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Männer lagen blutend auf dem Parkplatz

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: Bei einem Raubüberfall auf den C&C-Großmarkt in Weiden starben 1971 zwei Männer. Der Fall ist bis heute ungelöst.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Blutlachen, Kreidemarkierungen, Maßstab: Spurensicherung am Tatort im C&C-Großmarkt in Weiden. Fotos: Gabi Schönberger; Archiv (2)
  • Die beiden Mordopfer: Rudolf Bauer (links) und Ernst Karl Kasseckert
  • „Brutaler Raubüberfall“: Mittelbayerische Zeitung vom 13. Dezember 1971

Weiden.Es ist Freitag, der 10. Dezember 1971, kurz nach 23 Uhr. Der Parkplatz des Lebensmittel-Großmarktes Cash & Carry Alfred Meister im Weidener Gewerbegebiet Neustädter Straße liegt im Halbdunkel einer kühlen und feuchten Winternacht.

Draußen ist es finster, aber im Inneren des seit Stunden abgesperrten Gebäudes brennen die Neonröhren, weil fünf der 40 Mitarbeiter Überstunden machen: sie räumen für das Weihnachtsgeschäft noch große Mengen Ware in die Regale. Der 36-jährige Geschäftsführer Rudolf Bauer sitzt über der Tagesabrechnung, füllt Münzen, gebündelte Banknoten und Schecks in die vorbereiteten Geldbomben.

Es war wieder ein langer Arbeitstag, aber die Stimmung ist gut. Die Männer – Ernst Karl Kasseckert (27; Vize-Marktleiter), Lothar Jagusch (18; Azubi), Fritz Kriegler und Georg Schwarz (Angestellte) – sitzen mit Geschäftsführer Bauer oben im Büro und trinken ein Helles aus der Flasche. Es ist Freitagnacht und das Wochenende steht vor der Tür. Gut gelaunt verabredet man sich anschließend auf einen Absacker in der „Keglerklause“ in Altenstadt an der Waldnaab.

Um 23.14 Uhr stecken alle fünf ihre Zeitkarten in die Stechuhr. Die Tageseinnahmen – 60 341,67 Mark, verteilt auf vier Geldbomben – liegen in der schwarzen Aktentasche von Geschäftsführer Bauer. Er will sie, wie an jedem Abend, in den Nachttresor der Bayerischen Vereinsbank werfen.

Die Geldbomben kullern heraus

Als die Männer fröhlich plaudernd durch die Dunkelheit zu ihren geparkten Wagen gehen und dabei noch versprengte Einkaufswagen einsammeln, springen plötzlich zwei schwarz vermummte Männer hinter einer Plakattafel hervor und stürzen sich gezielt auf den Geschäftsführer mit der Aktentasche. Der sportliche Bauer wehrt sich heftig, schreit „Überfall!“ und schlägt einen Gangster zu Boden. Seine Tasche fällt hin, die Geldbomben kullern heraus. Dann peitschen Schüsse über den leeren Parkplatz: Ein Vermummter hat das Feuer eröffnet, während der andere versucht, die herumliegenden Geldbomben aufzuklauben.

Bauer, Kasseckert und Kriegler sinken blutend auf den Asphalt, während der junge Jagusch zu seinem Kleinwagen Lloyd 600 läuft, seine Schreckschusspistole herausholt und damit verzweifelt ein paar Mal auf den flüchtenden Gangster mit der Aktentasche feuert. Am Maschendrahtzaun kann er ihn rückwärts fassen. Doch der dreht sich um und schießt den 18-Jährigen aus nächster Nähe mit seiner echten Pistole nieder. Dann sagt einer der Täter: „Geh’, hau’n wir ab!“

Georg Schwarz bleibt als Einziger unverletzt. Er war noch einmal in den Supermarkt zurückgelaufen, um seinen vergessenen Autoschlüssel zu holen. Alle anderen vier Männer liegen in ihrem Blut: Rudolf Bauer von acht (!) Kugeln getroffen, zwei trafen Kasseckert, die anderen je eine. Am Tatort wurden 14 Geschosshülsen des Kalibers 9mm gefunden – Geschosse, die übelste Verletzungen hervorrufen.

Trotz seiner schwersten Verwundungen kann sich der durchtrainierte Bauer noch in eine Lagerhalle schleppen und Alarm auslösen. Doch er stirbt kurz danach im Krankenhaus – nach sechs Durchschüssen, einem Oberschenkel-Streifschuss und einen Schulter-Steckschuss. Ernst Karl Kasseckert überlebt seinen Bauchdurchschuss nicht; um 0.30 Uhr ist auch er tot. Fritz Kriegler und Lothar Jagusch kommen mit viel Glück durch. Bauer hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder, der 27-jährige Kasseckert ist der einzige Sohn seiner Eltern.

Bei der wohl schwersten Schießerei in Weiden nach dem Kriege benutzen die Täter eine 08 „Luger“ und eine Walther P 38 – beide Pistolen mit den 9mm-Patronen „Parabellum“. Sie erbeuten drei der vier Geldbomben mit 26 097,03 Mark in bar und 4133,83 Mark in Schecks. Sie entkommen unerkannt durch die Nacht und werden trotz Sonderkommission und intensivster Fahndung nie gefunden.

1033 Hinweisen nachgegangen

Die Männer tragen bei der Tat spitze Kapuzen, einen Armee-Anorak und einen mittelgrauen Dufflecoat. Sie sind 1,75 bis 1,80 Meter groß, schlank und geschätzte 25 Jahre alt. Die Polizei geht 1033 Hinweisen nach und setzt für die Ergreifung der Täter 15 000 Mark Belohnung aus – vergeblich. Rudolf Bauers Aktentasche mit Papieren aus dem C&C-Markt und ein zusammengerollter Dufflecoat werden etwa fünf Woche nach der Tat nördlich von Altenstadt in einem Waldstück entlang der B 22 gefunden.

Ein Jahr später wird der Fall in einem Düsseldorfer Filmatelier nachgedreht und in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ gezeigt. Dabei konzentriert sich die Suche auf einen Mann, der Anfang November 1971, etwa einen Monat vor dem Überfall, in Altenstadt von Haus zu Haus und Tür zu Tür zieht und Kleidung schnorrt. Der Mann ist in der Gegend bekannt und sucht eine Hose; eine Frau W. schenkt ihm einen Mantel.

Als die Mildtäterin ihn nach Name und Adresse fragt, weil sie eventuell noch an eine passende gebrauchte Hose käme, antwortet er ausweichend und wird danach in der Siedlung auch nicht mehr gesehen. Die Polizei sucht ihn, weil der unbekannte Mann womöglich den Schlüssel zum Raubüberfall auf den C&C-Markt besitzt: einer der Täter hat nämlich den Mantel dieses Bettlers bei der Tat getragen.

Der rätselhafte graue Mantel

Bei den kriminaltechnische Untersuchungen findet man Faserspuren der beiden Mordopfer Bauer und Kasseckert auf dem Mantel, Spuren des grauen Mantels werden wiederum am Tatort gefunden. Es ist unwahrscheinlich, dass der Bettler an der Tat beteiligt war, aber wie ist er seinen Mantel losgeworden? Der Mann soll 1,65 bis 1,68 Meter groß gewesen sein, mittelalt und „mit schon schütterem Haar“. Auffällig ist, dass an dem Mantel beide Ärmel „unfachmännisch“ um ca. 5 cm gekürzt und mit grauem Glenchek-Anzugstoff repariert wurden.

Nach der Sendung gehen 90 Anrufe ein. Eine heiße Spur ist nicht darunter. Stefan Hartl, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz: „Es gibt keine weiteren Erkenntnisse seitdem. Leider.“ Die unbekannten Täter dürften, wenn sie noch leben, heute Ende sechzig sein.

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