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Gesundheit

Die Gefahr lauert im Mäusekot

Im Bayerischen Wald grassiert das Hantavirus, das von der Rötelmaus übertragen wird. Bislang sind die Verläufe moderat.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Diese süße Maus überträgt das Virus. Allerdings werden die Symptome einer Hanta-Infektion oft nicht richtig gedeutet, da sie grippeähnlich verlaufen.Foto: dpa
Diese süße Maus überträgt das Virus. Allerdings werden die Symptome einer Hanta-Infektion oft nicht richtig gedeutet, da sie grippeähnlich verlaufen.Foto: dpa

Regen.Der Forstarbeiter konnte sich die Symptome zunächst nicht erklären. Hatte er sich verkühlt, obwohl das Thermometer derzeit in Niederbayern häufig auf über 30 Grad klettert? Die vermeintliche Sommergrippe ging über mehrere Tage mit hohem Fieber, starken Kopf- und Gliederschmerzen und Schüttelfrost einher. Dazu kamen kolikartige Bauchschmerzen. Eine Blutuntersuchung brachte die Gewissheit: Der Mann hatte sich mit dem Hantavirus infiziert. In diesem Jahr wurden bereits 155 Fälle der meldepflichtigen Infektionskrankheit bayernweit registriert, der Großteil davon im Bayerischen Wald und im Raum Würzburg. Im Vorjahr gab es lediglich acht Fälle. Nach Auskunft des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) ist dafür ein starker Anstieg der Rötelmauspopulation verantwortlich. „Es ist davon auszugehen, dass in 2017 mit einer deutlichen Zunahme der Hantavirus-Erkrankungen zu rechnen ist.“ Ähnliche Häufungen gab es bereits in den Jahren 2007, 2010, 2012 und 2015.

Die kleine Rötelmaus mit den Knopfaugen und dem rötlich-braunem Fell mit weißem Bauch lebt vor allem dort, wo es Buchen gibt. Denn Bucheckern gehören zu ihrer bevorzugten Nahrung. Ein gutes Buchenjahr ohne Wetterextreme führt deshalb im Jahr darauf zu mehr Mäusen – und damit zu mehr Hantaviren-Überträgern. 2016 war so ein Buchenjahr, 2017 ist ein Hanta-Jahr. In Niederbayern wurden im ersten Halbjahr 2017 bereits über 30 Fälle erfasst. Vor allem die Landkreise Regen, Freyung-Grafenau und Deggendorf sind betroffen. Im Nationalpark fühlen sich die Rötelmäuse offensichtlich wohl. Auch Brandmäuse, Gelbhalsmäuse, Feldmäuse, Erdmäuse und Wanderratten gelten als mögliche Überträger. In der Oberpfalz wurden bislang zwei Hanta-Fälle in diesem Jahr bestätigt. Seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001 waren es in der Oberpfalz noch nie mehr.

Einige Formen sind hochpathogen

Hantaviren gibt es weltweit und in verschiedenen Typen. Einige der Erreger sind hochpathogen, sie gelten sogar als geeignet für den Einsatz von Biowaffen. Gefährlich sind auch die Virusstämme, die Nager in Nord- und Südamerika übertragen. Sie können Herz- und Lungenfunktion schädigen und eine lebensgefährliche Atemnot auslösen. Immer wieder gibt es Todesfälle. So starben 2012 mehrere Touristen, die sich im Yosemite Nationalpark mit dem lebensbedrohlichen Virus, das dort von der Hirschmaus übertragen wird, infiziert hatten. Damals wurde eine weltweite Reisewarnung für das Gebiet ausgesprochen.

In Deutschland dominiert das Virus vom Serotyp Puumala, das einen deutlich leichteren Verlauf nimmt. Nicht selten hält das Immunsystem die Viren sogar so gut in Schach, dass die Infizierten keine Symptome bemerken oder nur leichte Beschwerden haben. Deshalb gehen Mediziner davon aus, dass es hierzulande eine hohe Dunkelziffer bei den Ansteckungen gibt.

Bislang keine Todesfälle

Auch der Forstarbeiter hatte Glück, bei ihm klangen die schweren Symptome nach wenigen Tagen wieder ab. In seltenen Fällen kann das Virus vom Typ Puumala zu Nierenproblemen führen, etwa einer nachlassenden Harnbildung. Im schlimmsten Fall versagen die Nieren und die Betroffenen müssen vorübergehend an die Dialyse. Seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001 wurde kein Todesfall durch Hantaviren in Bayern registriert. In einer Studie des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart kam man zu dem Ergebnis, dass ein Mangel an Thrombozyten im Blut oder erhöhte Konzentrationen eines Entzündungseiweißes das Risiko für einen schwereren Verlauf erhöhen.

Jäger, Landwirte, Forstwirte und Soldaten gehören zu den am häufigsten Betroffenen. Im Landkreis Regen, wo bislang in diesem Jahr bei sieben Personen das Virus nachgewiesen wurde, habe man bislang keinen Zusammenhang mit bestimmten Berufsgruppen herstellen können, heißt es. „Allerdings sind sieben Fälle auch nicht repräsentativ“, so eine Sprecherin des Regener Gesundheitsamtes. Nach der Statistik, die das Robert-Koch-Institut führt, sind Männer im mittleren Alter deutlich häufiger betroffen als Frauen. Das Virus breitet sich über Speichel, Kot und Urin der Rötelmaus aus. Die Infektion erfolgt entweder über die Atemwege, indem virushaltiger Staub oder Aerosole eingeatmet werden oder durch Schmierinfektion über die Hände nach Kontakt mit lebenden oder toten Nagetieren bzw. deren Ausscheidungen, informiert das LGL.

So sieht das Virus unter dem Mikroskop aus. Foto: dpa
So sieht das Virus unter dem Mikroskop aus. Foto: dpa

Man kann sich beim Laub kehren genauso anstecken wie beim Joggen am Waldrand. Vorsicht ist auch geboten beim Aufräumen von Schuppen, Kellern, Dachböden oder Gartenhäuschen, in denen Mäuse gehaust haben könnten.

In Deutschland wurde das Hantavirus bislang nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Dennoch schließen Wissenschaftler nicht völlig aus, dass so etwas passieren könnte. Bei einem in Südamerika auftretenden Hantavirus wurde dies bereits nachgewiesen. Auch der harmlose Verlauf des Typ Puumala muss nicht so bleiben. Denn ähnlich wie Grippeerreger können sich auch Hantaviren verändern.

Handschuhe und Mundschutz

Laut dem Robert-Koch-Institut ist es unwahrscheinlich, dass Haustiere wie Katzen, die ja häufig Mäuse jagen, das Virus weitertragen. Bei Mäusen, die die Katze mit nach Hause bringt, sollte man allerdings vorsichtig sein und sich bei der Entsorgung Handschuhe überstreifen.

Überhaupt ist Hygiene das Wichtigste, um sich vor dem Erreger zu schützen. Dort, wo man Nager vermutet, sollte man mit Mundschutzmaske, Handschuhen und Desinfektionsmitteln arbeiten. Denn im Gegensatz zur Influenza gibt es bei Hantaviren keinen präventiven Schutz. Ein Impfstoff steht nicht zur Verfügung. Wer allerdings eine Infektion durchlaufen hat, gilt – zumindest für einige Jahre – als immun.

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