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Das Geheimnis von „qwertzuiopü“

Das Schreibmaschinen-Museum in Bayreuth besitzt 600 Maschinen. Einige waren raffiniert, andere ernteten Hohn und Spott.
Von Thomas Dietz, MZ

  • 1890: die „Williams“ mit hüpfenden Typen, genannt „Heuschrecke“

Bayreuth.Keine Technik hat unseren Büroalltag so revolutioniert wie die Schreibmaschine. Zwischen dem steilen Aufstieg und ihrem kontinuierlichen Sterben sei den 1980er Jahren liegen rund hundert aufregende Jahre. Heute ist die Schreibmaschine so gut wie tot und führt allenfalls ein Nischendasein: Für einige bleibt sie ein liebgewordenes und inspirierendes Schreibgerät, andere benutzen sie für Spezialaufgaben wie dem Ausfüllen alter Frachtbriefe oder sie beschriften damit Karten in Museumsvitrinen.

Die Schreibmaschine stellt – besonders nach ihrer Vervollkommnung in der 1920er Jahren – eine technisch-kulturelle Spitzenleistung der Menschheit dar. Gleichwohl hielt mit dem Aufkommen der Textverarbeitung im Computer auch eine gewisse Verachtung Einzug: „Die kann ja nichts“, konnte man eine Zeit lang hören – ein Kriterium, das man bei Oldtimer-Autos und -Flugzeugen, Uhren oder anderen Maschinen nie bemüht hätte.

Heute, wo universell abgehört wird, gilt es eher als Vorteil, dass ein maschinengeschriebener Text diskret ist und nirgendwo digitale Abdrücke hinterlässt. Nur sollte man sich beim Tippen nicht belauschen lassen: jede Taste produziert ein einzigartiges Geräusch, das zugeordnet werden kann.

Das Deutsche Schreibmaschinen-Museum in Bayreuth liegt neben den Gebäuden des berühmten Gefängnisses St. Georgen und ist ein Wunderland neuzeitlicher Schreibkultur. Sein ehrenamtlicher Leiter Holger Woppmann (33), Lehrer für Informationstechnologie (IT) an vier Schulen, ist hier mit jedem Detail vertraut.

30 „Stechschriftbuchstaben“

Genial: Der Prototyp Nr. 1 des Tiroler Konstrukteurs Peter Mitterhofer
Genial: Der Prototyp Nr. 1 des Tiroler Konstrukteurs Peter Mitterhofer

Besondere Aufmerksamkeit zieht sofort eine seltsame, hölzerne Schreibmaschine auf sich: Es ist ein Nachbau des Wiener „Modells 1“ mit 30 Tasten und „Stechschriftbuchstaben“ (1864), konstruiert von dem genialen Tiroler Zimmermann Peter Mitterhofer (1822- 1893) aus Partschins. „Zu seinen Ehren wurde dort 1993 das mit 2000 Exponaten größte Schreibmaschinen-Museum der Welt eröffnet“, sagt Museumsleiter Woppmann.

„Mitterhofer hat mit seinen Modellen unerhörte Pionierarbeit geleistet und schuf viele Grundlagen für die Konstruktion späterer Schreibmaschinen.“ Seine Modelle hatten schon Zeilenschaltung, Klingelzeichen, Rücktaste und Randeinstellung.

Leider wurde die Tragweite seiner Erfindungen nicht erkannt; er erntete nur Hohn und Spott. Die US-Tüftler Christopher Latham Sholes und Carlos Glidden konnten ähnliche Lösungen zur Serienreife entwickeln (bzw. abkupfern) und patentieren lassen. Mitterhofer hat den Siegeszug der Schreibmaschine in den USA noch erlebt. Auf seinem Grabstein steht: „Die Anderen, die von ihm lernten, durften die Früchte seines Talentes ernten.“

Das Museum zeigt ausgefeilte und raffinierte Maschinen, die technisch aber oft eine Sackgasse darstellten und deren Entwicklung nicht weiterverfolgt wurde: z. B. die „Hansen’sche Schreibkugel“, mit der Friedrich Nietzsche häufig zu kämpfen hatte. In einem Brief vom 21. März 1882 schrieb er: „Leben Sie wohl! Die Schreib-Maschine will nicht mehr, es ist gerade die Stelle des geflickten Bandes!“

Der blumenbedruckten „Remington I“ von 1874 mit Handrad ist ihre Herkunft aus einer Nähmaschinenfabrik deutlich anzusehen. Und die Caligraph „New Century“ wurde wegen ihrer Schönheit sogar auf der Weltausstellung 1889 in Paris ausgezeichnet.

Auch der geniale Amerikaner George Blickensderfer, ein gebürtiger Pfälzer, nahm mit seiner Typenrad-Maschine von 1893 spätere Entwicklungen vorweg. Sein robustes Modell wurde bis 1917 produziert, obwohl man das beschriebene Papier nur sehen konnte, wenn man aufstand.

Keine Vereinfachung gewünscht

Die Reihenfolge „qwertzuiopü“ auf der Tastatur wurde übrigens gewählt, damit die häufigsten Buchstaben mit den Fingern am leichtesten gegriffen werden können und die Typenhebel sich möglichst selten verhaken. Alternativ-Tastaturen (z. B. die vereinfachte „Dvorak-Belegung“ von 1932) konnten sich bis heute nicht durchsetzen.

In den 1920er Jahren kamen moderne Selbstverständlichkeiten hinzu. Die Maschinen hatten nun Papierlösehebel, zweifarbige Farbbänder (meist rot und schwarz) mit automatischer Umkehr, Tabulator, extrabreite Wagen, Zeilenabstandsregler, Geräuschdämmung oder Matrizenzuführung.

Rheinmetall-Borsig entwickelte 1925 mit ihrem Modell „Herold“ sogar ein ergonomisches Tastenfeld, das sich aber damals wie heute aber nicht durchzusetzen vermochte. Den elektrischen Wagenaufzug mit Zeilenschaltung, nach rechts ziehende Wagen mit hebräischen oder arabischen Schriftzeichen gab es schon in 1930er Jahren. Im Museum gibt’s auch Schreibmaschinen für Notenschrift (die „Melotype“ von 1936 und den „Musicwriter“ von 1981), Spezialgeräte für Steno oder für chinesisch und japanisch.

Revolutionär: mit der IBM-Kugelkopf war erstmals Schriftwechsel möglich
Revolutionär: mit der IBM-Kugelkopf war erstmals Schriftwechsel möglich

„Die meisten Maschinen bekommen wir geschenkt“, berichtet Holger Woppmann. Zuletzt hat der frühere IBM-Mechaniker Eberhard Meyer seine einmalige Privat-Sammlung von 40 IBM-Geräten dem Museum übergeben – eine Sonderausstellung ist im Aufbau. Darunter befinden sich gleich mehrere Exemplare der weltberühmten IBM 72 aus dem Jahr 1962 (in hellgrau die schönste moderne Schreibmaschine der Welt). Die legendäre „IBM Executive“ war auch die erste mit „Proportionalschrift“: bis dahin, man sieht es an alten, getippten Schriftstücken, waren das „i“ oder das „j“ immer genauso breit wie „w“ oder „m“.

Lage des Museums

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