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Atomkraft

Entwarnung nach Störfall in Temelin

In Bayern wird keine erhöhte Radioaktivität gemessen. Grünen-Chef Hallitzky fordert dennoch Aufklärung durch ein Expertenteam
Von Isolde Stöcker-Gietl und Christine Schröpf, MZ

Das Atomkraftwerk in Tschechien. Vor mittlerweile zwei Wochen gab es dort einen Störfall, bei dem entwichene Radioaktivität auf dem Dach des sogenannten Block II nachgewiesen wurde.
Das Atomkraftwerk in Tschechien. Vor mittlerweile zwei Wochen gab es dort einen Störfall, bei dem entwichene Radioaktivität auf dem Dach des sogenannten Block II nachgewiesen wurde. Foto: dpa

Temelin.Ein Störfall im tschechischen Atomkraftwerk Temelin sorgt in Bayern für Verunsicherung. Bereits am 26. Juni war es dort zu einem Austritt von Radioaktivität gekommen – doch erst eine Woche später wurde der Vorfall über die Medien auch in Deutschland publik. Auch das bayerische Umweltministerium erfuhr auf diesem Weg über den Zwischenfall, weitere Details am 7. Juli über eine Internetinformation des tschechischen staatlichen Amtes für Reaktorsicherheit, bestätigte am Mittwoch ein Sprecher von Umweltministerin Ulrike Scharf. Nach einem deutsch-tschechischen Abkommen müsse Tschechien nur bei Störfällen mit Gefahren für die Bevölkerung die Nachbarländer informieren. In Deutschland werde in diesem Fall das für nukleare Sicherheit zuständige Bundesministerium für Reaktorsicherheit (BMUB) alarmiert, dass die Informationen dann weitergebe. Im aktuellen Fall sei die Bundesregierung von den tschechischen Stellen laut Mitteilung des BMUB nicht über das Ereignis unterrichtet worden.

Probleme mit Dampferzeuger

Nach Angaben der tschechischen Kernkraftwerksbetreibern war es im Reaktorblock 2 zu Problemen mit dem Dampferzeuger gekommen. Dort sei eine „Undichtigkeit“ zwischen dem radioaktiven primären und dem sekundären Kühlkreislauf aufgetreten. Die Anlage sei inzwischen trockengelegt, das rund einen Zentimeter große Loch werde repariert. Auf dem Dach des Reaktorblocks seien radioaktive Werte zwischen 0,8 und 0,25 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden. „Das entspricht der Strahlenbelastung, der ein Passagier bei einem Langstreckenflug ausgesetzt ist“, so Kraftwerk-Sprecher Marek Svitak.

In Bayern und Österreich wurde bisher keine erhöhte Radioaktivität festgestellt, hieß es am Mittwoch aus dem bayerischen Landesamt für Umwelt. Man werde die Messwerte aber „weiterhin sorgfältig beobachten“. Zudem wollen auch in Regensburg mit Radioaktivität befasste Physiker Messungen auswerten. Regensburg liegt Luftlinie nur 165 Kilometer von Temelin entfernt.

Der bayerische Grünen-Chef Eike Hallitzky forderte am Mittwoch eine lückenlose Aufklärung des Störfalls durch ein internationales Expertenteam und appellierte an die bayerische Staatsregierung, sich dieser Position anzuschließen. Er erneuerte seine grundsätzlichen Zweifel an den Sicherheitsstandards des Atomkraftwerkes. „Unsere fundamentale Kritik am Weiterbetrieb älterer oder gar am Bau neuer Reaktoren in Tschechien ist sehr begründet und damit auch der Widerstand der bayerischen Bevölkerung gegen diese unkalkulierbaren Risiken vor unserer Haustüre.“ Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger bezeichnete die Kernenergie als „lebensgefährliche Technik, die nicht beherrschbar ist und weltweit vom Netz muss“. Störfälle gehörten in Atomkraftwerken leider zum Alltag. Der Oberpfälzer SPD-Vorsitzende Franz Schindler sprach von einer ernsten Situation, die beweise, wie richtig der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland ist. „Der radioaktive Bereich eines Kernkraftwerks muss hermetisch abgeriegelt sein. Eine Undichtigkeit zwischen den beiden Kreisläufen ist nicht harmlos.“

Umweltschützer fordern von den Temelin-Betreibern weitere Auskünfte zum Störfall – vor allem wie Radioaktivität bis zum Dach entweichen konnte. Die Informationen seien bisher lückenhaft. Unklar sei etwa, an welcher Stelle genau gemessen worden sei. Grünen-Chef Hallitzky teilt nach eigenen Worten die Auffassung des oberösterreichischen Anti-Atom-Beauftragten Dalibor Strasky, dass die Radioaktivität über das System des Entlastungsdampfes entwichen ist. „Dies würde aber bedeuten, dass es schon vorher zu Freisetzungen kommen musste, nicht erst jetzt bei der Wiederinbetriebnahme nach dem Brennelementewechsel, wie vom Betreiber behauptet wird.“

Nur unvollständig informiert?

Für Hallitzky steht fest, dass die Verantwortlichen in Temelin nicht nur zu spät, sondern auch unvollständig informiert haben. „Das mag daran liegen, dass hier vorsätzlich ein erkannter Zusammenhang verschwiegen wird oder daran, dass die tschechische Atomaufsicht selbst nicht weiß, was in Temelin los ist. Beides dient nicht dazu, sich sicher zu fühlen.“ Ähnlich äußerte sich Reinhard Uhrig, Atom-Sprecher der österreichischen Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000: „Wir hören von unseren tschechischen Partnern, dass die Behörden den Zwischenfall verharmlosen und herunterspielen, so wie dies auch bei den letzten schweren Zwischenfällen im AKW Dukovany der Fall war.“ (is/ig)

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