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Sterbebildchen machen Freu(n)de

Die Sammlerin Marianne Hildebrand hat in ihrem Schlafzimmer das kleinste Museum Bayerns eröffnet. Hier präsentiert sie über 40 000 Totenzettel.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Karin Seehofer trägt sich in Gästebuch ein. Foto: Hildebrand
  • Blick auf eine Reihe Regensburger Sterbebildchen Foto: altrofoto.de
  • Marianne Hildebrand in ihrem Ein-Raum-Museum im Regensburger Ortsteil Grass. Unterm Baldachin befindet sich das Herzstück der Sammlung, die verblichenen Habsburger: Eine Kapuzinergruft im Goldrahmen. Foto: altrofoto.de
  • Kerzen und Rosenkränze schmücken die Gebetsnische. Foto: Hildebrand

regensburg.Die Hauswirtschaftsmeisterin a. D. Marianne Hildebrand (67) lebt mit 40 000 Seelen einträchtig im Regensburger Ortsteil Grass in einem Reihenhaus. Dass es gelb ist, ist eine Aussage: Schönbrunner Kaisergelb. Vom letzten Habsburger Kaiser Karl, dem Seligen, über den letzten Wittelsbacher-Prinzen Ludwig Karl Maria von Bayern bis hinunter zum Herzensadel der bayerischen Volksmusik ist die Quintessenz von Millionen Deutscher und Österreicher unter ihrem Dach versammelt, sprich in ihrem Schlafzimmer. Das hat die alleinstehende Dame extra für sie freigemacht.

Roider Jackls letztes Schnaderhüpfl

Hier singt der Roider Jackl sein allerletztes Schnaderhüpfl: „So jetzt dank i Euch schö, pfüat Euch Gott, i muaß geh.“ Gerahmt an Wänden oder hinter Klarsichthüllen in Ordnern hören zu: Josef Neckermann und Konrad Adenauer, sämtliche Wiesenwirte und Volksschauspieler oder lustige Seelen wie die Damen und Herren Rindfleisch, Zucker, Salat und Hunger. Konrad Schreiegger aus Starnberg ist überraschend auch schon hier, der Promi-Pfarrer, der „Joopie“ eingegraben hat. Ein Viertel Jahr nach Johannes Heesters schlug ihm in diesem Frühjahr selbst das letzte Stündlein. Ein Landwirt, Anton Hetznecker, hat es in ihr Kabinett geschafft, weil er offiziell gleich zweimal gelebt hat. Hetznecker galt 1944 als gefallen, kehrte glücklich heim und lebte bis 1975 in der Umgebung von Deggendorf. Sie alle haben den Weg zu ihr über den schwarzen Briefkasten gefunden, der mit der Bourbonen-Lilie geschmückt ist. Für Fußball-Nationalspieler Helmut Haller fiel am Mittwoch der Briefkastendeckel. Hier trifft er auf Harry Valerien vom ZDF-Sportstudio und die Mutter von Franz Beckenbauer.

„Alle, die bei mir sind, sind tot.“ Der Tod hat bei ihr seinen Schrecken verloren, obgleich die Worte bedeutungsschwer über ihre Lippen kommt. Marianne Hildebrand ist Bayerns wohl engagierteste Sterbebildsammlerin. Vier Stunden ihrer Zeit widmet sie täglich ihrem geliebten Schattenreich. Sogar nachts um 3 Uhr steht sie auf und sortiert, bis die Müdigkeit wiederkommt. Die Bildchen müssen archiviert werden. Hildebrand verweist auf zehn Ausstellungen und ungezählte Presseberichte in 34 bayerischen und österreichischen Zeitungen.

Die Landesmutter im Gästebuch

Zu Beginn des Jahres kam der Höhepunkt ihrer 22-jährigen Sammlerkarriere. Sie hat das „kleinste Museum Bayerns“ eröffnet. Umgeben von stimmiger bayerisch-barocker Deko finden hier besondere Gäste in Ruhe und Beschaulichkeit die letzte Visitenkarte ihres persönlichen Stars. Seit sie eröffnete, haben ihr noch wenig Prominente einen Korb gegeben.

Sie nehmen auf Barockstühlen Platz, die sie mit Bourbonenlilien überzogen hat. Beim Blättern in den unterschiedlichsten Dokumenten des Abschieds – mit Hut, mit Bart, mit Waffe, mit Instrument, in Festspielkleidung, spüren sie die Kapuzinergruft im Rücken. Ein Baldachin aus Bourbonen-Lilien schmückt den schwarzgoldenen Habsburger Rahmen. Das Herz der Habsburger Thronfolger, das traditionell in Budapest bestattet ist, krönt die Installation. Die Besucher werden fotografiert und gebeten, sich ins Gästebuch einzutragen. Dazu stößt die Museumsbesitzerin mit alkoholfreiem Rotkäppchen-Sekt an. „Mancher Museumschef würde sich über diese Gäste freuen“, sagt Marianne Hildebrand. Der Papstbruder und seine Hausdame, Agnes Heindl, haben sich von der Treppe in den ersten Stock nicht abschrecken lassen. Domkapellmeister Georg Ratzinger genoss es, in einem Raum mit Stellvertretern Gottes zu sitzen. Von Leo XIII. bis Johannes Paul II. – Ratzinger hat die ganze Reihe der Päpste seit 1903 auswendig aufgesagt. Domvikar Georg Schwager, der die Heiligsprechung von Anna Schäfer vorbereitet hat, stand von seinem Platz auf und betete laut für „alle in diesem Raum. Wir sind es ihnen schuldig“. Der Dienst-BMW der Landesmutter, Karin Seehofer, parkte am 27. September vor der Reihenhaus-Garage in Grass. Die Landesmutter kam strahlend durchs Gartentürl herein und blieb eine halbe Stunde.

„Von wegen trauriges Hobby. Es ist so eine Freude, Sterbebilder zu sammeln.“ Die prominenten Toten sind sehr einladend. Hildebrand muss nicht reisen, geladene Herrschaften und nette Menschen kommen zu ihr. Das Museum macht sie innerlich reich. Eine Erzherzogin von Habsburg, eine Europaministerin Emilia Müller, ein Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger kamen hier zur Ruhe und ließen sich zeigen, dass Sterbebildchen ein Spiegelbild der Persönlichkeit sind. „Jeder muss das Ufer, an dem er lebt, verlassen, aber der Weg über das Wasser ist eine Heimkehr.“ Der Regensburger Dombaumeister Helmut Stuhlfelder hat ihr zum Dank für Impulse wie diesen eine Kreuzblume ins Gästebuch gezeichnet.

Hildebrand sammelt ja keine Bierdeckel, sondern pflegt das Andenken armer Seelen. Gleich gegenüber in der Nische ist ihre kleine Hauskapelle mit Betstuhl. Frieden und Weihrauch wehen durch den Raum. Es ist jedem freigestellt, wie viel ihm ein Besuch wert ist. Das Eintrittsgeld muss aber mindestens einen Euro betragen. Der Besucher hat es eigenhändig in eine Plastikspendenbox des VKKK zu stecken. „Denn ich rühre kein Geld an.“

Marianne Hildebrand nennt die Grundidee ihres Museums. „Denen, die uns vorausgegangen sind, widme ich die Zeit“, sagt sie. Und das Geld, das sie einnimmt, kommt den Lebenden zugute. Durch ihre Ausstellungen hat die Sterbebildsammlerin Tausende von Euros für den VKKK gesammelt.

Dem Verein für krebskranke Kinder spendet sie auch das Honorar für ihre erste Vierer-Serie neuer Regensburg-Sterbebilder. Die Motive dafür hat sie an einem Sonntagmorgen selbst fotografiert und drucken lassen. Marianne Hildebrand meint: „Eine Weltkulturerbestadt braucht auch angemessene Sterbebilder, speziell mit Motiven der Stadt Regensburg.“

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