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Spitzen-Grüße aus Tiefenbach

Das Klöppelmuseum nahe der Böhmischen Grenze lässt eine alte Tradition wieder aufleben. Noch gibt es Menschen, die die Handarbeit beherrschen.
Von Aniko Ligeti, MZ

  • Paarweise werden die Klöppel über den Stecknadeln gekreuzt und gedreht. Die Stecknadeln zeichnen das Muster nach, das früher sogar von Künstlern entworfen wurde. Fotos: Ligeti
  • Maria Graf und Sieglinde Prögler beherrschen das Klöppeln noch. Foto: Ligeti
  • Bürgermeister Johann Müller und Kulturreferentin Kleindorfer-Marx Foto: Ligeti
  • Das Muster wird am Klöppelsack mit Stecknadeln festgesteckt. Foto: Ligeti

Tiefenbach.Ein leises Klappern ist zu hören, als sich die großen Glastüren zum Museum öffnen. Der Raum ist riesig, lichtdurchflutet, sehr hoch und mit vielen großen Fenstern versehen. „Die brauchte man damals auch, denn hier war einst die Klöppelschule untergebracht“, erklärt Kulturreferentin Dr. Bärbel Kleindorfer-Marx. „Die Schüler benötigten viel Licht, um bei der feinen Handarbeit gut sehen zu können.“ Just an dem Tag sind auch zwei ehemalige Schülerinnen zugange. Maria Graf und Sieglinde Prögler teilten zwar nie die Schulbank miteinander, wohl aber die Leidenschaft fürs Klöppeln, die bis heute geblieben ist. „Auf dem Klöppelbock liegt der Klöppelbrief, damit wird das Muster vorgegeben“, erklärt Prögler. Sie fertigt gerade eine Spitze für eine Altardecke an. Etwa dreieinhalb Stunden sitzt sie an sechs Zentimeter Muster, das ein Kreuz in einem Kreis zeigt. Geduld steht da an erster Stelle. Die beiden Damen vom „Klöppelkreis“ sind routiniert genug, um nebenher ein Schwätzchen zu halten. „Wissen Sie, früher sind wir am Vormittag zur Volksschule und danach hierher gekommen, um gemeinsam die Handarbeiten zu fertigen“, sagt die rüstige Seniorin. Und sie beschreibt, wie lebhaft die Gemeinschaft war: die Lehrerin las nebenher aus Büchern vor und manchmal sang man auch Lieder.

Spitzenklöppeln als Hausindustrie

„Es war wie eine organisierte Ganztagesschule“, beschreibt auch erster Bürgermeister Johann Müller die Tradition in seiner Heimat. Junge Mädchen und Buben erlernten neben der Schule eine jahrhundertealte Handwerkskunst, die eigentlich aus der Not heraus geboren wurde. Was wohl die wenigsten wissen. Denn überall, wo Not war, suchte der Mensch nach adäquaten anderen Lösungen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. „Hier gab es keine andere Erwerbsmöglichkeit, sodass viele weggegangen sind. Zurück blieben die ganz jungen oder die alten. Das Spitzenklöppeln etablierte sich zu einer Hausindustrie. Zu einer Heimarbeit, die zum Leben beitrug“, so Kleindorfer-Marx.

Diese Industrie wurde vom Bayerischen Staat gefördert, auch um die eigene Wirtschaft wieder anzukurbeln. „Der Staat hat überlegt: was ist Tradition, was kann man vertiefen und hat dementsprechend Schulen eingeführt. Beispielsweise die Korbflechtschule in Lichtenfels, die Stickereischule in Enchenreuth oder eben hier die Klöppelschule in Tiefenbach“, erläutert die Kulturreferentin. „1907 wurde dann hier im Ort die Königliche Klöppelschule gegründet. Das Gebäude selbst wurde um 1890 errichtet und dient heute als Rathaus“, weiß Gemeindeoberhaupt Müller.

Mit Bedacht wurde das Museum später in das Rathaus integriert, um auf die Tradition und Heimatverbundenheit hinzuweisen. „Ein Stück Kulturgut, das für jeden frei zugängig sein muss“, sagt Müller. Daher werde während der Öffnungszeiten des Rathauses kein Eintritt ins Museum verlangt. Die Tradition des Klöppelns wird auch im Schulunterricht aufgegriffen. Zudem gäbe es auch Kurse und einen festen Arbeitskreis. Dass das Klöppeln mehr als nur ein Hobby, eher eine Lebenseinstellung ist, können auch Graf und Prögler bestätigen. Ehrenamtlich zeigen sie ihr Können an den Schausonntagen im Museum.

So wie auch heute: Das Muster, in Form des sogenannten Klöppelbriefes, ist am Klöppelsack mit unzähligen Stecknadeln festgesteckt, die zur Hälfte herausragen. Und dann huschen die Klöppel immer paarweise über die Nadeln hinweg: Kreuzen und Drehen, Geduld inklusive. Durch diese Technik entsteht eine duftig leichte Spitze, die weltberühmt ist.

Erfolg bei der Weltausstellung

„1929 wurde die Spitzenware auf der Weltausstellung in Barcelona sogar mit Gold prämiert“, erklärt Bürgermeister Müller und verweist auf die Goldmünze, die im Schaukasten ausgestellt ist. Aber auch so manch anderen Schatz hat das Museum zu bieten, wenn auch nicht gleich auf den ersten Blick sichtbar. Hinter lichtgeschützten Schubladen und Schüben, kann man Entwürfe und Originale sehen. Zieht man an dem Griff der Schübe kommen wunderbare Unikate zum Vorschein: Krägen aus Spitze, mit Spitze besetzte Decken und auch den Werdegang von der Idee bis hin zum fertigen Muster kann man nachverfolgen.

„Es gab extra Künstlerinnen, die die Muster entworfen haben. Nur manchmal haperte es an der Umsetzung, wenn die Künstlerin nicht selbst eine Klöpplerin war“, gibt Kleindorfer-Marx mit einem Lächeln zu verstehen. Dabei demonstriert sie die Idee, die auf Papier gebracht wurde und zeigt danach die einzelnen Entwürfe und Schritte, bis ein geeignetes Muster für die Klöpplerin entstand. „Von modern bis traditionell ist alles möglich, nur ist echte Handarbeit leider unbezahlbar“, sagen die Klöpplerinnen.

Im Zuge der Industrialisierung und moderner Maschinen fanden die Klöppelarbeiten keinen Absatz mehr. Die Klöppelschule wurde 1977 geschlossen. Geblieben sind ein wenig Nostalgie in den ehemaligen Schulräumen und ein fundierter Wissensschatz über diese alte Handwerkskunst.

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