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Domspatzen: Zwischen damals und heute

Der Tag der offenen Tür soll zeigen, dass heute alles anders ist. Für die Missbrauchsopfer ist das Vergangene weiter präsent.
von Christine Straßer, MZ

Domkapellmeister Roland Büchner bei der Vorstellung des unabhängigen Aufklärers des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen vor einem Jahr
Domkapellmeister Roland Büchner bei der Vorstellung des unabhängigen Aufklärers des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen vor einem Jahr Foto: dpa-Archiv

Regensburg.Eine Frage hat Marlene Klingseisen in den vergangenen Wochen wieder öfter gehört: „Wie kannst Du Deinen Sohn da nur lassen?“ Nicolas Klingseisen ist 17 Jahre alt und seit 2009 im Internat der Domspatzen. Er sei immer gern dort gewesen, betont seine Mutter. Auch 2010 als der Missbrauchsskandal öffentlich wurde, habe sie „keine Sekunde“ mit dem Gedanken gespielt, ihn aus der Schule zu nehmen. Für Marlene Klingseisen und ihren Mann Reinhard sind das zwei verschiedene Dinge: die „Verbrechen von damals, die endlich aufgeklärt werden müssen“, und der Erziehungsstil, der heute bei den Domspatzen praktiziert werde. Wenn sie sich mit Sorgen oder Problemen an einen Erzieher oder Lehrer bei den Domspatzen wenden, hätten sie noch nie das Gefühl gehabt, beschwichtigt zu werden, erzählt das Ehepaar aus Blaibach (Lkr. Cham). Auch in Bezug auf den Missbrauchsskandal werde seitens der Domspatzen-Leitung sehr offen mit den Eltern umgegangen.

Der Chor steht im Zentrum

Nicolas Klingseisen ist gerne Domspatz.
Nicolas Klingseisen ist gerne Domspatz. Foto: ct

Nicolas selbst sagt, dass ihm wichtig sei, festzustellen, dass der Missbrauchsskandal nicht den aktuellen Chor betreffe. Er singe gerne, habe ein gutes Verhältnis zu den Erziehern und mit der Berufsfeuerwehr, die unmittelbar neben dem Internat stationiert ist, könne er sehr einfach seiner Leidenschaft für alles, was mit der Feuerwehr zu tun hat, frönen. Der 17-Jährige berichtet von großen Freiräumen, die er habe – „solange der Chor nicht zu kurz kommt“, schiebt er nach. Er bestätigt auf Nachfrage, dass für musikalische Höchstleistungen, wie sie vom Konzertchor der Domspatzen erbracht werden, Disziplin nötig sei. Herumblödeln während der Probe gehe nicht. Dann könne es schon mal passieren, dass sie der Domkapellmeister mit „bösen Blicken“ bedenke, sagt er. Das äußerste sei, dass er den Klavierdeckel zuschlage. „Dann wissen wir alle, dass wir uns wieder konzentrieren müssen“, fügt Nicolas hinzu. „Aber wir lachen auch viel gemeinsam und haben Spaß.“ Durch den Chor komme er in Länder, die er sonst nie gesehen hätte. Beim Besuch des Bundeskanzleramtes in Berlin hätten sie im Stuhl von Angela Merkel Platz nehmen dürfen. „In welcher anderen Schule kann man das schon?“, fragt der 17-Jährige. Und was die Schule aus seiner Sicht ganz besonders kennzeichne, sei der große Zusammenhalt.

Wenig Empathie zu spüren

Einer derjenigen, die dieser Zusammenhalt nicht einschließt, ist Michael Sieber. Er gehört zur Leitung der „Gesellschaft gegen das Vergessen“, eine Gruppe von ehemaligen Domspatzen, die für Missbrauchsopfer spricht. Was er vor allem spürt ist Ausgrenzung. Das liege zum einen daran, dass er das Domspatzen-Internat nach der zehnten Klasse verlassen habe. Sein Abitur machte er an einer staatlichen Schule. Auf Ehemaligentreffen gehörten solche ehemaligen Domspatzen wie er dann eigentlich nicht dazu, „weil sie haben ja nicht durchgehalten“. Zum anderen ist auch die Siebers Schilderungen zufolge nicht vorhandene Solidarität mit den Opfern eine Form der Ausgrenzung. Seit 2010 engagiere er sich unentgeltlich, um das Leid der Opfer öffentlich zu machen. In all den Jahren habe er von ehemaligen Domspatzen, die keine Gewalt erlebt haben, unzählige Zuschriften erhalten. In gerade einmal zwei Emails sei den Opfern gegenüber Empathie zum Ausdruck gebracht worden.

„Natürlich wird bei den Domspatzen heute nicht mehr geprügelt“, sagt Sieber. Aber er bezweifelt, dass sich am Geist innerhalb der Einrichtung sehr viel geändert hat. Ein Konzert des Chores könne er sich bis heute nicht anhören, sagt er. Er wisse, dass es Opfer gebe, die den Gesang genießen können. Sein Kopf wäre aber sofort voll mit der Befürchtung, dass die Jungen womöglich unter psychischem Druck stehen, dass es eine Form von Mobbing gebe, das auch vonseiten der Lehrer ausgehe.

Singen, Sport und Technik

Marlene Klingseisen ist sich sicher, dass ihr Sohn bei den Domspatzen in guten Händen ist.
Marlene Klingseisen ist sich sicher, dass ihr Sohn bei den Domspatzen in guten Händen ist. Foto: ct

Domkapellmeister Roland Büchner wiederholte vor drei Wochen die Entschuldigung gegenüber allen Opfern. Der Zwischenbericht, den der Chefaufklärer, Rechtsanwalt Ulrich Weber, vorgelegt habe, habe ihn zutiefst erschüttert. Am Samstag laden die Domspatzen nun zu einem Tag der offenen Tür ein. Interessierte Jungen und ihre Eltern können an einer öffentlichen Chorprobe teilnehmen und sich über Gymnasium und Internat informieren. Chormanager Christof Hartmann spricht von einer neuen Werbelinie. „Wir wollen vermitteln, dass Domspatz nicht heißt, dass man den ganzen Tag singen muss“, sagt Hartmann. Vielmehr werde auch in den Bereichen Sport und Technik viel geboten. Jeder Schüler werde individuell gefördert. Marlene Klingseisen bestätigt das Engagement der Schule. Sie sagt: „Die Domspatzen haben einen respektablen jungen Mann aus meinem Sohn gemacht.“

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