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Aufarbeitung

Domspatzen: Weckruf für die Prinzchen

Auf den Film „Schlafe, mein Prinzchen“ folgt eine emotionale Diskussion zwischen Missbrauchsopfern und heutigen Schülern.
von Christine Straßer, MZ

Eine Chorprobe ist die erste Szene aus der Theaterrevue „Schlafe, mein Prinzchen“, die der ehemalige Domspatz Franz Wittenbrink im Berliner Ensemble inszeniert hat.
Eine Chorprobe ist die erste Szene aus der Theaterrevue „Schlafe, mein Prinzchen“, die der ehemalige Domspatz Franz Wittenbrink im Berliner Ensemble inszeniert hat. Foto: Barbara Braun/MZ-Archiv

Regensburg.Schlafenszeit im katholischen Internat. Der Präfekt steigt in das Bett eines Jungen. Er muss sich hineinpressen. Nicht nur weil das Bett schmal ist, sondern auch weil der leibesvolle Erzieher geschätzt wohl das dreifache seines Schützlings wiegt. Dann erklingt das Agnus Dei. Es wird dunkel. Stille.

Diese Szene aus der Theaterrevue „Schlafe, mein Prinzchen“, die im Berliner Ensemble lief, gehört zu den schmerzhaftesten Momenten des Stückes. Eine Aufzeichnung des von dem ehemaligen Domspatzen Franz Wittenbrink inszenierten Abends war am Wochenende im Regensburger Ostentorkino zu sehen. 105 Minuten, die keinen Zuschauer unberührt lassen. Zu bewegend ist die künstlerische Verarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen. Das Publikumsgespräch, das sich am Sonntag an den Film anschließt, kann gar nicht anders, als lang und leidenschaftlich auszufallen.

„Ich war der im Schlafsaal im Bett“

Alexander Probst (l.) und Michael Sieber (Mitte) sprechen für die Missbrauchsopfer. Andreas Lechner hat in „Schlafe, mein Prinzchen“ mitgespielt.
Alexander Probst (l.) und Michael Sieber (Mitte) sprechen für die Missbrauchsopfer. Andreas Lechner hat in „Schlafe, mein Prinzchen“ mitgespielt. Foto: Lex

Andreas Lechner, der einerseits für die Aufzeichnung der Revue verantwortlich zeichnet und andererseits den massigen Präfekten gespielt hat, steht, als im Kino die Lichter wieder angehen, neben mehreren Missbrauchsopfern. Einer davon ist Alexander Probst. Was er erleben musste, ist in der Revue künstlerisch aufgearbeitet und zumindest teilweise dargestellt. Direkt gezeigt wird der Missbrauch nicht. Im Kopf malt ihn sich der Zuseher aber unweigerlich aus. „Der im Schlafsaal im Bett, das war ich“, sagt Probst. Die Wucht seiner Worte durchdringt den Saal wie ein Weckruf. Dafür braucht Probst gar kein Mikrofon. Seit 2010 kämpft er um Aufarbeitung. Er ist einen schmerzvollen Weg gegangen.

Es ist das erste Mal, dass Missbrauchsopfer und Schüler, die heute das Domspatzen-Gymnasium besuchen, öffentlich miteinander ins Gespräch kommen. „Wir hegen Euch gegenüber keinen Groll“, sagt Probst. „Als Schüler waren wir damals genauso wenig verantwortlich, wie ihr das heute seid“, ergänzt er. Aber sie seien an einer Schule, die die Pflicht habe, Dinge aufzuarbeiten und zuzugeben, was geschehen sei. Probst sieht Schule und Bistum in der Pflicht, den Opfern Genugtuung zu geben.

Die Theaterrevue

  • Der Macher:

    Der Musiker und Regisseur Franz Wittenbrink versucht in seinem musikalischen Abend „Schlafe, mein Prinzchen“ eine Auseinandersetzung mit dem Thema Kindesmissbrauch.

  • Die Absicht:

    Im Programmheft des Berliner Ensembles schreibt der ehemalige Domspatz Wittenbrink in einem Text zu seiner Revue: „Kindesmissbrauch ist nicht zu verhindern, gesetzlich verboten ist er ohnehin. Aber man kann eine Gesellschaft dafür sensibilisieren. Dazu möge dieser Theaterabend beitragen.”

  • Der Inhalt:

    Der erste Teil führt ins Internat der Regensburger Domspatzen. Dargestellt werden Drill und körperliche Übergriffe. Im zweiten Teil ändert sich der Schauplatz. Es geht in die Odenwaldschule, wo unter dem Deckmantel der Reformpädagogik Missbrauch stattfand.

  • Mögliches Gastspiel:

    Das Theater Regensburg prüft, die Inszenierung aus Berlin zu einem Gastspiel nach Regensburg einzuladen. Intendant Jens Neundorff von Enzberg hat mit Wittenbrink telefoniert und ihn gebeten wegen der hohen Kosten ein gutes Wort für Regensburg einzulegen. (ct)

Michael Sieber, Sprecher des Unabhängigen Archivs ehemaliger Regensburger Domspatzen, stellt heraus, dass es den Betroffenen auch um die jahrzehntelange Vertuschung des Missbrauchsskandals in Regensburg geht. Schon in den 1980er Jahren hätten sich Opfer mit Briefen an das Bistum und die Schule gewandt. Doch es sei immer wieder „weggebügelt“ worden. Er verweist auf andere Beispiele, wo es ganz anders lief und eine Aufarbeitung längst stattgefunden hat: das Canisius-Kolleg in Berlin und die Klosterschule der Benediktiner im oberbayerischen Ettal. Nach zwei Jahren hätten diese Schulen wieder Ruhe gehabt.

In Regensburg wurde die Aufarbeitung hingegen verschleppt. Deshalb ist in das, was auf die beiden jungen Domspatzen am Sonntagnachmittag einprasselt, auch sehr viel tiefe Verbitterung von Opfern gemischt. Ihre Namen möchten die beiden Schüler lieber nicht in der Zeitung lesen. Dass sie 1998 geboren seien, erklären sie. Dass sie mit dem Missbrauch nichts zu tun haben und dass es sehr schade sei, dass die Aufarbeitung nicht schon 2010 begonnen worden sei. Ein bisschen wissen sie nicht, was sie sagen sollen.

In die Ecke gedrängt: Auf die Domspatzen-Schüler und ihre Väter prasselte vieles ein.
In die Ecke gedrängt: Auf die Domspatzen-Schüler und ihre Väter prasselte vieles ein. Foto: Lex

Den Frust und die Verzweiflung der Opfer darüber, dass ihnen so lange kein Gehör geschenkt wurde, bekommen die zwei Vertreter der Schülermitverantwortung zu spüren. Mit ihren Vätern stehen die Jungen nicht nur tatsächlich in einer Ecke des Saals, sie werden auch zusehends in eine Ecke gedrängt, wenn sie aufgefordert werden, eine Demonstration zu organisieren, um Bistum und Schule zur Aufarbeitung zu drängen. Ein bisschen geht in der langen und nachvollziehbar sehr leidenschaftlich geführten Diskussion unter, dass die jungen Sänger mit einer negativen Aufmerksamkeit für ihre Schule konfrontiert sind, die sie auch überfordert. Aber zumindest stellen sie sich und setzen sich öffentlich dem aus, was Missbrauchsopfer vorzubringen haben. Das ist mehr als die Vertreter des Bistums Regensburg tun. Von dieser Seite ist niemand im Saal. Opfervertreter Sieber erklärt, was die Debatte so anheizt: Es gebe Domspatzen-Funktionäre, die 2010 geleugnet hätten, dass sie von den Vorgängen wussten. Akten belegten aber, dass sie sehr wohl darüber Bescheid gewusst haben müssen. Doch bis heute hätten sich diese Funktionäre, noch immer im Amt, nicht korrigiert. „Wenn diese Leute sich dazu durchringen könnten, dann währt ihr heute viel mehr aus dem Schussfeld“, sagt Sieber an die Schüler gerichtet.

Lesen Sie hier einen Kommentar zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen:

Kommentar

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Domkapellmeister erklärt sich

Wer sich den Film auch ansieht und in der Diskussion das Wort ergreift, sind der heutige Domkapellmeister Roland Büchner und der Chormanager Christof Hartmann. Aus ihren Schilderungen wird klar, dass der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller eine Aufarbeitung des Skandals an sich gezogen hat und angeordnet hat, dass die Domspatzen-Führung sich raushalten sollte – sich also auch nicht öffentlich äußern durfte, nicht reagieren durfte.

Im Raum bleibt die Frage, warum sie sich nicht gegen die Entscheidung aufgelehnt haben? Büchner macht die Abhängigkeiten deutlich. Die Stiftung der Domspatzen sei eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Aber die Mehrheit in dieser Stiftung hat die katholische Kirche. Er selbst sei Angestellter des Domkapitels. Der Entscheidung seines Chefs habe er zu folgen, sagt Büchner. Wenn sich ein Opfer bei ihm gemeldet habe, habe er alles versucht, das in richtiger Weise ans Bistum weiterzuleiten. Aber Einfluss habe er nicht gehabt.

Eine Frage, die eine Zuhörerin stellt: „Wo gibt es dann überhaupt einen Einfluss auf die katholische Kirche?“ Diese Strukturen stehen auf dem Prüfstand. Der Abschlussbericht des Sonderermittlers Ulrich Weber wird dazu wohl neue Einblicke liefern. Allein es wird noch dauern, bis Weber so weit ist.

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