mz_logo

Oberpfalz
Donnerstag, 21. Juni 2018 29° 8

Zeitgeschichte

Die Wunden sind längst nicht verheilt

Noch heute wecken die Geschehnisse rund um die WAA in Wackersdorf viele Erinnerungen. Ein Film lässt den Konflikt aufleben.
Von Renate Ahrens

Foto: Rudi Sommerer
Foto: Rudi Sommerer

Wackersdorf.Die Wunden sind noch längst nicht verheilt.“ Diese Feststellung traf der Münchener Filmproduzent Ingo Fliess im Herbst vergangenen Jahres bei den Dreharbeiten im Landkreis Schwandorf zum Kinofilm „Wackersdorf“. Noch immer assoziieren Zeitzeugen den Namen Wackersdorf mit den bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die damals, in den 1980er Jahren, in der Oberpfalz herrschten. Eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte atomare Kernstäbe sollte gebaut werden – und damit eines der umstrittensten Bauprojekte Deutschlands überhaupt.

Im Hüttendorf campierten zeitweise über 1000 Menschen

Die Anlage war darauf ausgelegt, 500 Tonnen Atommüll pro Jahr verarbeiten zu können. Bereits im Jahr 1981, nach der Entscheidung für den Standort Wackersdorf, hatte sich eine Bürgerinitiative gegründet, die gegen das Projekt kämpfen wollte. Der „Glaubenskrieg“ hinsichtlich der WAA entzweite damals sogar Familien und Freunde. Im Oktober 1985 wurde das 140 Hektar große Gelände im Taxöldener Forst für drei Millionen Mark vom Freistaat Bayern an die DWK GmbH (Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen) mit Sitz in Wackersdorf verkauft. Kurz darauf begann man mit den Bauarbeiten. Das erste Hüttendorf der Bürgerinitiative entstand wenig später, im Dezember 1985. Rund 1000 Menschen übernachteten dort bei eisiger Kälte und harrten aus.

In unserer Bildergalerie sehen Sie weitere Eindrücke der damaligen Auseinandersetzungen:

25 Jahre Baustopp der WAA

Wenige Tage später wurde das Dorf durch ein großes Polizeiaufgebot geräumt, über 800 Demonstranten wurden festgenommen. Doch das ist lange her. Junge Menschen, so sagt Fliess, wüssten heute kaum noch etwas über diese Ereignisse. Das war für ihn einer der Gründe, den Film zu drehen. Denn: Bis heute fasziniert der Mythos WAA die Menschen. „Neue Aspekte“ solle der Kinofilm darstellen, erklärt der Produzent. Der 51-Jährige ist in Sulzbach-Rosenberg aufgewachsen und hat die dramatischen Zustände in Wackersdorf selbst miterlebt – zu den Demonstranten in der ersten Reihe gehörte er nicht, wie er erklärt. „Aber niemand hat sich dem Ganzen entziehen können.“

Die Mittelbayerische begleitete den Widerstand von Wackersdorf über Jahre hinweg. Er brachte auch Journalisten an Grenzen. Lesen Sie hier, wie sich die MZ-Reporter an die WAA-Zeit erinnern.

Produzent Ingo Fliess (Mitte) drehte den Film „Wackersdorf“ an Originalschauplätzen. Fotos: Erik Mosoni-if Productions/ Ahrens
Produzent Ingo Fliess (Mitte) drehte den Film „Wackersdorf“ an Originalschauplätzen. Fotos: Erik Mosoni-if Productions/ Ahrens

In Koproduktion mit dem BR und arte drehte Fliess’ Firma if Productions unter der Regie von Oliver Haffner diesen Kinofilm nach einer „wahren Geschichte“ über die Jahre 1982 bis 1986. Beleuchten will dieser Politthriller – denn das soll er werden – die Hintergründe, wie es überhaupt zu den Auseinandersetzungen in Wackersdorf kam. Für Fliess selbst waren die Dreharbeiten selbst schon ein Erlebnis. Fest stand für ihn von Anfang an, die Hauptszenen an Originalschauplätzen zu drehen, mit „echten Oberpfälzern“ als Statisten und Komparsen. Schließlich, so Fliess, würde „der Oberpfälzer grundsätzlich als geradlinig und unumstößlich“ gelten. Sehr hilfsbereit seien die Komparsen gewesen. Stundenlang hätten sie bei den Dreharbeiten gewartet, dabei habe es zu dieser Zeit lange geregnet. „Natürlich kamen wir dabei oft ins Gespräch“, sagt Fliess. „Den Zeitzeugen und Beteiligten von damals ist es ein großes Bedürfnis, über alles zu reden.“

Das Jahr 1988 markiert den Anfang vom Ende der WAA. In einem großen Feature fragen wir Peter Gauweiler, Hans Schuierer und andere: Wie weit darf Protest gehen?

Politiker hatten den Bürgern damals vor dem Bau viel versprochen: Arbeitsplätze, ein florierendes Gewerbegebiet, den Ausbau der Infrastruktur. Die Anlage, so hieß es, „wäre doch nicht schlecht für Wackersdorf – sie würde auch keinen Lärm verursachen“. Fliess sagt heute wie viele andere Bürger: „Ein fürchterliches Unrecht ist geschehen. Es wurde nie aufgearbeitet.“ Noch immer würde es in der Bevölkerung schwelen, lange entfernt sei man von einem „lässigen Umgang“ mit der Vergangenheit. Der Film, der im Herbst bundesweit in die Kinos kommt, beleuchte nur eine einzige Geschichte aus dieser Zeit, sagt Fliess, denn natürlich könne man nicht alles darstellen. „Vieles haben wir verdichtet. Vor allem aber haben wir vieles weggelassen.“ 30 große Rollen wurden mit Profischauspielern besetzt. Eine weibliche Hauptrolle spielt die bekannte Schauspielerin Anna-Maria Sturm, die im Landkreis aufgewachsen ist und deren Mutter selbst eine „Galionsfigur der Widerstandsbewegung“ war und das Anti-WAA-Büro in Schwandorf leitete. Die Atomkraftgegner verwendeten viel Zeit für ihre Aktionen – Flugblätter mussten mühsam kopiert werden, es gab noch keine Computer, ebenso wenig wie Handys.

Nicht nur im Film spielte Landrat Hans Schuierer eine tragende Rolle

Eine wesentliche Figur im Film, so Fliess, wird der damalige Landrat Hans Schuierer spielen – wie er es ja in Wirklichkeit auch tat. „Es gibt schließlich nicht so viele bayerische Helden“, so der Produzent. Denn das sei Schuierer in seinen Augen. Schuierer hatte sich plötzlich gegen den Bau ausgesprochen – für Fliess das eigentlich Heldenhafte. Schließlich gehöre oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern als ihr treu zu bleiben. Der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß hatte den Anlagebetreibern stabile politische Verhältnisse versprochen. Legendär sollte später seine Rede werden, in der er die WAA als „nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichen-Fabrik“ bezeichnete.

Das Misstrauen gegen die Polizei war weit verbreitet

Einer der Hauptfiguren der Widerstandsbewegung war der Landwirt Josef Fischer aus Kölbldorf. Noch ganz genau kann er sich an die Ereignisse erinnern. Sein Bauernhof war einer der Treffpunkte für Demonstranten. „Einmal haben 508 Polizisten meinen Hof umstellt und dann auf Waffen untersucht.“ Mit Helm, Schild und Knüppeln stürmten die Beamten Kuhstall und Scheune, rüttelten die Schlafenden wach und durchsuchten sie. „Alles wurde durchwühlt.“

Als Begründung für die Aktion gab die Polizei „nächtliche Arbeits- und Metallgeräusche im Stall“ an. Dabei stammte das Rasseln von den Ketten der Kühe. 43 Übernachtungsgäste wurden festgenommen und in Bussen nach Amberg gefahren. Erst am Abend seien sie freigelassen worden. Monatelang, so erinnert sich Fischer, seien er und seine Familie, wie viele andere ansässige WAA-Gegner, von zivilen Polizisten bespitzelt und überwacht worden, ganz offensichtlich. Noch heute sitzt bei vielen Menschen das Misstrauen gegenüber der Polizei tief, so auch bei Ingo Fliess. Ihn habe diese Zeit der Widerstandsbewegung geprägt. „Damals habe ich die Polizei als Verlängerung der Exekutive erlebt. Ich habe die Bomben fallen sehen.“

Obwohl die damaligen Akteure Teil ein und derselben Geschichte sind, weichen ihre Erinnerungen stark voneinander ab. Das zeigen auch die Aussagen im Video:

WAA: Die vielen Wahrheiten vom Bauzaun

Die Polizei warf im Jahr 1986 bei der legendären „Pfingstschlacht“ aus Hubschraubern Reizgas-Patronen ab. Etwa 600 Personen wurden auf dem WAA-Gelände verletzt. „Das hier ist Krieg“, hatten Augenzeugen später zu den Medien gesagt. Auch Fischer war vor Ort, erwischt hatte ihn das Gas zum Glück nicht. „Es war schrecklich, es mit ansehen zu müssen. Die Betroffenen haben verzweifelt versucht, sich gegenseitig mit Wasser die Augen auszuwaschen.“ Fast so lang wie die Gegenbewegungen selbst, nämlich sechs Jahre, dauerten die Vorbereitungen zum Kinofilm, der „kein Actionfilm werden“ soll. Fliess hat zusammen mit den Drehbuchautoren Gernot Krää und Oliver Haffner unzählige Akten gewälzt, recherchiert und Zeitzeugen gefragt. „Wir gingen analytisch vor und haben uns gefragt: Wer war eigentlich am meisten betroffen?“

Bei einer Podiumsdiskussion der MZ diskutierten Peter Gauweiler und Hans Schuierer über Wackersdorf und die Folgen. Die Fronten sind beinahe unverändert. Lesen Sie hier den Artikel zur Podiumsdiskussion unter dem Titel „30 Jahre nach dem WAAhnsinn“ in unserem Medienhaus. Außerdem können Sie hier die Diskussion in einem Video verfolgen.

Nach Tschernobyl wurden die Proteste noch vehementer

Nach dem Unglück im Atomreaktor in Tschernobyl im April 1986 verstärkte sich der Protest. „Hier zeigte sich dramatisch, wie gefährlich Atomkraft ist“, erinnert sich Rudi Sommer. Der heutige Grünen-Gemeinderat des Marktes Bruck war fast bei jedem „Sonntagsspaziergang“ am Bauzaun, wie das Treffen der Gegner genannt wurde.

Das Gelände war nach Tschernobyl durch einen 4,8 Kilometer langen und 15 Millionen Mark teuren Stahlzaun abgesichert worden. Im Mai 1989 wurde der bis dahin zehn Milliarden teure Bau eingestellt. Die Betreiber hatten sich schließlich gegen den Wackersdorfer Standort entschieden und für eine Kooperation mit Frankreich. Die Anlage in Wackersdorf, so die Begründung, würde mit zehn Milliarden Mark zu teuer werden. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung findet die Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe aus deutschen Kernreaktoren bis heute in den beiden Anlagen in La Hague in Frankreich und Sellafield in Großbritannien statt. Rund 80 Prozent des weltweiten anfallenden Atommülls würden dort wiederaufbereitet. Beide Anlagen leiten laut der Bundeszentrale radioaktive Stoffe in Gewässer und Luft und werden dafür von Umweltschutzverbänden kritisiert. Auch Rudi Sommer sieht das Aus in Wackersdorf mit gemischten Gefühlen: „Es ist nur eine Verlagerung des Problems und deshalb nur ein halber Erfolg. Der eigentliche Erfolg wäre der Ausstieg aus der Atomenergie.“ Der Gemeinde Wackersdorf ist es seit dem Ausstieg gut gegangen. Sie bekam 1,5 Milliarden Ausgleichzahlungen. Auf dem ehemaligen WAA-Gelände entstand der „Innovationspark“ mit vielen großen Firmen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht