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Museen

Wo die alte Knolle ihre Stärke zeigt

Obwohl sie voller Vitalstoffe steckt ist, fristet die Kartoffel ein tristes Dasein. Eine Münchnerin brachte sie ins Museum.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Sie ist eine verkannte Schönheit. Die Kartoffel fristet oft ein tristes Dasein. Dabei gehört die tolle Knolle ins Museum. Foto: dpa
  • Barbara Kosler hat die Kartoffel ins Museum gebracht. Foto: Meyer-Tien

MÜNCHEN.Sie sind ein sehr ungleiches Paar, die Kartoffel und Barbara Kosler. Kosler ist eine sehr schlanke, hochgewachsene Frau, die mit ihrer schieren Präsenz einen Raum füllen kann. Wenn sie anfängt zu reden, hört man ihr zu. Und sie redet viel – und sehr gerne über die Kartoffel. Die wiederum gibt sich ja eher unscheinbar: „Und das ist fatal. So ein Powerteil, und macht nichts draus.“

So spricht Barbara Kosler über die Knolle, die sie seit mittlerweile mehr als 40 Jahren begleitet. Und die sie vollends in ihren Bann gezogen hat. „Das ist so spannend“, hebt Kosler an, und ihre Stimme ist jetzt die der Frau, die regelmäßig Führungen auch für kleine Kinder durch das Kartoffelmuseum anbietet.

„Kratze ich hier ein wenig an der Schale, dann schaut da ein kleiner Inka raus und winkt mir zu: ,Hallo‘. Kratze ich an einer anderen Stelle, sehe ich plötzlich Millionen verfaulte Kartoffeln auf irischen Feldern, die große Hungersnot im 19. Jahrhundert, bei der mehr als zwei Millionen Menschen gestorben sind.“ Kosler kommt jetzt richtig in Schwung, landet bei Günter Grass und schließt ihr Bekenntnis zur kleinen Knolle vorläufig mit den Worten: „Die Kartoffel ist einfach überall. Da fällst Du von einer Ohnmacht in die andere.“

Gemälde und Statuen gesammelt

Barbara Kosler, 65 Jahre alt, ist Journalistin. In den 1970er Jahren begann sie, für den Münchner Kartoffelriesen Pfanni Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Und stieß dabei auf einen Schatz. Firmengründer Werner Eckart und sein Sohn Otto hatten nämlich bereits seit Jahren alles gesammelt, was sie zum Thema Kartoffel finden konnten. Ölgemälde, Postkarten, Zeichnungen, Statuen, Bücher, Kupferstiche, einfach alles.

Platz, um ihre Schätze zu präsentieren, hatten sie allerdings nicht. Die Lieblingsstücke schmückten Büros und Konferenzräume, der Rest blieb im Keller, im Verborgenen. Max Liebermanns Kartoffelpflücker aus dem Jahr 1874 zählte zu der Sammlung, „die Kartoffelleser“ von Ernest Witkamp, viele berühmte Namen.

Barbara Kosler nimmt einen Schluck Wasser aus ihrem Becher, der natürlich aus Kartoffelstärke hergestellt ist: „20 Jahre lang habe ich für dieses Museum gekämpft“, sagt sie, und die Freude darüber, dass sie tatsächlich erreicht hat, was sie wollte, lässt ihr Gesicht leuchten.

Die ersten zehn Jahre schien ihr Kampf aussichtslos, es gab einfach keinen Platz. 1986 sah sie zum ersten Mal ihre Chance gekommen: Pfanni baute im Münchner Osten ein neues Verwaltungsgebäude. Viele Besucher würden täglich kommen, auch ausländische Delegierte, „da wäre es doch schön, wenn wir eine Kunstausstellung machen könnten? In einem Pavillon vor dem Gebäude?“, wandte sie sich an Firmenchef Otto Eckart, der schon gerne gewollt hätte, aber abwinken musste. Kein Platz, kein Geld. Die Zeit war noch nicht reif.

Doch dann kam das „Riesenwunder“: In der Nähe des Cloppenburger Pfanni-Werkes wurde 1992 im dortigen Freilichtmuseum eine neue Landwirtschaftshalle eröffnet. Barbara Kosler gelang es, dort einen Großteil der Eckart-Bilder auszustellen, und als Otto Eckart seine Bilder in all ihrer Vielfalt dort hängen sah und spürte, wie sie wirken, begann auch er, an ein Museum zu glauben.

Endlich war Platz für das Museum

Vier Jahre später feierte Otto Eckart seinen 60. Geburtstag. Und gründete zu diesem Anlass eine Stiftung, mit der er bis heute Kinder und Jugendliche unterstützt, Kulturpflege und Naturschutz fördert und: das erste Museum der Welt zur Kunstgeschichte der Kartoffel finanziert. Denn mittlerweile hatte Pfanni sein Werk in München geschlossen, die Verwaltung zog 1996 nach Heilbronn – und plötzlich gab es Platz. Das Kartoffelmuseum bekam einen ganzen Flügel im alten Verwaltungsgebäude. Direkt am Ostbahnhof, mit idealer Verkehrsanbindung. „Die ist so gut, dass wir als kleines Spezialmuseum im Jahr mehr als 10 000 Besucher haben“, sagt Kosler.

Was auch mit der Qualität ihres Museums zu tun haben dürfte. Das beginnt mit einem Gemälde von Wilhelm Guntermann aus den 1950er Jahren: „Die symbolische Übergabe der Kartoffel“. Der erste Raum widmet sich ganz dem Ursprung der Kartoffel in den fernen Anden, wo die Kartoffelgottheit Axomama verehrt wurde und wo man schon vor Jahrhunderten einen Weg zur gefriergetrockneten Kartoffel gefunden hatte, um sie unbegrenzt haltbar zu machen.

„Den Mars-Riegel der Inka“ nennt Barbara Kosler die kleinen, weißlich-grauen Bälle, die federleicht durch ihre Hand kullern: Mit ein bisschen Wasser und Hitze wären die durchaus noch essbar und reich an Kohlenhydraten, wenn auch eher arm an den vielen Vitaminen und Mineralstoffen, die die Kartoffel sonst ausmachen.

Zunächst als Zierpflanze angebaut

Womit man wieder beim Thema „Powerteil“ ist: Neben den wandfüllenden Ölgemälden und filigranen Zeichnungen insbesondere der Kartoffelblüten – die Kartoffel wurde in Deutschland zunächst als Zierpflanze angebaut – gibt es im Museum auch einen kleinen Kartoffelacker, auf dem fünf Pflanzen Platz hätten. Ertrag: etwa 150 Kartoffeln pro Jahr, inklusive neuem Saatgut. „Würde ich auf derselben Fläche Getreide anpflanzen, bekäme ich gerade mal genug Mehl für ein einziges Brot, und das wäre nicht einmal zwei Kilo schwer“, sagt Kosler.

Lithographien zeigen Marktszenen im 19. Jahrhundert, auf denen es schon Imbissstände gab, an denen Bratkartoffeln und Knödel verkauft wurden, außerdem Pellkartoffeln, die die feinen Damen wärmend in ihrem Muff verstecken konnten. Und manchmal auch fallenließen wie, na eben: wie eine heiße Kartoffel.

Barbara Kosler kann viele solche Geschichten erzählen, während sie vorbei führt an einem 100 Jahre alten Schwarzwälder Figurenautomat, der zu jeder halben Stunde zwei, zu jeder vollen drei Knödel verspeist, und einem Plakat, auf dem Marilyn Monroe für den „Kartoffelstaat Idaho“ wirbt.

Stehen bleibt sie schließlich vor einem großformatigen Gemälde von Jörg Immendorff, einem Bild aus der „Café de Flore“-Serie. „Würden Sie dieses Bild in einem anderen Museum sehen“, sagt sie, „Sie würden sich erinnern an Joseph Beuys als Zauberer, an Immendorff mit der Zigarre, die nackte Muse im Hintergrund. Aber an eines würden Sie sich bestimmt nicht erinnern: An den Korb mit Kartoffeln, der so dominant im Vordergrund des Bildes platziert ist. Das genau ist das Schicksal der Kartoffel.“

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