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Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Die Rengnathsche Wassermühle in Dietfurt ist die letzte laufende Mühle im Altmühltal – und ein faszinierendes Museum. Es birgt manche Überraschung.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Müllermeister Rudi Rengnath und die Antriebsräder seiner Wassermühle. Das Betreten des Raumes ist Unbefugten streng verboten: Lebensgefahr, sollte auch nur ein Ärmel ins Getriebe kommen. Fotos: Gabi Schönberger
  • Hier fließt die Weiße Laaber durch den Keller. Die Kraft ist gewaltig.
  • Mit dem Aufzug für Korn- und Mehlsäcke darf nur der Müller fahren.
  • Kulturgeschichte: Mit solchen Wagen wurden die Säcke transportiert.

Dietfurt a. d. Altmühl. In der alten Zeit, lange bevor die Industrie alles Leben prägte, gab es in Deutschland Hunderttausende von Mühlen. Wo Menschen siedelten, da standen auch Mühlen. Getreidemühlen, Ölmühlen, Gewürzmühlen, Papiermühlen, Pulvermühlen, Sägemühlen. Im Norden gab es mehr Windmühlen, im hügeligen Bayern mehr Wassermühlen.

An vielen Flüssen reihte sich Mühle an Mühle – am niederbayerischen Sulzbach, der in die Rott fließt, standen vor Jahrzehnten 15 Getreidemühlen hintereinander; 1946 gab es in Bayern noch 4660 Mühlenbetriebe.

Wind- und Wassermühlen waren Jahrtausende lang die einzigen Maschinen der Menschheit, die nicht von Muskelkraft angetrieben wurden. Und die Kraft, die Wind und Wasser liefern, ist enorm. Von all den historischen Mühlen haben bestenfalls ein Prozent überlebt, zum Mahlen werden sie nicht mehr genutzt – das besorgen moderne Fabrikmühlen.

Eine der letzten laufenden Mühlen weit und breit ist die Rengnathsche Kunstmühle im anmutigen Siebentäler-Städtchen Dietfurt an der Altmühl. Die Mühle wurde 1467 urkundlich erwähnt und ist also mindestens 546 Jahre alt. Sie wird nur durch Wasserkraft der Weißen Laaber über vier Etagen mit 53 Lederriemen angetrieben. Rudi Rengnath (57), Müller in der 5. Generation, betreibt heute das Altmühltaler Mühlenmuseum, das nahezu vollständig den technischen Stand vor dem Zweiten Weltkrieg bewahrt hat: „Hier drin ist nichts vom Flohmarkt“, sagt er, „das ist alles original.“

Tatsächlich nimmt einen hier der Charme der Vergangenheit sogleich gefangen: die alten Fichtenholzbalken, die gesammelten Werkzeuge, die schweren 110 Volt-Gleichstrom-Generatoren, die von 1897 bis 1950 elektrischen Strom für Dietfurt erzeugten und das wuchtig-elegante Schleifgeräusch der ledernen Riemen, wenn die Mühle in Betrieb gesetzt wird.

Rumpeln, Schnarren, Poltern

Natürlich steckt Rudi Rengnath voller Geschichten, die nur so hervorsprudeln, sobald man ihn etwas fragt. Etwa nach der Mühlglocke, die ein Bauer, der mit Fuhrwerk und Kornsäcken vor der Mühle wartete, ziehen musste, weil der Müller ihn bei all dem Brummen, Ächzen, Knirschen und Gekurbel sonst gar nicht hören konnte. Mittlerweile muss auch Sohn Martin (29) bei den Mühlenführungen mitmachen, die in der warmen Jahreszeit oft genug ausgebucht sind.

Mühlenromantik steckt offenbar noch tief in uns allen, Mühlen sind ein geschätztes Motiv in den Märchen und der Literatur – Rumpelstilzchen, Hans im Glück, der Goldesel aus „Tischlein deck’ dich“, der Gestiefelte Kater und Eichendorffs „Taugenichts“ sind die bekanntesten. Der Müller und seine Frau standen nicht selten im Verdacht, mit dem Teufel verbündet zu sein. Oft verstießen sie ihre Kinder und schickten sie in die weite Welt hinaus, wo sie dann ihr Glück machten.

Müllerfamilien, die man misstrauisch und argwöhnisch behandelte, hatten die klassische Außenseiterrolle: Sie wohnten außerhalb des Dorfes, und schon von weitem hörte man das gespenstische Rütteln, Knarren, Stöhnen und Poltern der Mühle. Gewaltige Kräfte waren hier am Werk, das ganze Bauwerk rumpelte und zitterte in Wucht und Unwucht – vielleicht waren hier doch Geister am Werk?

Obwohl der Müller für das tägliche Brot sorgte, galt sein Beruf als unehrlich, „Müllerrüchigkeit“ hieß das. Dabei war der Beruf kräfteraubend und kompliziert. Damit die Mühle am rauschenden Bach immer schön klappern konnte, musste der Müller die technischen Abläufe verstehen und notfalls sofort in die Mechanik eingreifen.

Elvis Presley am Brückengeländer

Dazu kamen strenge und komplizierte Zunftregeln aus dem mittelalterlichen Mühlenrecht mit Mühlenbann und Mühlenzwang. Daraus hat sich nur das Sprichwort „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ bis heute erhalten.

Doch das Altmühltaler Mühlenmuseum birgt noch manche Überraschung. Unten sieht man das Prachtexemplar eines ausgestopften, 1,10 Meter langen Bibers und andere Tiere aus der Gegend, z.B. einen Hermelin. Oben gibt es eine Fotoausstellung, die den Panzerspäher Elvis Presley im Februar 1960 beim Manöver „Winter Shield“ zeigt. Einmal lehnte der spätere Sergeant Presley am Geländer, denn da hatte er „Brückenwache“.

Sollten sich Kinder langweilen, weil ihre Eltern im historischen Mühlenwesen versunken sind, gibt es oben einen großen Spieltisch. Auf dem liegt u.a. der Neckermann-Katalog 1959/60, der sich mit seinen klobigen Schwarz-weiß-Fernsehern und der ulkigen Damen- und Herren-Garderobe großer Beliebtheit erfreut. Aus der Dachluke hat man einen Panorama-Blick, u.a. über den historischen Gasthof Stirzer, der 2010 die Goldmedaille im Wettbewerb Bayerische Küche gewann. Obwohl im Mühlenmuseum „Alles zum Anfassen“ ist, wird vor dem hölzernen Trog mit der Aufschrift: „Vorsicht Kinder! Hier fanden Max und Moritz ihr Ende“ gewarnt. Im Gästebuch steht: „Toll, dass Kulturgut für die Nachwelt erhalten wird. Acht Schwarzwälder haben gestaunt und Vieles aus der Kindheit wiederentdeckt.“

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