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Ein Oldtimer auf Chromkufen

Reparatur-Fachmann Alexander Schneller betreibt das einzige Staubsauger-Museum in Bayern – mit lauter Haushalts-Raritäten.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Mit diesem Objekt der Begierde fing alles an: ein Miele Modell A, Baujahr 1952. Erst suchte Alex Schneller nur nach einer Schaufester-Dekoration – jetzt besitzt er 116 historische Staubsauger, Tendenz steigend. Foto: Thomas Dietz
  • Historisches Zubehör: Vorwerk-Insektentöter „Insit“ und der Raumduft „Arodesin“ zum Zerstäuben. Foto: Thomas Dietz
  • Der Universalmotor „Piccolo“ für alle Gelegenheiten: Auch Anny Ondra und Max Schmeling schätzten ihn. Foto: Thomas Dietz
  • Eines der ersten, immer wieder verbesserten Staubsauger-Modelle: Der Kobold aus dem Jahr 1934. Foto: Thomas Dietz

Mühldorf am Inn.Zwei Damen bleiben vor dem Schaufenster stehen und beginnen sofort ein lebhaftes Gespräch: Wir befinden uns an einem Ort, der heftige Regungen auslösen kann – dem einzigen Staubsauger-Museum in Bayern. „Wenn sie jetzt reinkommen“, raunt Gründer Alexander Schneller, „werden sie sagen: ,An unseren ersten Staubsauger kann ich mich noch sehr gut erinnern.‘ Wetten?“

Die Ladentür macht einen Piepton und die beiden treten an die Regale: „An unseren ersten Staubsauger kann ich mich noch gut erinnern, es war ein Progress“, sagt die eine, „den nahmen wir auch zum Haaretrocknen her.“

Das Staubsauger- und Küchengeräte-Museum in Mühldorf ist ein Ort, an dem sich Kindheitserinnerungen und die Kulturgeschichte des Alltagslebens fröhlich treffen. Ob es nun der allererste Vorwerk-Kobold aus dem Jahr 1930 ist (im Inneren arbeitet ein Grammophon-Motor), der pastellgrüne „Miele Präsident“ oder der mit eleganter Kunst-Krokohaut bezogene Electrolux Z 55, der auch als Zerstäuber zum Entmotten der Kleiderschränke diente (50 Gramm Mottenschutzmittel wurden in den 50er Jahren gleich mitgeliefert). All diese Geräte besitzen heute Kultstatus, so wie die alten DDR-Erzeugnisse Omega, Emka und „Steppke“.

Auch diese Sammelleidenschaft begann harmlos. Vielleicht hat Schnellers Mutter „schuld“, die den kleinen Alex im Schneidersitz auf ihrem „Hoover Ufo“ mitfahren ließ (das runde Gerät ist in der Ausstellung zu besichtigen). Erst reparierte Schneller ja nur Küchenmaschinen und Staubsauger aller Art. Dann suchte er nach einem Blickfang fürs Schaufenster – und wurde auf dem Flohmarkt fündig: ein roter Miele, Modell A, Baujahr 1952, auf Kufen, verchromt, 300 Watt Leistung. Nach sorgsamer Restaurierung war er noch schöner. Die Liebe war da, obendrein wurde Schneller ständig auf seinen roten Miele angesprochen.

Sauger-„Bombe“ zum Umhängen

Inzwischen sind in dem kleinen Museum 116 Staubsauger und 50 Küchenmaschinen zu besichtigen; im Internet jagt Schneller nach immer neuen Altobjekten, z. B. dem „Bico“ mit Umhängegurt, der wegen seiner Form „Bombe“ genannt wird oder dem „Sostro“-Handsauger, der ohne Strom, aber mit Muskelkraft angetrieben wird (Deutsches Reichspatent von 1907).

Der Siegeszug der Haushaltsgeräte begann mit der „modernen Zeit“ in den 20er Jahren. Die besseren Stände hatten Dienstmädchen, die mit der Hand putzen, wischen, abstauben, blankpolieren, fegen, bohnern und Wäsche waschen durften. Gleichzeitig mussten immer mehr Frauen, oft aus purer Not, berufstätig werden und sehnten sich nach maschinellen Arbeitserleichterungen im Haushalt.

Ein genialer Alleskönner war der „Piccolo“, das „Universalhaushaltsgerät“, das mit ein und demselben Motor mixen, raspeln, mahlen, entsaften, staubsaugen, föhnen, desinfizieren, lackieren, sägen, bohren und schleifen konnte! Ein gut erhaltenes Exemplar hat in Mühldorf seine eigene Vitrine mit Original-Werbeprospekten: Im Haushalt von Box-Weltmeister Max Schmeling und Schauspielerin Anny Ondra gab es auch einen „Piccolo“.

Populär ist immer noch eine Zweitfunktion des Staubsaugers: die Trockenhaube. So ließ sich Loriot 1973 daheim mit einem „Kobold“ fotografieren, den man lange Zeit nur über Vertreter – der Hersteller spricht lieber vom Fachberater im Direktvertrieb – beziehen konnte. Womöglich erhielt Loriot hier die Inspiration zum „Saugblaser Heinzelmann“ im Sketch „Vertreterbesuch“ mit Evelyn Hamann.

Preis bis zu drei Monatsgehälter

Nach der Währungsreform 1948 wurden Haushaltsgeräte zu Bestsellern, auch wenn sie sehr teuer waren: ein Staubsauger kostete manchmal bis zu drei Monatsgehälter. Die Firma Electrolux warb 1955 für ihr Modell „mit langer Boden- oder Wandschwenkdüse“ so: „Die alten Reinigungsmethoden bedeuten nutzlose schwere Arbeit sowie Zeitverschwendung für Sie. Es ist unmöglich, eine Wohnung nach den alten Methoden von Staub und Schmutz zu befreien. Außergewöhnliche Tiefensaugwirkung und beinahe geräuschloser Motor. Millionen zufriedene Lux-Besitzer auf der Welt.“

Gewiss, das Mühldorfer Museum ist nur klein. Alexander Schneller erzählt aber über jedes Objekt eine interessante Geschichte, z. B. aus jenen Zeiten, als noch überall Warnschilder „Vorsicht, frisch gebohnert!“ hingen. Für diese anstrengende Hausfrauenarbeit gab es die „Kobold“-Bohnerbürste, die Fegen, Säubern und Polieren in einem Gang erledigte und Parkett, Linoleum und Steinholz auf Hochglanz bohnerte. Das war ein Segen damals.

Es gibt tatsächlich eine Szene in Deutschland, die leidenschaftlich und systematisch alte Staubsauger sammelt. Ihr harter und aktivster Kern besteht aus 20 Leuten, die sich alle untereinander kennen. Am berühmtesten war Martin Damß aus Hanau, der bis zu seinem Tod vor zwei Jahren zeitweise bis zu 1000 Staubsauger besaß. Seine einzigartige Sammlung ist jetzt leider in alle Winde zerstreut.

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