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Aufarbeitung

Domspatzen: Prügel und fehlende Courage

Der Misshandlungs- und Missbrauchsskandal beim renommierten Regensburger Chor wird im Presseclub kontrovers diskutiert.
von Christine Straßer, MZ

Auf dem Podium im Presseclub (v.r.): Chormanager Christof Hartmann, BR-Studioleiter Gerhard Schiechel , der die Veranstaltung moderierte, Rudolf Neumaier und Ludwig Faust
Auf dem Podium im Presseclub (v.r.): Chormanager Christof Hartmann, BR-Studioleiter Gerhard Schiechel , der die Veranstaltung moderierte, Rudolf Neumaier und Ludwig Faust Foto: Lex

Regensburg.„Die Domspatzen sollten aus der Kirche austreten.“ – Rudolf Neumaier, selbst ehemaliger Domspatz, wirft das am Donnerstag nach einer langen Diskussion im Regensburger Presseclub scherzhaft in die Runde, aber es steckt auch viel Ernst hinter diesem pointierten Satz. Die Institution Kirche kommt an diesem Abend nicht gut weg, auch weil das Bistum Regensburg es abgelehnt hat, einen Vertreter zu der Podiumsrunde zu schicken. Udo Kaiser, der bei den Domspatzen sexuell missbraucht wurde, hört sich die Diskussion im Publikum an und ist mit vielem, das gesagt wird, nicht einverstanden, widerspricht vehement, doch dieser Satz von Neumaier findet Kaisers Applaus. „Die Kirche ist der Täter!“, ruft Kaiser.

Die Regensburger Domspatzen und die Aufklärung des Misshandlungs- und Missbrauchsskandals, die über Jahre verschleppt wurde, hallen am Wochenende mehrfach wider. Am Samstag findet erneut ein Tag der offenen Tür bei den Domspatzen statt. Am Samstag und am Sonntag ist im Ostentor-Kino eine Aufzeichnung der Theaterrevue „Schlafe, mein Prinzchen“ zu sehen, die der ehemalige Domspatz Franz Wittenbrink am Berliner Ensemble inszeniert hat. Insofern lässt sich das Gespräch im Presseclub auch als Auftakt für eine intensivere Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung der Verbrechen verstehen und dem Spannungsfeld zwischen damals und heute, in dem sich Chor, Gymnasium und Internat heute befinden.

Weitere Veranstaltungen

  • Tag der offenen Tür:

    Am Samstag laden Chor, Gymnasium und Internat der Regensburger Domspatzen erneut zu einem Tag der offenen Tür ein. Ab 10.30 Uhr können interessierte Buben mit ihren Eltern an einer öffentlichen Chorprobe unter der Leitung von Domkapellmeister Roland Büchner im Wolfgang-Saal teilnehmen. Bis 14 Uhr stehen Lehrer, Erzieher, Schüler und Eltern zum Gespräch und Gedankenaustausch bereit. In einem Show-Room können die Besucher zudem mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen das neue Gebäude der Regensburger Domspatzen bestaunen.

  • Kino-Sondervorführung:

    Im Ostentor-Kino ist am Wochenende die Theateraufzeichnung von „Schlafe, mein Prinzchen“ zu sehen. Die Revue hat der ehemalige Domspatz Franz Wittenbrink inszeniert und am Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht. Er verarbeitet darin auch eigene Erfahrungen aus seiner Zeit bei den Domspatzen. Der Film wird am Samstag (15 Uhr) und am Sonntag (13 Uhr) gezeigt. Am Sonntag schließt sich ein Publikumsdialog an, an dem Missbrauchsopfer sowie Eltern- und Schülervertreter der Domspatzen teilnehmen.

Auf dem Podium schildern die ehemaligen Domspatzen-Schüler Christof Hartmann, der heute Chormanager ist, Rudolf Neumaier und Ludwig Faust ganz unterschiedliche Erfahrungen. Hartmann, der 1969 zu den Domspatzen kam, kann aus seiner Zeit als Tagesschüler in Regensburg nur Positives berichten. Neumaier, ab 1981 Domspatz, macht einen scharfen Unterschied zwischen der Grundschule in Pielenhofen, wo er ein Jahr war, und dem Gymnasium in Regensburg. Pielenhofen sei es schlimm gewesen, betont er. Das Internat in Regensburg habe er hingegen als sehr liberal erlebt.

„Unkultur des gnadenlosen Prügelns“

Ludwig Faust war einst einer der ersten Zöglinge des 1964 bestellten Domkapellmeisters Georg Ratzinger.
Ludwig Faust war einst einer der ersten Zöglinge des 1964 bestellten Domkapellmeisters Georg Ratzinger. Foto: Lex

Faust wiederum, der einst einer der ersten Zöglinge des 1964 bestellten Domkapellmeisters Georg Ratzinger war, kritisiert eine „Unkultur des gnadenlosen Prügelns“, die auch in Regensburg geherrscht habe. Das sei System gewesen. Er spricht von „üblen Burschen“, an die er sich erinnere. Die heutigen Domspatzen leiden darunter, wie Faust darstellt, dass ehemalige Verantwortliche bei den Domspatzen und im Bistum Verfehlungen noch immer nicht anerkennen wollen.

Rudolf Neumaier ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und hat selbst mehrere Beiträge zum Missbrauchsskandal bei den Domspatzen verfasst.
Rudolf Neumaier ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und hat selbst mehrere Beiträge zum Missbrauchsskandal bei den Domspatzen verfasst. Foto: Lex

Womit gehadert wird: Seit 2010 kämpfen Opfer darum, gehört zu werden und nicht als Lügner dargestellt zu werden. Damals sei auf „eklatant desolate Weise“ versäumt worden, mit dieser Erinnerung umzugehen, sagt Neumaier. Das habe sich in erster Linie die Bistumsführung zuzuschreiben, die die Vorgänge hätte aufarbeiten müssen. Dass das nicht passiert sei, sei eine Katastrophe für die Opfer und die Domspatzen heute, fügt Neumaier hinzu. Sein Beharren jedoch darauf, dass Etterzhausen/Pielenhofen und Regensburg zwei strukturell völlig voneinander getrennte Einrichtungen gewesen seien, stößt auf scharfe Kritik – vonseiten der Missbrauchsopfer. Kaiser stellt heraus, dass Etterzhausen und das Domgymnasium in Regensburg zusammengehörten. „Der Domkapellmeister war auch Vorgesetzter von Etterzhausen“, sagt Kaiser. Die Schüler hätten Georg Ratzinger bereits 1967 auf einer ersten Konzertreise von den Gräueltaten in Etterzhausen erzählt. Mehr noch: Ratzinger sei anwesend gewesen, als Schüler brutal geschlagen worden seien, doch er sei nicht eingeschritten. Kaiser spricht von einer Hölle, die er als Achtjähriger erlebt habe. Auch gegen den ehemaligen Domkapellmeister Theobald Schrems erhebt Kaiser schwere Vorwürfe. Der langjährige Direktor in Etterzhausen, Johann Meier, habe „bei Schrems gelernt“. Schrems habe ihn in stundenlangen Proben unter den Flügel geprügelt, bringt Kaiser vor.

Fehlende Zivilcourage

Zuhörer im Regensburger Presseclub
Zuhörer im Regensburger Presseclub Foto: Lex

Kaiser wirft darüber hinaus der heutigen Domspatzen-Leitung vor, ihn als anerkanntes Opfer nicht öffentlich gegenüber dem damaligen Bischof Gerhard Ludwig Müller unterstützt zu haben, um eine Aufarbeitung schon viel früher in Gang zu bringen. „Es gibt Zivilcourage“, sagt er. Aber stattdessen sei sechs Jahre zugesehen worden, wie er als Lügner bezeichnet worden sei. „Wenn die Domspatzen die Courage gehabt hätten, gegen das Bistum aufzustehen, dann hätten wir das alles hinter uns“, betont Kaiser. Opfervertreter Michael Sieber und Sprecher der „Gesellschaft gegen das Vergessen“ fordert die Domspatzen auf, Fehler einzuräumen und „endlich mit der Positivpropaganda“ aufzuhören. Die glaube ohnehin niemand mehr. Die Hoffnung der Domspatzen-Führung sei gewesen, dass die Diskussion zu dem Thema wieder einschlafe.

Christof Hartmann ist heute Chormanager der Domspatzen.
Christof Hartmann ist heute Chormanager der Domspatzen. Foto: Lex

Chormanager Hartmann betont, dass die Domspatzen-Stiftung begrüße, dass nun Aufklärung und Aufarbeitung stattfinde. Er führt zudem aus, dass sich die Institution neu ausrichte mit einem Neubau, einer Umstellung des Schulsystems und moderner Pädagogik. Gleichwohl klingt durch, dass ohne Disziplin eine Leistung, wie sie der Chor erbringt, nicht möglich ist. Hartmann spricht von Hochleistungssport. Ziel sei es, die Domspatzen zu der Schule in Deutschland für die Buben zu machen, die Sänger werden wollen. Hartmann zieht Parallelen zu Fußballinternaten und dergleichen. Kaiser drückt es drastischer aus. Für ihn ist klar: „Den Druck gibt es immer noch.“

Lesen Sie hier den Kommentar von MZ-Redakteurin Christine Straßer zur quälend langen Zeit, bis die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen in Gang gekommen ist:

Kommentar

Hartnäckiger Mehltau

Mehltau ist hartnäckig und schwer zu bekämpfen. Der Pilz ist ein treffendes Bild, um zu veranschaulichen, warum die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals...

Anfang Januar sorgten neue Enthüllungen über den Missbrauchs- und Misshandlungsskandal bei den Regensburg Domspatzen für Aufsehen. Hier können Sie den Zwischenbericht des Chefaufklärers, Rechtsanwalt Ulrich Weber, zur Untersuchung des Missbrauchsskandals im Wortlaut nachlesen. Darin ist von 231 Fällen körperlicher Züchtigung von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart die Rede. Die meisten Vergehen wurden bis 1992 in der Vorschule in Etterzhausen/Pielenhofen begangen. Außerdem liegen Weber mehr als 60 Meldungen wegen sexuellen Missbrauchs vor. 50 für das Internat in Regensburg. Darüber hinaus finden Sie ein Interview mit Domkapellmeister Roland Büchner sowie eine weiteres Interview mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Eindrücke vom Tag der offenen Tür, zu dem Chor, Gymnasium und Internat der Regensburger Domspatzen Ende Januar einluden, können Sie hier nachlesen. Am Samstag findet wieder ein Tag der offenen Tür bei den Domspatzen statt. Im Ostentor-Kino ist am Wochenende zudem in einer Sonderaufführung eine Theateraufzeichnung der brisanten Domspatzen-Revue von Franz Wittenbrink zu sehen. Zur MZ-Kritik „Ein heiterer Abend der Züchtigung“ zu eben jener Domspatzen-Revue geht es hier!

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