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Museum

Raum für junge Künstler in München

Anfangs wollte niemand in den Kunstarkaden ausstellen. Nach zehn Jahren ist die Galerie in der Kunstszene angekommen..
von Katia Meyer-Tien, Mz

Rohre an den Decken und große Fenster – die Kunstarkaden während der Ausstellung „Praktizierte Substanz“
Rohre an den Decken und große Fenster – die Kunstarkaden während der Ausstellung „Praktizierte Substanz“ Foto: Meyer-Tien

Münchne.Mehmet Dayi sitzt auf einem Stuhl in einer Ecke hinter der Theke, auf der sich die Flugblätter und Ausstellungseinladungen stapeln. „Ich wirke ruhig, aber innerlich bin ich immer in Bewegung“, sagt er. Durch das große Fenster in seinem Rücken laufen Menschen, manche hastig, manche schlendernd, Innenstadtfußgängerverkehr. Von hier aus sieht man zu ihnen auf, die Münchner Kunstarkaden liegen im Souterrain, direkt hinter dem Alten Rathaus. Mehmet Dayi hat sich gerade noch dafür entschuldigt, dass der Kaffee alle ist, ein Büro hat er hier unten auch nicht, hier gibt es nur eines: Kunst.

Heute ist Dayi eine feste Größe in der Münchener Künstlerszene, ganz ohne sich selbst als Künstler zu sehen. „Ich bin anders“, wehrt er sich gegen jedes Schubladendenken. Denn das bestimmte sein Leben in Deutschland so lange.

Gut gemeint, aber falsch

24 Jahre ist es her, dass Dayi die Betreuung der damals neu eröffneten städtischen Galerie übernahm. Der Auftrag dazu kam aus dem Kulturreferat, mit „Goethe 53“ sollte ein Ausstellungsraum für Künstler mit Migrationshintergrund entstehen. „Das war gut gemeint“, sagt Dayi. Und erzählt dann, wie er Künstler aus Passau oder Würzburg ablehnen musste.

Weil sie Deutsche waren. Und wie falsch er das fand, er, der seit seiner Ankunft in Deutschland ständig die Frage nach seiner Herkunft beantworten muss. Als wenn das eine Rolle spielte. „Das war eine Form der doppelten Diskriminierung“, sagt er: der deutschen Künstler, aber auch einer „positiven Diskriminierung“ der Künstler mit Migrationshintergrund, die allein aufgrund ihrer Herkunft ausstellen durften. Dayi brauchte einen Ausgleich und schuf in Eigenregie das Projekt „Zimmer frei“ im Hotel Mariandl, bei dem er Künstlern aus verschiedenen Ländern – auch aus Deutschland – Hotelräume als Ausstellungsflächen zur Verfügung stellte.

„Niemand wollte hier ausstellen“

Und dann, 2005, hatte auch die Stadt verstanden. Und bot Dayi den Keller des Kulturreferates an. Zentral gelegen mitten in der Münchner Altstadt, unterirdisch und doch ebenerdig erreichbar. „Ich habe drei Monate gebraucht, bis ich ein Konzept hatte“, sagt Dayi, denn die Räume machen es nicht leicht. Weiß verputzt, grauer Boden, Rohre an den Decken, riesige Fenster: „Niemand wollte hier ausstellen“.

„Es sind schöne, gute Räume“, sagt Heike Jobst, 33 Jahre alt, Künstlerin aus München. Im vergangenen Jahr hat sie ihre Werke in den Kunstarkaden präsentiert. „Praktizierte Substanz“ war der Titel der Gruppenausstellung. Heute, in ihrem Jubiläumsjahr, sind die Kunstarkaden längst angekommen in der Münchner Kunstszene. „Die Kunstarkaden haben gerade für junge Künstler eine große Bedeutung“, sagt Jobst. Man erreiche ein großes Publikum, und weil auch andere Künstler immer wieder vorbeischauen, komme man dort auch mit vielen Kollegen in Kontakt. Stilrichtung, Bekanntheitsgrad, Geschlecht, Religion, Herkunft: egal.

Denn das ist das Konzept, das sich Dayi schließlich ausgedacht hat. Ein Raum für junge Münchner Künstler, in dem sie sich ausprobieren können. Sechs Ausstellungen macht Dayi im Jahr, dafür spricht er von ihm ausgewählte Künstler an, manchmal auch nur einen, der sich dann andere Künstler sucht, die gemeinsam mit ihm ausstellen. Vollkommen freie Hand lässt Dayi den Jungen dabei, einzige Vorgabe: Es sollten dann doch nicht nur Deutsche sein, die sich da zusammenfinden, und sie müssen in der Lage sein, die Räume der Kunstarkaden selbst als Programm zu verstehen.

Spiel mit Kunst-Inszenierung

Was dann passiert, ist jedes Mal etwas vollkommen neues. Einmal bauten die Künstler eine Betonwand im Eingangsbereich auf, darin versteckt ein Lautsprecher. Sonst nichts. Dann nahmen sie mit einem versteckten Mikrofon die Reaktionen der Besucher auf, die leere Ausstellungsräume vorfanden. Die aufgezeichneten Reaktionen spielten sie in dem Moment ab, in dem die Besucher den Raum verließen. Während Dayi erzählt, rauscht und gurgelt es im Hintergrund, immer wieder zischt es. Eine Installation von Christian Hartard: Ein Stahlseil schlägt immer wieder gegen eine Stahlplatte, Elektrizität entlädt sich, daneben gurgelt eine Jodlösung.

Alles ist möglich in diesen Räumen

Im Raum dahinter läuft eine Videoinstallation von Funda Gül Özcan: ein gefesselter Mann liegt auf einer Pritsche, ein anderer wird in Endlosschleife verhört. Im Eingangsbereich hat Helin Alas ein Loch in eine Gipskartonplatte modelliert. Alles ist möglich in diesen Räumen.

Mehmet Dayi lässt seinen Künstlern völlig freie Hand. Sie müssen nichts erklären, nichts beschreiben. Höchstens ein paar Tipps und Anregungen gibt er, der zwar Kurator ist, sich aber nicht so nennen mag. Leicht war sein Weg nicht: Er ist Autodidakt, hat sich alles selber beigebracht. Aber so kann er sich einen offenen und vorurteilsfreien Blick bewahren, sagt er. Und dass er keine großen Karriereziele hat, und sich gerade deswegen in seinem Bestreben, die Kunst zu fördern, auch die ein oder andere künstlerische Narrenfreiheit erlauben kann.

Wie im vergangenen Sommer, als er fünf mobile Toiletten in der Münchner Innenstadt aufstellte, die fünf Künstler nach Belieben gestalten durften. Ein Künstler zerschnitt sein Objekt und verschickte es als Postkarten. Ein Klo wurde zum Edeletablissement. Und Dayi war sich auch nicht zu schade, ein weiteres auf einem Handwagen durch die Innenstadt zu ziehen, während der Künstler Klaus von Gaffron darin saß und über den Verdauungsprozess philosophierte.

„Kunst braucht Freiräume“, sagt Dayi, und das auch und gerade mitten in der Stadt. Er selbst sei dabei nur der der Dirigent, der ohne seine Musiker nichts sei. Und die Kunstarkaden sind sein Konzertsaal.

Die Münchner Kunstarkaden in der Sparkassenstraße 3 sind während der Ausstellungen Dienstag bis Samstag von 13 bis 19 Uhr geöffnet, an Feiertagen geschlossen. Der Eintritt ist frei.

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