-jährige Lilly Andres gehört zu den besten Kicker-Spielerinnen der Welt. Von Berlin aus zog es sie jetzt in den Landkreis Schwandorf.
Von Philipp Zimmermann, MZ

  • Die Weltmeisterin in ihrem Element: Lilly Andres beim Kickerspielen in der Regensburger Kneipe Büro. Foto: altrofoto.de
  • Hat gut lachen: Lilly Andres ist eine der besten Tischfußball-Spielerinnen der Welt. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Chancenlos. Blamiert. Vom Gegenüber gedemütigt. Eine unwürdige Vorstellung. Als richtiges Duell gegeneinander kann man das, was sich am Kickertisch in der Regensburger Kneipe Büro abspielte, nicht bezeichnen. Die Reporterehre ist schon vor dem Interview mit Longshot Lilly schwer beschädigt. Der Ball und die aufgereihten Männchen sind einfach nicht in Einklang zu bringen. Zu hektisch und überfordert sind die eigenen Aktionen. Die blaue Zweier-Abwehrreihe schiebt sich hilflos hin und her, zu langsam um den bemitleidenswerten Torwart zu entlasten. Für die Gegnerin ist sie auf jeden Fall kein Hindernis.

Aber kein Wunder: Am original Leonhart steht eine der besten Kicker-Spielerinnen der Welt. Mit traumwandlerischer Sicherheit lässt sie die weiße Kugel durch ihre Reihen tanzen. An dem ungefähr 1700 Euro teu-ren Tisch schießt sie Tore im Sekundentakt.

Longshot Lilly seit Jahren top

Geboren in Mainz, gehört die 29-Jährige seit geraumer Zeit zur absoluten Weltspitze im Drehstangen-Tischfußball, wie die offiziellen Bezeichnungen von Kickern lautet. Im vergangenen Jahr zog die mehrfache Team-Weltmeisterin von Berlin zu ihrem Freund nach Hohenthal bei Dieterskirchen.

Longshot Lilly nennt man sie in der Szene, eigentlich heißt sie Petra. Den Spitznamen Lilly trägt sie schon lange. „Petra nennt mich eigentlich nur noch mein Papa“, sagt sie. Der Beiname Longshot kam durch das Kickern hinzu, er bezeichnet ihre Haupttechnik. „Ganz einfach gesagt ist das die längste Schussvariante, die es gibt, den ganzen Tisch entlang“, erklärt Andres ihren bevorzugten Schuss.

Im Januar gelang ihr bei der Weltmeisterschaft in Nantes der bisher größte Coup: Mannschaftsweltmeisterin und Vize-Weltmeisterin im Einzel. Mit der klassischen Kicker-Atmosphäre von düsterer Kneipe, wenig Platz und biertrinkenden Spielern hat so ein Weltmeisterschaft ganz und gar nichts zu tun. In riesigen Sporthallen, mit den hochwertigsten Tischen und perfekter Ausleuchtung werden die Besten ermittelt. Mehr als 6000 Zuschauer waren am Finaltag in Nantes anwesend. Eine Haupttribüne, mehrere kleinere in der Nähe der Tische, sowie eine Leinwand und zahlreiche Monitore sorgen dafür, dass jeder die temporeichen Partien verfolgen kann.

Lange wenig Interesse am Kickern

Dass Andres einmal eine solche Karriere hinlegen würde, war kaum vorherzusehen, in ihrer Jugend hielt sich die Begeisterung für das Kickern stark in Grenzen. Als sie dann mit 19 Jahren am Abend mit Freunden unterwegs war, die eine Runde spielen wollten, hatte sie wenig Lust darauf. Schnell merkte sie dann aber doch, dass ihr das Duell am Tisch Spaß bereitete. Ein wenig aus der Not heraus wurde sie dann in Berlin zur regelmäßigen Spielerin, erinnert sie sich: „Da kannte ich zuerst niemanden, deshalb war Kickern gut, um Anschluss zu finden. Damals habe ich fast jeden Tag gespielt und irgendwann war ich der König der Kneipe“.

Just zu dieser Zeit bildete sich in der Hauptstadt der organisierte Ligabetrieb für den Tischfußball. Andres war von Anfang an mittendrin. Nach ersten größeren Turnieren erhielt sie vor acht Jahren eine Einladung in die Nationalmannschaft, „von der ich bis dahin überhaupt nicht wusste, dass sie existiert“, wie sie zugibt.

Nun also der Umzug vom Szeneviertel Friedrichshain in die ländlichen Gefilde der Oberpfalz. Hohenthal, das sind genau zwei Häuser – einen krasseren Unterschied zum Berliner Nachtleben kann man sich wohl kaum vorstellen. „Das war schon irgendwie ein Kulturschock, aber eigentlich gar nicht so schlimm, wie es klingt. Als ich dorthingezogen bin, war ich mir sicher, dass mir nicht die Decke auf den Kopf fallen wird“, versichert Andres. „Hohenthal liegt mitten im Wald, das ist schon sehr idyllisch“, schwärmt sie von ihrer neuen Heimat.

Leidenschaft zum Beruf gemacht

Obwohl Lilly Andres der Weltspitze angehört, kann sie vom professionellen Kickern alleine nicht leben. Es gebe zwar Preisgelder, diese reichen aber gerade dazu aus, um die zahlreichen Reisen zu Turnieren ins Ausland zu finanzieren. Dennoch hat sie ihr Hobby zum Beruf gemacht: Vor drei Jahren gründete sie mit einem Partner die Firma Kivent, die das Komplettpaket rund um das Kickern bietet: Events, Vermietung, Verkauf. Einen „normalen“ Beruf zu erlernen, das kam für Andres nie wirklich in Frage: „Der klassische Weg, also Abitur machen und Studieren, das wollte ich nie. Ich bin dann immer mehr im Kickern aufgegangen, das mit Kivent hat sich einfach angeboten:“

Mit Mitte zwanzig den Weg in die Selbstständigkeit zu wagen, scheint riskant, doch Andres und ihr Mitstreiter hatten wohl bemerkt, dass in Deutschland das Interesse am Kickern von Jahr zu Jahr steigt: Mit heute mehr als 6000 Mitgliedern ist die Bundesrepublik die Tischfußballnation schlechthin, wie Andres betont: „Nirgendwo ist dieser Sport so gut organisiert, nirgendwo gibt es so einen Ligabetrieb, das ist unvergleichlich.“ Dennoch erfüllt der Tischfußballbund nicht die Kriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes, um sich offizielle Sportart nennen zu dürfen: Es mangelt vor allem noch an der Mitgliederzahl und der Nachwuchsarbeit. In zwei bis drei Jahren werden die Anforderungen aber erfüllt sein, glaubt die Expertin.

Kickern an sich erfährt in den deutschen Medien kaum Aufmerksamkeit, Andres dagegen schon: TV Total, Galileo, Bildzeitung oder der ZDF-Fernsehgarten, um nur einige ihrer zahlreichen Auftritte zu nennen. Warum das so ist, dafür hat sie eine selbstbewusste Antwort: „Der Gag ist einfach, dass ich so aussehe, wie ich aussehe. Bei einer Kicker-Weltmeisterin erwarten alle ein Mannsweib aus dem Frauenknast und keine kleine, zierliche Person.“

Für ihre Zukunft im Tischfußball hat Andres noch einen großen Traum: „Wenn man eine der Besten der Welt ist, dann will man auch die Beste sein.“ Was ihr in ihrer großen Titel-Sammlung also noch fehlt: Die Goldmedaille im Einzel.

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