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Sie bauten Duellwaffen für Casanova

Die Kuchenreuter waren über Jahrhunderte führende Waffenhersteller in Europa. In Cham wird die Tradition von Martin Kuchenreuter fortgeführt.
Von Fritz Winter, MZ

  • Historische Kuchenreuter-Gewehre sind eine Augenweide.
  • Ein Satz Scheibenpistolen, die auch für Duelle verwendet wurden
  • Der Reiter ist das Markenzeichen der Büchsenmacher Kuchenreuter.

Cham. Diese Geschichte von der Präzision aufwändig hergestellter Pistolen erzählt Martin Kuchenreuter besonders gerne: 1766 war der berühmte Liebesabenteurer Giovanni Casanova in Polen mit dem ehrgeizigen Grafen General Franciszek Ksawery Branicki wegen einer von beiden umworbenen Sängerin in Streit geraten. Es kam zum Duell, worauf General Branicki Casanova ausdrücklich darauf hinwies, dass die berühmten Kuchenreuter-Pistolen aus Regensburger Manufaktur benutzt werden sollen. „Ich werde sie am Kopfe meines Widersachers ausprobieren“, antwortete Casanova hochmütig. Die Schüsse fielen – und tatsächlich wurden beide Streithähne verletzt, Branicki sogar schwer. Casanova musste Polen verlassen.

Martin Kuchenreuter ist genauso stolz wie amüsiert über die Begebenheit vor 250 Jahren. Er ist der 26. Büchsenmachermeister in der über 300-jährigen Geschichte der Kuchenreuter und der einzige, der mit seinem Bruder und seinem Sohn die Tradition weiterführt. In Cham betreibt er eine Büchsenmacherei, ein Waffengeschäft und ein Fachgeschäft für Jagdzubehör. Dort in der Altstadt ist auch ein kleines Kuchenreuter-Museum entstanden, wo die Familie Kuchenreuter alles zusammengetragen hat, was die Geschichte übrig ließ.

Sammlungen an den Höfen Europas

Darunter sind 20 historische Gewehre, 22 Pistolen und 15 Kuchenreuter-Waffen aus heutiger Fertigung sowie Maschinen und Werkzeuge, Bilder, Bestellbücher und historische Dokumente. Die meisten der legendären Kuchenreuter-Waffen finden sich aber in den Sammlungen an den Höfen der europäischen Herrscherhäuser sowie in staatlichen und privaten Museen. Denn zu den Kunden der Kuchenreuters zählten im Laufe der Geschichte die bayerischen Könige, die Fürsten von Thurn und Taxis, Friedrich der Große, Fürst Metternich, Kaiser Napoleon I., die Zaren von Russland sowie die Kaiser von Österreich.

Die Ursprünge der Büchsenmacherfamilie Kuchenreuter hat der Regensburger Historiker Dirk Götschmann erforscht. Danach ist davon auszugehen, dass Johann Christoph Kuchenreuter 1695 die Witwe des Büchsenmachers Thomas Wilfing aus Regensburg-Steinweg geheiratet hat, deren Mann kurz zuvor verstorben war. Der Familienname wird auf den Ort Kuchenreuth bei Kemnath/Oberpfalz zurückgeführt. Dieser liegt in der Gemeinde Fortschau, dem Standort einer kurfürstlichen Gewehrmanufaktur, die 1801 nach Amberg verlegt wurde.

Münchhausens „Fernschütze“

Johann Christoph wurde so zum Stammvater einer Büchsenmacherdynastie, die sich mit den führenden Waffenherstellern in England oder Frankreich durchaus messen konnte, wenn ihre präzisen Gewehre und Pistolen nicht sogar der Konkurrenz an Schussleistung überlegen waren. Die Steinweger Linie splittete sich später in die Stadtamhofer, Regensburger und Chamer Linie auf. Während die Steinweger, Stadtamhofer und Regensburger Kuchenreuter bereits ausgestorben bzw. im Aussterben begriffen sind, führt Martin Kuchenreuter die Familientradition in Cham fort. Sein Sohn Andreas wird heuer die Meisterprüfung im Büchsenmacherhandwerk ablegen. Die Zukunft ist gesichert. In der Literatur finden sich viele Fundstellen, die den Ruhm der Kuchenreuterschen Waffen belegen. Martin Kuchenreuter kennt sie alle. So zum Beispiel die Geschichte aus den bekannten Abenteuern des „Lügenbarons“ Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen, der bei einer Reise in die Türkei einen Fernschützen traf. Dieser prahlte damit, dass er mit seinem Gewehr mit nur einem Schuss einen Spatz vom Turm des Straßburger Münsters heruntergeholt habe. Dieses Gewehr sei natürlich von Kuchenreuter in Regensburg hergestellt worden. Auch Napoleon besaß vier Kuchenreuter. Zwei davon wurden vom Erbprinz von Thurn und Taxis bestellt, wurden aber so teuer, dass er sie nicht bezahlen konnte. Sein Vater musste einspringen, verkaufte sie aber gleich an den französischen Feldherrn weiter. Zwei weitere Pistolen wurden Napoleon vom Magistrat der Stadt Regensburg im Jahr 1809 nach Wien nachgeschickt, gleichsam als Dank dafür, dass er die Stadt belagert und in Brand geschossen hatte. „Für uns war das kein Geschäft“, sagt Martin Kuchenreuter. Denn bei dem Beschuss fiel auch die Werkstätte in Stadtamhof in Schutt und Asche.

Export bis nach Nepal

Im Kuchenreuter-Museum finden sich auch Waffen aus aktueller Produktion. Viele Jäger sparen ein ganzes Leben darauf, um sich eine Kuchenreuter leisten zu können. Martin Kuchenreuter kann sich aber auch an einen jungen Nepalesen erinnern, der in Deutschland studierte und sich eine Waffe bestellt hatte. Die Firma sollte eine Rechnung über 180 Mark ausstellen, weil teurere Wertsachen nicht nach Nepal eingeführt werden durften. Auf die Frage, ob es sich nicht bis in den Himalaya herumgesprochen habe, dass diese Waffe so billig nicht zu haben sei, erwiderte der Nepalese nur: „Die Papiere müssen stimmen. Der Rest findet sich. Mein Onkel ist der Chef der Landes-Zollverwaltung.“

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