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Angeschaut

An jedem Sonntag ein Mord

Die ARD strahlt die 1000. Folge „Tatort“ aus. Der Regensburger Medienwissenschaftler Dr. Hendrik Buhl erklärt den Erfolg
von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Die Schauspieler Maria Furtwängler und Axel Milberg spielen in der 1000. „Tatort“-Folge mit dem Titel: „Taxi nach Leipzig“. Foto: dpa
Die Schauspieler Maria Furtwängler und Axel Milberg spielen in der 1000. „Tatort“-Folge mit dem Titel: „Taxi nach Leipzig“. Foto: dpa

Regensburg.Die Musik, die Augen mit dem stechenden Blick, der Mann, der in die Nacht entschwindet. Eigentlich ist nach dem Vorspann alles klar. In spätestens drei Minuten gibt es einen Toten. Doch es kommt ganz anders. Regisseur Wolfgang Peterson lässt sich über 20 Minuten Zeit bis er endlich zum Punkt kommt. Bis es endlich einen Tatort gibt. Bis Kommissar Finke endlich mit der Ermittlungsarbeit beginnen kann. Die „Tatort“-Folge „Reifezeugnis“ aus dem Jahr 1977 mit der jungen Nastasja Kinski ist bis heute eine der bekanntesten der Krimireihe. Auch deshalb, weil sie mit einigen Regeln des Genres bricht, sagt der Regensburger Medienwissenschaftler Dr. Hendrik Buhl und drückt die Stopptaste der Fernbedienung.

An diesem Sonntag strahlt die ARD die 1000. Folge „Tatort“ aus. Sieht man mal von den Daily Soaps und der „Lindenstraße“ ab, so hat das keine Fernsehreihe geschafft. Seit rund 20 Jahren gehört Buhl, Akademischer Rat an der Universität Regensburg, zum Stammpublikum. Hineingewachsen ist er mit den Münchner Kommissaren Leitmayr und Batic. Er fand Gefallen an der Ermittlungsarbeit von Paul Stoever, gespielt vom kürzlich verstorbenen Manfred Krug und der rotzigen Art von Kommissar Schimanski, brilliant verkörpert von Götz George. Der „Tatort“, sagt Buhl, ist für einen Medienwissenschaftler ein herrliches Betätigungsfeld. Seit 46 Jahren repräsentiert die Reihe den Zeitgeist – Mode, Technik, gesellschaftspolitische Themen, denen sich Buhl in seiner Doktorarbeit gewidmet hat.

Erste Kommissarin ermittelte am Bügelbrett

Die Krimireihe zeichnete anfangs eine Männerwelt. Die meisten Ermittler agierten im Alleingang. Die erste Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) musste Ende der 1970er Jahre noch einen traditionellen Typ verkörpern und nach dem Büro bügeln. Heute stellen weibliche Kommissare einen starken, kämpferischen Frauentyp dar. Sie stehen auf eigenen Beinen, manche müssen Beruf und Kind unter einen Hut bringen. Der „Tatort“ hat immer den Zeitgeist aufgegriffen. Was die Menschen beschäftigte, beschäftigte auch die „Tatort“-Teams. Es wurde im Milieu der Drogensüchtigen, der Pädophilen, der Russenmafia, der Sekten, der Pharmaindustrie, unter sozialen Absteigern und reichen Aufsteigern ermittelt. Und zwischendurch wegen eines banalen Mordes aus Eifersucht.

Der Medienwissenschaftler zappt ins Jahr 2009. Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ermittelt. Viele Male hat Buhl die „Tatort“-Folge „Kassensturz“ gesehen. Er hat sie für seine Promotion analysiert und in Kontext zur Realität gestellt. Es geht um die Arbeitsbedingungen in Discountermärkten. Ein heißes Eisen. Als Vorlage für das Drehbuch diente das von der Gewerkschaft ver.di herausgegebene „Schwarz-Buch Lidl“. Just als der Krimi gedreht wurde, wurde bekannt, dass das Unternehmen Mitarbeiter bespitzeln ließ. „Dieser ‚Tatort‘ zeigt, wie geschickt ein gesellschaftspolitisches Thema umgesetzt und der Zuschauer zum Nachdenken über sein eigenes Verhalten angeregt wird“, sagt Buhl. Etwa wenn Adele Neuhauser als Vertriebsleiterin Fuchs sagt: „Nur einer lacht, nämlich der Kunde. Der bekommt Qualität zu einem günstigen Preis. Haben Sie sich nie gefragt, wie das geht?“

Dialekt sprechen nur die Nebendarsteller

22 Ermittlerteams wechseln sich derzeit in der „Tatort“-Reihe ab. Sie ermitteln von München bis Kiel, von Saarbrücken bis Wien. Das Lokalkolorit ist für Medienwissenschaftler Buhl ein Grund für die lange Erfolgsgeschichte. Beim Kölner Tatort endet jede Folge mit dem Schwenk von der Würstlbude auf den Dom. In der Fahrradstadt Münster fährt auch der Ermittler Thiel auf zwei Rädern. Die Münchner Kommissare dürfen auf dem Oktoberfest ermitteln. Bei den sprachlichen Färbungen hört es dann aber schnell auf mit der Regionalität, bedauert Buhl. „Der Dialekt wird, was ich sehr bedauere, auf Nebenfiguren abgeschoben.“

Der Medienwissenschaftler greift erneut zur Fernbedienung. Es geht nach München. Die Kommissare Batic und Leitmayr haben noch dunkle Haare und ihren Assistenten Carlo Menzinger. In „Perfect Mind“ aus dem Jahr 1996 geht es um eine Sekte. Das Besondere daran ist für Buhl die letzte Szene. Der Sektenchef sitzt vor einer Wand aus Bildschirmen. Er belauscht die Ermittler und sein letzter Blick fällt auf das Logo des „Tatorts“. Wird also sogar der Fernsehkrimi überwacht? Ein künstlerischer Kniff ganz nach dem Geschmack des Medienwissenschaftlers. Gerade auch deshalb, weil ihn sich nur wenige Fernsehformate erlauben können. Der Tatort war damals schon eine Marke mit extrem hohem Bekanntheitsgrad. Zur Kultsendung ist er allerdings er nach der Jahrtausendwende geworden, sagt Buhl.

Die "Tatort" Ermittler-Teams

Heute schauen die, die mit der Reihe alt geworden sind genauso wie die Jungen, die gerne gemeinsam in der Kneipe gucken. Der „Tatort“ habe sich beständig erneuert, sagt Buhl. Durch die Ermittler, die mal wie Actionhelden (Til Schweiger als Nick Tschiller) und mal eigenbrödlerisch auftreten (Axel Milberg als Borowski oder Ulrich Tukur als Felix Murot). Durch die Themensetzung und auch durch die Machart. Vor drei Wochen ließen die Münchner Ermittler das Publikum ohne Auflösung zurück. Der Mörder eines Familienvaters wurde nicht gefasst. Das gab es nur in ganz wenigen „Tatorten“. Denn im Kern, so sagt Buhl, ist der „Tatort“ Mainstream. Ein Schema, das immer gleich abläuft: Es passiert ein Mord. Es folgt die Ermittlungsarbeit. Am Ende wird der Fall geklärt. Die vermeintlich heile Welt wird wieder hergestellt. „Die ‚Tatorte‘, die von diesem Muster abweichen, sind heute die berühmtesten“, sagt der Medienwissenschaftler.

Buhls Favorit ist „Borowski und der stille Gast“, in der der Flensburger Ermittler 2012 einem unheimlichen Spanner auf der Spur ist – und ihn nicht zu fassen kriegt. Der „Tatort-Blog“ favorisiert Inga Lürsen (Sabine Postel) mit „Der Abschaum“ aus dem Jahr 2004, in der es um Sektenkreise und den Mord an einer Zwölfjährigen geht. Erst danach folgen die publikumsstarken Ermittler Boerne und Thiel aus Münster, die das Genre der Krimikomödie vertreten. Auch das, sagt Buhl, zeichnet den „Tatort“ aus. „Es gibt für jeden Geschmack ein Ermittlerteam.“ Nur eines ist in 46 Jahren unverändert geblieben. Die Musik, die Augen, der Mann, der in die Nacht entschwindet.

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