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Kindermuseum

Von Seifenblasen und Luftschlössern

Im Münchner Kinder- und Jugendmuseum steht die Lust am Entdecken im Mittelpunkt, zum Beispiel in der Schaumfabrik.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • „Du darfst alles anfassen und ausprobieren“, heißt es am Eingang des Museums: Und was passiert, wenn man in eine eckige Seifenblase hineinpustet? Foto: Meyer-Tien
  • Nur pusten, nicht saugen – so lautet das Motto in der Schaumfabrik. Foto: Meyer-Tien
  • Riesenblasen blasen: die fünfjährige Anna in der Seifenblasenausstellung. Foto: Meyer-Tien

München.Die fünfjährige Anna verzieht angewidert das Gesicht. „Ganz wichtig“, sagt Melina, die mit einer dünnen Plastikschürze neben dem großen Becken steht, um das sich etwa 20 Kinder drängen und mit Strohalmen Luft ins Seifenwasser pusten, „Ganz wichtig ist: Nur Pusten, nicht saugen. Sonst schmeckt es eklig“.

Es ist Seifenblasenzeit im Münchner Kinder- und Jugendmuseum. Zum vierten Mal schon, die Ausstellung ist der absolute Publikumsliebling und darf deshalb im Jubiläumsjahr auf keinen Fall fehlen, erzählt Peter Suttner, der Leiter des Museums, ein schlanker, großer Mann mit hohem Haaransatz und großen Augenbrauen, die ihn aussehen lassen, als würde er die Welt immer etwas fragend betrachten. Gelernter Techniker ist er, und mit Seifenblasen oder gar Pädagogik hatte er nicht viel am Hut, „bis ich es live gelernt habe“, sagt er: „Die Praxis hat mich erwischt“.

Lust aufs Experimentieren

Und damit beschreibt Suttner ganz nebenbei schon das Konzept seines Museums: Die Praxis, das Selbermachen und das Erleben soll die kleinen Besucher mitnehmen, begeistern und vor allem interessieren. „Es gibt so viele Ausstellungen, die in kurzer Zeit wahnsinnig viel vermitteln“, sagt Suttner. Das genau sei aber nicht das Ziel des Kindermuseums. Hier geht es weniger um das Lernen und Wissen, hier geht es um die Lust am Entdecken und Experimentieren. Und dabei gibt es zwischen Luft und Märchen, Salz und Dschungel, Papier und Fußball kaum ein Thema, mit dem sich Suttner und sein Team in den vergangenen 20 Jahren nicht auseinandergesetzt haben, immer mit dem selben Ziel: Kinder zu begeistern.

Anna hat inzwischen einen ganzen Seifenblasenberg gepustet, das Mädchen neben ihr lässt sich den Schaum genüsslich über die Finger rinnen. Hier, im Keller des Museums, das im ehemaligen Restaurant und Wartebereich des Münchner Hauptbahnhofs untergebracht ist, ist Platz für Workshops, heute: die Schaumfabrik. Immer wieder trifft man hier auch Peter Suttner. Er hockt sich hin, geht auf Augenhöhe mit den Kindern, schaut konzentriert. „Wenn wir eine Ausstellung inszenieren, haben wir eine Vorstellung, wie ein Bereich funktionieren soll“, sagt Suttner. Er lächelt und fügt hinzu: „Diese Vorstellung geht in den seltensten Fällen auf“. Dann müsse das Museumsteam schauen: „Wie gehen die Kinder mit den Materialien um, wie kommen wir ungefähr in die Richtung, in die wir wollen?“ Die Kinder sollen alleine entdecken, aber nie alleingelassen werden.

Als die Schaumfabrik nach etwa einer halben Stunde eine ansehnliche Menge bunter Blubberblasen produziert hat, läuft Anna wieder nach oben, in den hohen, weiten Raum, in dem viele verschiedene Tiegel mit Seifenlauge stehen, groß und klein. Im Untergeschoss wäre auch noch ein weiterer Raum, in dem mit Schaukästen und Bildtafeln noch die Herstellung von Seife gezeigt wird, an einem Minimodell des Zeltdaches im Olympiapark können die Kinder sehen, was die Architektur von der Seifenblase gelernt hat. Vielleicht eher etwas für die Älteren, schließlich will das Museum für Kinder vom Vorschul- bis zum Ende des Grundschulalters interessant sein. Anna jedenfalls will jetzt selber Blasen machen, riesengroße und ganz kleine. Amelie – wie Melina aus der Schaumfabrik eine der etwa 30 museumspädagogischen Helfer, die den Kindern bei ihrer Entdeckungsreise zur Seite stehen – zeigt ihr, wie sie sogar dreieckige und viereckige Blasen machen kann. Konzentriert macht sich Anna an die Arbeit.

Peter Suttner, selber Vater von zwei Kindern im besten Museumsalter, hat das Projekt Kindermuseum von Anfang an begleitet. Die Idee hatten sich die Macher des Münchner Spielbusses aus den USA abgeschaut. Der Spielbus war seit den 1970er Jahren durch München getourt, eine Initiative von Künstlern, Erziehern, Pädagogen, Eltern und Studenten, die neue Wege des Spielens und Erlebens in der Stadt entwickeln wollten und sich in der „Pädagogischen Aktion“ zusammengefunden hatten. Auch das Museum war zunächst mobil. Damals, 1990, plante die Stadt für das Projekt gerade mal eine halbe Stelle und einen Zivi ein.

Eine permanente Übergangslösung

Dieser Zivi war Suttner. Und dann wuchs das Museumsprojekt, und Suttner mit ihm. Er kann sich keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen, sagt er. Seit 1995 wohnt das Museum nun im Bahnhofsrestaurant, und was eigentlich als Überganglösung gedacht war, ist längst eine Institution geworden. Mehr als 50 000 Besucher haben im vergangenen Jahr allein die Ausstellung zum Thema Luft besucht, nicht nur aus München – schließlich ist das Museum mit seiner idealen Verkehrsanbindung bestens erreichbar.

Doch wenn die Sprache auf den Standort des Museums kommt, wirkt Suttner plötzlich müde. Vor etwa drei Jahren hat er die Verantwortung für Technik und die Ausstellungskonzeption abgegeben, zu groß ist das Museum geworden. Es braucht jemanden, der sich nur um die Finanzierung, die Sponsoren und die Organisation hinter den Kulissen kümmert. Das macht Suttner nun, und so ist er es, über dem das Damoklesschwert am unmittelbarsten schwebt: Die Deutsche Bahn will und muss das denkmalgeschützte Gebäude, in dem das Museum untergebracht ist, bald sanieren. Seit Jahren ist der Mietvertrag immer nur befristet, ein Ausweichquartier ist nicht in Sicht. Dabei hat das Museum, dessen Finanzierung zur Hälfte vom Münchner Kulturreferat übernommen wird, eigentlich nur Freunde in München, aber es gibt keinen gut erreichbaren, finanzierbaren Standort, der in Frage käme. So bleibt Suttner nur eines: Erst einmal weitermachen. Abwarten. Und auf kreative Einfälle hoffen.

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