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Naturdenkmäler

Mondlandung tief unter der Erde

Helmut Schlierf ist der Neil Armstrong der fränkischen Höhlenwelt: Er entdeckte die Adventhalle, einen Teil der König-Otto-Höhle bei Velburg.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Mehr als eine Million Menschen haben die Tropfsteinhöhlenwelt bei Velburg bisher besucht.Fotos: Schönberger

Velburg. Es waren einmal zwei Schulfreunde aus Fürth. Jeder von ihnen hatte ein Fahrrad und grenzenlosen Idealismus. Mehr brauchten sie nicht, als sie 1969 mit ihrer Mission begannen. Als Ort für ihre Mission hatten die beiden Teenager die König-Otto-Höhle bei Velburg ausgewählt, ihr Ziel war es, Neil Armstrong und Buzz Aldrin der fränkischen Höhlenwelt zu werden – ja, sie wollten wie die beiden ersten Menschen auf dem Mond die beiden ersten Menschen in einer neu entdeckten Höhle sein, Boden betreten, den noch kein Mensch zuvor betreten hat.

„Wie sieht es aus, wo noch niemand war“, erinnert sich Helmut Schlierf an seine damaligen Beweggründe. „Das wollten wir wissen, wir wollten unbedingt etwas finden. Wir haben verbissen gesucht.“ Der Traum des damals 14-Jährigen und seines Freundes Michael Kirnberger wurde drei Jahre später wahr: Am 2. Dezember 1972 betraten sie als erste die Adventhalle, eine märchenhafte Tropfsteinwelt, die bis dahin neben der bereits 1895 entdeckten König-Otto-Höhle unbemerkt geblieben war. „Das war meine persönliche Mondlandung“, sagt Schlierf heute.

In der Welt der Stalaktiten

40 Jahre sind vergangen, seit die beiden Schulfreunde und sechs weitere Männer von der Forschungsgruppe Höhle und Karst Franken zum ersten Mal auf die schneeweiße Pracht in bis zu 30 Metern unter der Erde blickten. In der bis zu 60 Meter langen und 40 Meter breiten Halle, die fünfeinhalb Meter Höhe erreicht, erstreckte sich ein Höhlensee, in dem sich die an der Decke aufgereihten weißen Sinterröhrchen und Stalaktiten im Licht der Karbidlampen der Entdecker spiegelten. „Es war eine unberührte Kraterlandschaft“, beschreibt Helmut Schlierf seine Eindrücke. Fast andächtig hebt er ein abgebrochenes, kaum fünf Zentimeter langes, innen hohles Stäbchen aus Kalk vom Höhlenboden auf. „Das ist ein Sinterröhrchen, man nennt es auch Makkaroni“, sagt er. „Jede Höhle ist ein Naturdenkmal, man darf nichts mit herausnehmen, außer Eindrücke.“

Daran hielt er sich auch im Advent 1972 – daher der Name der Halle –, nachdem sie die Höhle entdeckt hatten. Um die Höhle zunächst dokumentieren und vermessen zu können, mussten alle acht Mitglieder der Forschungsgruppe unterschreiben, erst einmal nichts von der Entdeckung an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Helmut Schlierf wollte seine Entdeckung ungestört auskosten. Waren er und Michael Kirnberger doch in den Jahren zuvor mindestens 20 Mal mit dem Rad von Fürth hierhergekommen, um die Vorarbeiten zur Entdeckung zu leisten. Für die einfache Wegstrecke brauchten die Jungen fünf Stunden. Fünf Stunden, in denen sie sich bereits ausmalten, wie sie an der verheißungsvollen Stelle endlich fündig würden. Sie meinten nämlich, am Ende des so genannten 70-Meter-Ganges der König-Otto-Höhle an einer Verbruchstelle einen hauchzarten Luftzug zu verspüren. Mit Erlaubnis des damaligen Höhlenführers fingen sie an der Stelle an, zu graben. Das Genehmigungsschreiben kann Helmut Schlierf heute noch auswendig.

Doch was Helmut und Michael auch anstellten, sie kamen nicht weit. Also schlossen sie sich der Forschungsgruppe Höhle und Karst Franken an, mit deren Hilfe sie am 2.Dezember 1972 schließlich einen Weg durchs Gestein in die Halle fanden. „Stellenweise war es so eng, dass man ausatmen musste, um durchzukommen“, sagt Helmut Schlierf. „Ich habe jeden Millimeter genossen.“ Angst habe er nie gehabt, zumindest nicht, dass ihm etwas passieren könnte. Dass aber durch die Besucher der direkt angrenzenden König-Otto-Höhle seiner jungfräulichen Adventhalle etwas geschehen könnte, das machte ihm schon Angst.

Dennoch entschloss er sich im Frühjahr zum Gang an die Öffentlichkeit: Der Stadtrat von Velburg besichtigte die Neu-Entdeckung. Danach stand fest: Auch die Adventhalle sollte zur Schauhöhle gemacht werden. Dadurch veränderte die Halle ihr Aussehen ganz gewaltig. Die schneeweißen Kalkformationen sind durch die künstliche Beleuchtung grünlich angelaufen. „Das nennt man Lampenflora“, erklärt Helmut Schlierf. Auch der Höhlensee hat sich bis auf wenige Pfützen zurückgezogen. Der alte Teil der König-Otto-Höhle ist fast schwarz, da die Führungen Anfang des 20. Jahrhunderts mit Fackeln stattfanden, die stark rußten. „Als der alte Teil entdeckt wurde, war er ganz, ganz toll“, ist sich Schlierf sicher.

Adventhalle lockt Touristen an

Die Entdeckung des alten Höhlenteils geht zurück ins Jahr 1895, als der Schäfer Peter Federl aus St. Colomann – heute ein Ortsteil von Velburg – zufällig auf eine Felsspalte stieß, die ihn verwundert haben soll, weil hier der Schnee viel schneller wegtaute als anderswo. Er ging der Sache nach und entdeckte den Eingang zu einer Höhle. Schon damals wurde von Seiten des Verschönerungsvereins erkannt, dass sich die Entdeckung zu einer überregionalen Besucherattraktion machen ließe. Tatsächlich wurde die König-Otto-Höhle zum Publikumsmagneten. Doch erst die Entdeckung der Adventhalle lockte Touristen in Scharen an: Mehr als eine Million Menschen haben die Tropfsteinhöhlenwelt bei Velburg bisher besucht. Sogar aus dem australischen Tasmanien kamen Gäste.

Als Helmut Schlierf nämlich bei einer Höhlenforschung in Tasmanien war, wurde er angesprochen, ob er die König-Otto-Höhle kenne. Nein, kennen ist kein Ausdruck dafür, was Helmut Schlierf mit der Höhle verbindet. „Es war meine erste Entdeckung und es war meine Heimat. Nichts ist schöner“, sagt der Neil Armstrong der fränkischen Höhlenwelt. Und mit der Erinnerung kommen ihm auch heute noch fast die Tränen, so unbeschreiblich schön war sie, seine persönliche Mondlandung.

Tropfsteinhöhle Velburg

- Die König-Otto-Höhle verbunden mit der Adventhalle ist geprägt durch große Sinterkaskaden, korkenzieherartige Stalaktiten und mächtige Stalagmiten.

- Alter: Die Höhle besteht aus Dolomitstein, der sich in der Jurazeit, vor ca. 150 Millionen Jahren bildete.

- Maße: 450 Meter Gesamtlänge; Adventhalle: Länge 60 Meter, Breite 40 Meter, Höhe 5,50 Meter

- Die Führung durch die König-Otto-Tropfsteinhöhle dauert ca. 45 Minuten.

- Körperbehinderte und Rollstuhlfahrer können die Adventhalle problemlos besichtigen.

- Informationen zur Besichtigung unter www.tropfsteinhoehle-velburg.de

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