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Katastrophe

Nach der Flut: Wenn die Seele überläuft

Der Aufbau der von Schlammwellen zerstörten Häuser in Simbach geht voran, doch die Seele der Betroffenen heilt nur langsam.
Von André Jahnke, dpa

Der überschwemmte Ort Simbach am Inn im Juni 2016. Die Schlammwelle hat im gesamten Landkreis Rottal-Inn sieben Tote gefordert, allein in Simbach waren es fünf.
Der überschwemmte Ort Simbach am Inn im Juni 2016. Die Schlammwelle hat im gesamten Landkreis Rottal-Inn sieben Tote gefordert, allein in Simbach waren es fünf. Foto: Bayerisches Innenministerium/dpa

Simbach am Inn.Mit gebeugtem Rücken schiebt Georg Mitterer sein Rad im Regen zu seinem ehemaligen Plattenladen in Simbach am Inn. Die Hüfte des 66-Jährigen schmerzt vom fortlaufenden Aufräumen nach der Flutkatastrophe. Ein halbes Jahr ist es jetzt her. Am 1. Juni war die Schlammwelle durch den niederbayerischen Ort gerauscht.

Inzwischen sind die Eingänge seines nostalgischen Ladens, in dem Mitterer Vinylplatten verkauft hatte, mit Spanholzplatten versperrt - Einsturzgefahr. Nur wenige schwarze LPs stehen vor dem ehemaligen Schaufenster. Mitterer nimmt sie widerwillig in die Hand. Auflegen und genießen kann man sie eh nicht mehr, sagt sein Blick.

Nur durch Zufall hat der 66-Jährige die Flutwelle überlebt. Er war im Urlaub, als nach stundenlangem Gewitterregen der nur wenige Meter entfernte Simbach zu einem tödlichen Strom anschwoll. Der Bach hatte sich erst aufgestaut. Als ein Damm brach, rissen die Wassermassen in einer Sturzwelle auch das Holzlager eines Sägewerkes mit durch den 10 000 Einwohner zählenden Ort. Fünf Menschen ertranken dort. 500 Häuser wurden zerstört. Der Schaden durch die Fluten im Landkreis Rottal-Inn beträgt mehr als eine Milliarde Euro.

dpa-Story: Wenn die Seele nach der Flut überläuft

„Ein Nachbar hat mir berichtet, dass der Laden innerhalb weniger Sekunden geflutet wurde. Jeder, der im Geschäft gestanden hätte, wäre tot gewesen“, schildert Mitterer. Seine Urlaubsvertretung kam zum Glück zu spät zur Arbeit. Sie stand nicht wie sonst hinter der Verkaufstheke. „Das hätte ich mir niemals verziehen, wenn ein Mensch in meinem Laden ertrunken wäre“, sagt er.

Tagelang hatte halb Deutschland mit den Menschen in Simbach gelitten. Die Idee, dass Wasser so unerwartet und gewaltsam alles überrollen kann, erschütterte viele. Ein halbes Jahr später sind die Flutopfer zumeist allein mit ihren Erinnerungen. Sie reden nur mit Nachbarn oder ihrem Psychiater über die schlimmste Katastrophe ihres Lebens.

Georg Mitterer beobachtet neben seinem zerstörten Geschäft die Bauarbeiten. Er scherzt ab und zu mit dem Arbeiter, der einen Türrahmen zumauert. Wie eine Schallplatte mit einem Sprung betont der 66-Jährige in Dauerschleife: Der Verlust habe ja nur materiellen Wert. „Jetzt gilt es aufzuräumen und aufzubauen.“

„Erst das Materielle, dann die Seele.“

Roland Moser

Dieses Verhalten und solche Sätze seien typisch für die vergangenen Monate in Simbach, sagt der Psychologe Roland Moser. Das Motto der Menschen laute: „Erst das Materielle reparieren, dann die Seele.“ Der 57-Jährige steht an dem verregneten Morgen vor zwei Baucontainern auf dem Kirchplatz, die den Helfern vom Roten Kreuz als Büro dienen.

Moser ist nicht nur als zupackende Hand gefragt, sondern auch als Zuhörer und Ratgeber. Die Menschen reden sich bei ihm die schlimmsten Sorgen von der Seele. Drei Jahre hat er für diese Aufgabe Zeit bekommen. Moser ist aber skeptisch, dass das ausreicht.

Roland Moser, Dozent für Psychologie und Leiter des Projekts Fluthilfe Rottal-Inn.
Roland Moser, Dozent für Psychologie und Leiter des Projekts Fluthilfe Rottal-Inn. Foto: dpa

Denn unser Seelenleben ist eine heikle Sache: Das Gleichgewicht kann in wenigen Minuten beschädigt sein. Das Heilen jedoch geht – auch in schnelllebigen Zeiten – oft nur im Kriechtempo. Er hat selbst in Simbach sein Antiquariat in den Fluten verloren.

Manche Menschen berichten ihm von Belastungsstörungen, von Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Panikattacken. „Die Menschen haben plötzlich das Gefühl, mit dem Leben so nicht mehr fertig zu werden. Mit Blick auf den ersten Weihnachtsschmuck in der Stadt verdunkelt sich seine Miene. „Natürlich ist die Hoffnung bei vielen, bis zum Fest in der Wohnung zurück zu sein. Das wird sich aber für viele nicht realisieren lassen.“

Ähnliche Katastrophe in Fischerdorf

Der Profi-Helfer kann sich auf die Erfahrungen der Notfallseelsorger nach dem Jahrhunderthochwasser im Raum Deggendorf stützen. Vor dreieinhalb Jahren, im Juni 2013, war dort ein Damm gebrochen. Der Stadtteil Fischerdorf stand mehr als drei Meter unter Wasser.

Die damals betroffene Region ist gut eine Autostunde entfernt. Doch egal wo ein Unglücksort liegt: Die psychischen Belastungen und das, was den Opfern hilft, sind in der Anfangsphase nahezu gleich: „In der Akutphase geht es immer darum, den Menschen Stabilität und Sicherheit zu geben“, berichtet Reiner Fleischmann. Der Diakon aus Regensburg hat schon an den unterschiedlichsten Plätzen erlebt, was Menschen nach solchen Katastrophen belastet.

Reiner Fleischmann, Diözesanreferent für psychologische Notfallversorgung im Bistum Regensburg.
Reiner Fleischmann, Diözesanreferent für psychologische Notfallversorgung im Bistum Regensburg. Foto: dpa

Er ist seit 17 Jahren Seelsorger, hat sich um Hinterbliebene nach dem Amoklauf in Erfurt 2002, nach dem Transrapid-Unglück im Emsland 2006 und dem Seilbahn-Unglück im österreichischen Kaprun vor 16 Jahren gekümmert. Der 52-Jährige betreute auch viele junge Menschen nach der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg 2010. Seit mehr als drei Jahren steht er nun mit dem Malteser Hilfsdienst den Flutopfern von Fischerdorf bei.

Zeit und Ort: Die größten Unterschiede bei Katastrophen

Der Unterschied von Hochwasserkatastrophen zu vielen anderen Unglücken ist der Zeitfaktor: Das Ereignis und die Folgen – beides kann dauern. Zudem könnten die Schreckensorte nach einem Amoklauf oder einem Zugunglück gemieden werde, was viele Betroffene auch machen. Eine Flut jedoch trifft das eigene Zuhause. Deshalb ist nach einem Hochwasser diese Art der Verdrängung nicht so leicht möglich. Die Menschen in Fischerdorf räumten den Müll weg, bauten ihre Häuser neu auf, zogen ein und schlafen nun im ersten Stock, weil es so Vorschrift ist. Und dann kommt ein heftiges Unwetter. Sie wachen auf, teilweise schweißgebadet, teilweise mit Schüttelfrost und laufen nach unten und schauen, ob Wasser da ist. Die Bilder, die Jahre zurückliegen, seien weiter in ihnen, schildert Fleischmann. Es ist eine über Monate und Jahre andauernde Grundbelastung.

Psychiaterin Margarete Liebmann in ihrem Büro im Ameos Klinikum in Simbach am Inn.
Psychiaterin Margarete Liebmann in ihrem Büro im Ameos Klinikum in Simbach am Inn. Foto: dpa

In Simbach läuft das Hilfsprogramm für die überschwemmten Seelen jetzt erst richtig an. Die Psychiaterin Margarete Liebmann hat seit dem Sommer etwa 40 Betroffene behandelt. Das sei aber erst der Anfang. In jeder Sitzung schildern ihre Patienten, dass es ihren Nachbarn ähnlich gehe, sagt die Leitende Oberärztin im Ameos Klinikum im Ort. „Manche haben mir berichtet, dass sie sogar das Gefühl haben, dass ihnen das kalte Wasser an den Beinen hochläuft.“ Dabei streicht die Psychiaterin mit beiden Hände an ihren Beinen hoch.

An einem Donnerstagabend steht die Ärztin in einem Raum des Klinikums und hält einen Vortrag zu möglichen seelischen Folgen der Flut. Sie weist die Zuhörer aus Simbach auf Symptome hin, die auf eine Depression deuten könnten. Auf eine Schautafel schreibt sie Begriffe wie: Probleme beim Einschlafen und Durchschlafen, dauerhaftes Grübeln, schlechte Laune, keine Freude mehr empfinden. Wer das Trauma jetzt nicht behandle, werde nach Jahren oder Jahrzehnten Probleme bekommen, wenn neue Sorgen auftreten, mahnt sie.

Pläne für die Zukunft

Liebmann hat ein Ziel: Sie will in fünf bis zehn Jahren wieder durch Simbach gehen und in lächelnde Gesichter blicken. Helfen könnten dabei auch die Pläne der Stadt, den Ort in Teilen völlig neu zu planen und wiederaufzubauen. Bei einer Bürgerversammlung hatten der Bürgermeister und ein Städteplaner ihre Vorstellungen erläutert.

Der Wiederaufbau der zerstörten Häuser geht voran, aber „so wie früher“ wird es wohl nie wieder werden.
Der Wiederaufbau der zerstörten Häuser geht voran, aber „so wie früher“ wird es wohl nie wieder werden. Foto: dpa

Auch Georg Mitterer verfolgt die Pläne gespannt, ist aber skeptisch. Er muss sich jetzt nach einem neuen Laden umsehen. Dabei wollte er eigentlich in Rente gehen, hatte Käufer für sein altes Geschäft gesucht. Staatliche Hilfe von 80 Prozent gibt es nur für den Wiederaufbau. Mitterer ist nun verpflichtet neu anzufangen, sonst gibt es kein Geld.

Spätestens im Februar will er im neuen Geschäft am neuen Ort starten. Er hat zu große Angst, neben dem Simbach wieder einen Laden zu eröffnen. „Es ist mein drittes Hochwasser gewesen. Das reicht.“

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