MyMz

MZ-Serie

Mehr als nur Knochengräber

Das Paläontologische Museum in München ist bekannt für seine Riesenskelette. Experten interessieren aber auch kleine Urtiere.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Gert Wörheide mit dem Münchner Triceratops-Kopf, der aus Wyoming in den USA stammt. Foto: Meyer-Tien

München.Die Säugetiere haben es ihm ja eigentlich nicht so angetan, sagt Gert Wörheide. Und auch für Dinosaurier hat er sich nie so richtig interessiert. „Das ist das Klischee: Paläontologen sitzen in der Wüste und buddeln Dinosaurierknochen aus. Stimmt nicht.“ Er grinst. Und dann streichelt er doch den Triceratops im Lichthof des Münchner Paläontologischen Museums, und wenn man ihn nach seinem Lieblingsausstellungsstück fragt, dann geht er ganz selbstverständlich zum Urelefanten.

Schon von Amts wegen kann er sich auf diese Frage hin eigentlich auch nichts anderes aussuchen: Gert Wörheide, 50 Jahre alt, ist seit 2008 als Professor für Paläontologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität gleichzeitig Leiter des Paläontologischen Museums in München. Und das drei Meter hohe und fünf Meter lange Skelett des Urelefanten ist eines der absoluten Highlights der Dauerausstellung. Angler fanden die Knochen 1971 am Ufer des Inn in der Nähe von Mühldorf, dann legten die Spezialisten 170 Skelettteile und acht Backenzähne frei, die mit kleinen Booten mühevoll über den Fluß transportiert werden mussten, bevor sie in der Paläontologischen Staatssammlung präpariert werden konnten.

Der Gigant, der heute die Besucher des Museum begrüßt, ist allerdings ein Abguss, die wertvollen Originalknochen liegen in den Sammlungsräumen. Und sind Teil einer der größten geowissenschaftlichen Sammlungen Deutschlands. Deren Anfänge liegen 1759 in der Naturaliensammlung der „Churbaierischen Akademie der Wissenschaften“, die Sammlung wuchs über die Jahrhunderte und war im 19. Jahrhundert weltweit bekannt. Dann allerdings wurden viele der gesammelten Schätze 1944 bei einem Bombenangriff zerstört. „Wir bekommen immer wieder Anfragen aus dem Ausland nach Stücken, bei denen wir sagen müssen, dass sie leider nicht mehr vorhanden sind“, erzählt Wörheide.

Der Urelefant ist eines der beeindruckendsten Stücke der Sammlung.
Der Urelefant ist eines der beeindruckendsten Stücke der Sammlung. Foto: Meyer-Tien

Die Welt der Schwämme

Insgesamt umfasst die Sammlung heute noch etwa 1,7 Millionen „größere Objekte“, dazu kommen „Kleinformen wie Foraminiferen, Muschelkrebse, Pollen und Algen, deren Zahl in die Millionen geht und nicht annähernd abgeschätzt werden kann“, wie es in der offiziellen Beschreibung heißt.

Das ist dann schon eher die Welt von Gert Wörheide. Klar, der Urelefant ist etwas ganz besonderes, schon wegen der Geschichte seines Fundes, und auch deswegen, weil er in Bayern gelebt hat und die Staatssammlung sich ganz Besonders den bayerischen Fossilien verschrieben hat. Aber was Wörheide wirklich fasziniert, das ist die Unterwasserwelt, und ganz besonders die Welt der Schwämme. Eine Welt, die er erstmals endeckte, als er nach seiner Promotion Ende der 1990er Jahre in Australien lebte und forschte, heute zählt er die Erstellung einer molekularen Systematik der Schwämme zu seinen größten Errungenschaften. Da muss die Frage erlaubt sein, was was denn ausgerechnet an Schwämmen so spannend ist. Wörheide lacht, die Frage hört er nicht zum ersten Mal. Kurz droht er damit, den ganzen Tag lang zu schwärmen, sagt dann aber doch nur knapp: „Dass sie zu den ursprünglichsten Lebewesen des Planeten zählen“. Wenn man die untersuche und ihre Genomstrukturen vergleiche, sagt er, erfahre man viel über die frühe Entwicklung der Tiere. Und darüber hinaus habe die Forschung an Schwämmen auch ganz praktischen Nutzen, zum Beispiel für die Medizin: So produzierten viele Schwämme besondere Giftstoffe, aus denen sich Medikamente entwickeln ließen. Ein gängiges Herpes-Präparat sei beispielsweise aus dem Gift einer Schwammart hervorgegangen, auch ein Mittel gegen Brustkrebs.

Das Münchner Exemplar eines Flugdinos: Archaeopteryx bavarica
Das Münchner Exemplar eines Flugdinos: Archaeopteryx bavarica Foto: Meyer-Tien

Nur wenige von Wörheides Favoriten sind in der Dauerausstellung im Barockbau unweit des Königsplatzes zu sehen, die einen winzigen Teil der Sammlung für die Öffentlichkeit präsentiert. Ein umlaufender Schaukasten an der Brüstung des zweiten Stocks, von der aus man hinunter auf den Urelefanten und andere beeindruckende Großskelette schauen kann, zeichnet anhand von Fossilien die Erdgeschichte „Vom Mesolith zum Hamster“ nach. Lange bleibt Wörheide dort stehen vor einem 500 Millionen Jahre alten Schwammriffkalk.

Ein Triceratops aus Wyoming

Doch die meisten Besucher interessieren sich eher für die Säugertiere, die Reptilien, Echsen und, natürlich die Dinosaurier. Den Archäopterix zum Beispiel, der 1992 in Solnhofen entdeckt wurde, oder jenen Triceratops, der auch zu Wörheides Lieblingsstücken zählt. Der allerdings nicht aus Bayern, sondern aus Wyoming stammt. Auch das Skelett eines Riesenhirsches gibt es hier zu sehen, einen Säbelzahntiger und einen Höhlenbär.

Der zweite Stock des Gebäudes ist reserviert für Sonderausstellungen. Da gab es mal eine über die Evolution der Zähne, mal eine über Muscheln, doch momentan arbeiten alle an einem neuen Konzept für die Dauerausstellung. Das nimmt einige Zeit in Anspruch, denn das Museum hat keine eigenen Mitarbeiter, sagt Wörheide: Es sind die Wissenschaftler der Paläontologie und der Geologie, die nebenbei das Museum betreuen. Was viel Arbeit ist, aber einem heeren Zweck dient: einem breiten Publikum die Faszination der Geowissenschaften zu vermitteln. Denn nur wer weiß, woher er kommt, sagt Wörheide, kann wissen, wo er hingeht. Und verstehen, dass „das, was wir heute sehen, nur ein winziger Ausschnitt der Erdgeschichte ist. Und dass dieser Ausschnitt vergänglich ist“.

Alle Teile unserer Museums-Serie aus dem Raum München

Weitere Teile unserer Museums-Serie gibt es hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht