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Missbrauch

Domspatzen: Dirigent schildert Gewalt

Lothar Zagrosek ist in der Musikwelt sehr bekannt. Jetzt hat er sich zu dem Martyrium seiner Kindheit geäußert.
Von Christine Straßer, MZ

Dirigent Lothar Zagrosek war bei den Regensburger Domspatzen selbst Opfer von Misshandlungen.
Dirigent Lothar Zagrosek war bei den Regensburger Domspatzen selbst Opfer von Misshandlungen. Foto: Christian Nielinger

Regensburg.Das Schlimmste sei die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein und die totale Schutzlosigkeit gewesen in einem Alter, in dem man eigentlich Zuwendung braucht. So fasst Dirigent Lothar Zagrosek die schrecklichen Erlebnisse während seiner Internatszeit bei den Regensburger Domspatzen zusammen und bestätigt in vollem Umfang die Enthüllungen über den Missbrauchsskandal. Am Mittwochmorgen war eine „kleine Episode aus dem persönlichen Erleben“ in der Sendung Kulturwelt auf Bayern 2 zu hören.

Zagrosek beschreibt, wie er bei einem Besuch zu Hause gebadet wurde. Die Frau, die seiner Mutter zur Hand ging, habe aufgeschrien. „Und dann hat meine Mutter festgestellt, dass sowohl auf meinem wie auf dem Rücken meines Zwillingsbruders eine Menge blauer Striemen waren, so wie wenn man jemanden auspeitscht. Und das war bei uns weitgehend Alltag, wirklich brutale Gewalt.“

Bedürfnis, bei Aufklärung zu helfen

Die NDR-Journalistin Raliza Nikolov, mit der sich Zagrosek eigentlich über ganz andere Themen unterhalten hatte, berichtet, dass sie den Dirigenten am Ende des Interviews nach Erlebnissen bei den Domspatzen gefragt habe. Dann brach es aus Zagrosek heraus. Nikolov sagt in ihrem Beitrag, es sei ihm offenbar ein Bedürfnis, zur Aufklärung beizutragen. Ähnlich scheint eine ganze Zahl ehemaliger Domspatzen zu empfinden. Seit der mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber vor knapp zwei Wochen seinen Zwischenbericht veröffentlicht hat, haben sich bei ihm weitere 60 mutmaßliche Opfer gemeldet. Weber hatte mitgeteilt, dass von 1953 bis 1992 mindestens 231 Kinder von Priestern und Lehrern körperlich misshandelt worden seien. Die meisten Fälle beträfen die Vorschule in Etterzhausen und in Pielenhofen. Weitere 50 Schüler seien in Regensburg Opfer sexueller Gewalt geworden.

Aus heutiger Sicht unbegreiflich

Lothar Zagrosek war mit seinem Zwillingsbruder Eberhard und dem drei Jahre jüngeren Bruder Johannes in den Jahren 1952 bis 1959 in Etterzhausen und in Regensburg. Es habe sexuellen Missbrauch gegeben, sagt er. Aus heutiger Sicht sei es unbegreiflich, dass der Priester Friedrich Zeitler, der schon in einem anderen Knabeninternat wegen sexueller Übergriffe aufgefallen war, als Internatsdirektor zu den Regensburger Domspatzen versetzt wurde. Zeitler sei in Regensburg wieder straffällig geworden und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. „Aber damit war das ja nicht beendet“, fügt Zagrosek hinzu. „Das ist das Schlimme. Es kamen dann andere.“ Er selbst habe das Glück gehabt, dass er durch seine schöne Stimme privilegiert war. Zagrosek setzte sich durch und wurde ein erfolgreicher Dirigent. Er sagt: „Es ist so, dass man ja als Dirigent im Prinzip niemand mehr über sich hat. Und in gewisser Weise war das für mich ein Antrieb. Ich wollte einfach absolut keine Abhängigkeit mehr, von niemandem.“

Lesen Sie hier den Zwischenbericht von Rechtsanwalt Ulrich Weber zu den Misshandlungs- und Missbrauchsfällen bei den Domspatzen im Wortlaut.

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