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Arbeitsmarkt

Der tägliche Kampf der Pendler

Über 75 000 Arbeitnehmer kommen täglich nach Regensburg. Nicht nur verkehrstechnisch eine Herausforderung.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

In Regensburg kommt es nahezu täglich im Berufsverkehr zu Staus und Behinderungen. Foto: dpa
In Regensburg kommt es nahezu täglich im Berufsverkehr zu Staus und Behinderungen. Foto: dpa

Regensburg.Morgens um 5.46 Uhr im Alex von Regensburg nach München. Man kennt sich, grüßt sich freundlich, tauscht im Vorbeigehen ein paar Sätze aus. Auch Freundschaften sind hier am Gleis 4 schon entstanden. Es ist eine Art Schicksalsgemeinschaft, die jeden Morgen aufeinandertrifft. Pendler, die nach Landshut, manche sogar bis nach München unterwegs sind, um dort zu arbeiten. Über 2500 Menschen sind es in der Stadt und im Landkreis Regensburg, die täglich in die Landeshauptstadt pendeln. Mit dem Zug dauert das zwischen einer Stunde 30 Minuten bis hin zu zwei Stunden – für die einfache Fahrt. Bei einem Acht-Stunden-Arbeitstag kommen so zwölf und mehr Stunden täglich zusammen. Eine Belastung für den Körper.

Mehr als 17 Millionen Berufspendler gibt es in Deutschland, in der Oberpfalz sind wochentags bis zu 390 000 Menschen unterwegs, sie pendeln zwischen den Landkreisen, verlassen die Oberpfalz, um in anderen Regionen zu arbeiten oder kommen von außerhalb in die Oberpfalz an ihren Arbeitsplatz. Den größten Pendleranteil bewältigt Regensburg, wo im Jahr 2016 an Werktagen fast 76 000 Menschen ins Stadtgebiet kamen und weitere 18 300 auspendelten. Die meisten davon mit dem Auto, weniger als 20 Prozent nutzten öffentliche Verkehrsmittel.

Dass Regensburg zu einer Boomtown geworden ist, lässt sich auch an den Pendlerzahlen ablesen. Im Jahr 1995 waren es noch rund 51 000 Einpendler, fünf Jahre später knapp 58 000, im Jahr 2005 wurden knapp 62 000 gezählt. Der Pfaffensteiner Tunnel, das Autobahnkreuz Regensburg und die A3 zwischen Nittendorf und Wörth/Donau sind nahezu täglich mit Staumeldungen in den Verkehrsdurchsagen. Die Industrie- und Handelskammer Regensburg warnt seit Jahren vor einem drohenden Verkehrsinfarkt, der massive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben könnte.

Die Hauptschlagadern der Oberpfalz: Eine Multimedia-Reportage zu den Autobahnen A3 und A93 in der Region finden Sie hier.

Es fehlt an Langzeitstudien

Ab etwa 60 Minuten täglicher Pendelzeit wird der Arbeitsweg zu einer gesundheitlichen Belastung. Insbesondere der Schlaf leidet dann, sagt Prof. Dr. Julika Loss, Leiterin der Medizinischen Soziologie am Institut für Epidemiologie und Präventivmedizin am Uniklinikum Regensburg. Loss sagt, dass das Thema Pendeln bislang in nur wenigen medizinischen Studien beleuchtet wurde, insbesondere fehle es an Langzeitstudien. Grundsätzlich sei aber festzustellen, dass mit der Länge der Strecke der Stressfaktor zunehme, unabhängig davon, ob das Auto oder der öffentliche Personenverkehr für den Arbeitsweg genutzt werde. Denn letztlich spiele der Zeitfaktor die entscheidende Rolle.

Wer weite Strecken pendelt, der hat weniger Zeit für Freizeitaktivitäten, macht weniger Sport, ernährt sich weniger ausgewogen und bekommt auch weniger Schlaf. „Letztlich begünstigt diese ungesunde Lebensweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nicht das eigentliche Pendeln an sich“, sagt Loss. Bei Frauen ist der Stressfaktor dabei noch größer als bei Männern. „Untersuchungen haben gezeigt, dass sie durch das Pendeln mehr Druck verspüren, weil sie zu Hause noch Kinder zu versorgen haben oder sich um den Haushalt kümmern müssen.“

Vor allem Akademiker pendeln

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hat vergangene Woche ein neues Gutachten vorgestellt, wonach inzwischen 60 Prozent aller Arbeitnehmer nicht an ihrem Wohnort arbeiten. Den größten Pendlerzulauf im Bundesgebiet hat München: Hier stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, die außerhalb der Stadt wohnen, seit dem Jahr 2000 um 21 Prozent auf inzwischen 355 000. Der durchschnittliche Arbeitsweg hat sich von 14,6 Kilometern im Jahr 2000 auf 16,8 Kilometer im Jahr 2015 verlängert. Besonders lang sind die Distanzen zu den Arbeitsmarktzentren in den dünn besiedelten Räumen abseits der Ballungsräume. Dort legen Pendler durchschnittlich bis zu 30 Kilometer bis zum Arbeitsplatz zurück. Rund 1,3 Millionen Menschen (Stand 2015) sind inzwischen Fernpendler, deren einfacher Arbeitsweg mehr als 150 Kilometer beträgt, zur Jahrtausendwende waren es noch rund eine Million.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hat in einer Studie erfasst, dass besonders viele Akademiker zu den Pendlern gehören. Demnach betrug deren Anteil in Bayern im Jahr 2013 insgesamt 55,3 Prozent. Auch 40,6 Prozent aller Auszubildenden bestritten täglich einen längeren Arbeitsweg. Dabei gibt es auch Unterschiede zwischen den Wirtschaftszweigen. Während in den Bereichen Naturwissenschaft, Geografie und Informatik 54 Prozent zum Arbeitsplatz pendeln, sind es im Baugewerbe lediglich 33,8 Prozent. Den höchsten Pendlersaldo in der Oberpfalz verzeichnen Stadt und Landkreis Regensburg. Mit einem Plus von über 54 000 strömen besonders viele Arbeitnehmer in die Stadt, die zum größten Teil im Landkreis wohnen (minus 34 500).

„Es gibt immer Alternativen“

Steffen Häfner ist Chefarzt des Fachbereichs Verhaltensmedizin an der Deutschen Klinik für Integrative Medizin und Naturheilverfahren im sächsischen Bad Elster. Er ist einer der wenigen Mediziner, die auf dem Gebiet forschen. In einem Interview mit dem Fernsehsender MDR erklärte Häfner, dass Pendeln auf die Dauer krank macht. Häfner rät deshalb zu regelmäßigen medizinischen Check-ups und Verlaufskontrollen. Zudem sollten sich Pendler die Frage stellen: Rechnet es sich noch, einerseits finanziell, aber auch gesundheitlich und von meiner Lebensqualität her, dass ich das jeden Tag auf mich nehme? „Es gibt ja immer Alternativen. Es wird ja keiner zum Pendeln gezwungen, trotzdem machen es unglaublich viele.“

Prof. Dr. Peter Fischer vom Lehrstuhl für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg sieht auch die Unternehmen in der Verantwortung. „Pendler sind in der Regel schlechter sozial eingebunden, da sie weniger mit den Kollegen unternehmen können.“ Deshalb sollte mit entsprechenden Maßnahmen gegengesteuert werden, etwa durch die Bildung einer Interessensvertretung. Auch Vergünstigungen und präventive Gesundheitsangebote schlägt Fischer vor. Am Arbeitsplatz selbst sollte, wenn dies möglich ist, ein flexibles Arbeitszeitmodell möglich sein, auch eine Kombination mit Heim-Arbeitsplätzen entlaste die Pendler, so Fischer.

Soziologin Loss sieht auch positive Aspekte, wenn man in der Stadt arbeitet und seinen Wohnsitz im grünen Umland hat. „Das ist ein Erholungsfaktor nach der Arbeit.“ Manche Pendler empfänden die Fahrtzeit als gute Möglichkeit, sich auf den Arbeitstag vorzubereiten bzw. damit abzuschließen. „Dann schleppt man die Probleme erst gar nicht bis nach Hause.“

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