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Handwerk

Kreative Manufakturen aus der Heimat

Der Bayerische und Oberpfälzer Wald hat viel mehr zu bieten als schöne Landschaften, Glasbläser und Schnupftabak.
von Kerstin Hafner

Wer an der Wollverarbeitung interessiert ist, kann sich bei Sonja Schreiber anmelden und bei der Verarbeitung zusehen. Aus feiner Alpakawolle entstehen so Produkte von Decken bis Schals und Mäntel. Fotos: Hafner/Schreiber
Wer an der Wollverarbeitung interessiert ist, kann sich bei Sonja Schreiber anmelden und bei der Verarbeitung zusehen. Aus feiner Alpakawolle entstehen so Produkte von Decken bis Schals und Mäntel. Fotos: Hafner/Schreiber

Regensburg.Als lebende Rasenmäher mit plüschigen Wuschelköpfen zogen 2001 die ersten Alpakas bei Sonja und Karl-Heinz Schreiber im kleinen Ort Sicking nahe Deggendorf ein, heute liefern die schnuckeligen Wollproduzenten das watteweiche Ausgangsmaterial für kuschelige Oberbekleidung, Hüte, Mützen und Babyschuhe, Decken, Schals, Strickgarn oder Schuheinlagen. In den Regalen des kleinen Hofladens finden sich viele Unikate, bunt eingefärbt oder in den 22 verschiedenen natürlichen Wollfarben der Andenkamele. Wer Zeit hat, auf das Produkt zu warten, kann sich sogar ein bestimmtes Tier der Herde aussuchen und die Wolle der nächsten Schur für den eigenen Pullover bestellen. Mehr Individualität und Authentizität geht nicht.

Sonja Schreiber erklärt, wie die Familie auf den Kameltrip kam: „Wir haben im Jahr 2000 den Hof meiner Eltern übernommen und wollten eine Alternative zur Rinderhaltung für die relativ kleinen und hügeligen Flächen. Unsere Ziegen büxten ständig aus und der Bock von Nachbars Schafen war ziemlich ungemütlich.“

„Ein Alpaka-Pullover kann sehr dünn sein, doch gleichzeitig wärmend, aber man schwitzt nie darin. Genauso verhält es sich mit Bettdecken.“

Sonja Schreiber

Etwas Friedfertiges musste her, denn es war schon das erste Kind im Anmarsch. Via Google entdeckte man die südamerikanischen Kleinkamele, eine der ältesten Haustierrassen der Welt. Während das Lama von den Inka als Lasttier genutzt wurde, ist das zierlichere Alpaka über Jahrhunderte speziell auf feinste Wolle selektiert worden. „In ihrer Heimat leben die Tiere auf Hochebenen um die 4000 Meter. 300 Tage im Jahr herrscht dort oben nachts strenger Frost, tagsüber aber oft 20 Grad plus.“ Ein biologischer Anpassungsprozess an dieses Klima hat die Alpakawolle extrem atmungsaktiv und klimaausgleichend werden lassen. „Davon profitiert auch der Mensch“, weiß Sonja. „Ein Alpaka-Pullover kann sehr dünn sein, doch gleichzeitig wärmend, aber man schwitzt nie darin. Genauso verhält es sich mit Bettdecken.“ Die neuen Rasenmäher brachten also einen Mehrwert mit.

. Aus feiner Alpakawolle entstehen Produkte von Decken bis Schals und Mäntel. Fotos: Hafner/Schreiber
. Aus feiner Alpakawolle entstehen Produkte von Decken bis Schals und Mäntel. Fotos: Hafner/Schreiber

Heute leben meist um die 20 Stuten, Hengste und Fohlen auf dem Hof. Sogar das Scheren übernimmt das Ehepaar selbst. Was bei den Tieren angenehm auffällt: Sie müffeln nicht, weil ihr Fell kein Wollfett enthält wie beispielsweise das der Schafe. Alpakas riechen immer angenehm und ihre glatte, feine Wolle ist quasi selbstreinigend. Sobald die Tiere trocken sind, fällt Schlamm durch einfaches Schütteln von ihnen ab. Diese praktischen Eigenschaften bleiben in Alpaka-Kleidung erhalten. Sie nimmt keinerlei Gerüche an und Flecken lassen sich im trockenen Zustand leicht ausbürsten.

Obwohl die Produktion der exotischen Verkaufsartikel in drei verschiedene Manufakturen (Bekleidung, Bettdecken, Schuheinlagen) ausgelagert ist, können interessierte Besucher die Wollverarbeitung nach telefonischer Voranmeldung (09901-7155) vom Kämmen bis zum Spinnen miterleben; Sonja Schreiber bietet diverse Kurse an. Auch Schulklassen kommen im Rahmen des vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium geförderten Programms „Lernort Bauernhof“ auf den Alpakahof Schreiber. Zudem öffnet der Hof für Kindergeburtstage und Seniorenausflüge seine Pforten. Auch Menschen, die einfach nur ihre Seele baumeln lassen möchten, sind (nach Absprache) gern gesehene Gäste und dürfen sich in der Idylle des Bayerwaldes mit den schüchternen Bolivianern anfreunden. „Was wir nicht machen, sind Alpaka-Wanderungen“, betont Sonja Schreiber.

Regionaler Botschafter der Oberpfalz – Zoiglbier-Dressing aus der Weidener Dorfküche

Wie aus einer nächtlichen „Schnapsidee“ ein gutes Geschäft mit beschwipstem Salatdressing wird, zeigt die Geschichte der Weidenerin Silvia Kaiser.
Wie aus einer nächtlichen „Schnapsidee“ ein gutes Geschäft mit beschwipstem Salatdressing wird, zeigt die Geschichte der Weidenerin Silvia Kaiser.

Wie aus einer nächtlichen „Schnapsidee“ ein gutes Geschäft mit beschwipstem Salatdressing wird, zeigt die Geschichte der Weidenerin Silvia Kaiser. In ihrer „Dorfküche“ stellt sie bis heute alle Produkte selbst her. Aktuell liefert sie nach ganz Deutschland sowie Österreich und baut deswegen sogar ihre Produktionsstätte aus. „Schon als Kind habe ich mir viel von meiner Mama, einer absoluten Vollblutköchin, abgeschaut. Und kurz nachdem mein Mann sich selbständig gemacht hatte, kam mir eines Nachts die Idee, das auch zu versuchen – mit einem individuellen Produkt, das auf einer lokalen Spezialität beruhte: Zoiglbier-Dressing.“ Sie lacht: „Viele haben gesagt: Du spinnst. Darauf lässt sich doch keine Selbständigkeit aufbauen. Nur mein Mann hat mich bestärkt. Und so hab’ ich es probiert.“ Noch ohne fertige Kreation bewarb sie sich mit der Idee beim Spezialitätenwettbewerb der Metropolregion Nürnberg und wurde tatsächlich eingeladen, ihr Dressing zu präsentieren. „Da hatte ich noch keine einzige fertige Flasche abgefüllt, kein Logo, keine Etiketten, keinen Namen für mein Geschäft“, erinnert sie sich grinsend.

„Viele haben gesagt: Du spinnst.“

Silvia Kaiser

Wie gut, dass der Gatte eine Werbeagentur betreibt und ihr unter die Arme griff. „Als Logo nahmen wir ein Foto vom Bauernhof meiner Eltern, der Name ‚Dorfküche‘ erschien passend dazu. Ebenso der Slogan ,Hersteller für bierige Feinkost‘.“ Einen Tag vor dem Wettbewerb kamen die bestellten Flaschen-Etiketten per Post. Und prompt wurde Silvias Zoiglbierdressing ausgezeichnet, kam unter die Top 60 von 600 getesteten Produkten – und erhielt den Titel Regionaler Botschafter für die Oberpfälzer Heimatküche. „Zoiglbier ist in unserer Gegend eben Kult“, verrät die findige Köchin aus Frauenricht, die sich ihre Idee patentieren ließ. „Von da an hatte ich eine gute Basis zur Vermarktung. Der Zehn-Liter-Glühweintopf, in dem ich die ersten Abfüllungen gemixt habe, ist mittlerweile einer professionellen Anlage gewichen. Oft trage ich während des Herstellungsprozesses ein Headset und telefoniere mit potenziellen Vertriebspartnern. Manchmal rufen auch Kunden an und bedanken sich für die Kreation. Eine ganz liebe Düsseldorferin zum Beispiel lobt mein Dressing immer wieder, wenn sie nachbestellt. Das freut mich besonders, denn sie ist eine äußerst weltgewandte Frau, die schon viele Länder bereist hat und deren landestypische Küchen kennt.“ Die ganze Familie packt mit an, der Vater zum Beispiel bringt die versandfertigen Kisten zur Post. „Die sind mir selbst mittlerweile einfach zu schwer, weil die bestellten Mengen größer geworden sind.“

Aus dem Instant-Erfolg sind weitere Produkte entstanden, zum Beispiel die Biermalz-Busserl (Kekse), diverse Dips (Dipferl genannt), ein Bier-Ketchup, Grillgewürze mit Malz oder der „Salatrausch“, ein Whiskey-Bier-Honig-Kräuter-Dressing. Viel Arbeit für Silvia Kaiser, denn nach wie vor ist alles hausgemacht.

Steinpilzgeist, Teufelskrallenlikör & Co. – ungebremste Experimentierfreude in Arrach

Von seinem Vater Alois hat Reinhard Drexler die Liebe zum Bärwurz geerbt.
Von seinem Vater Alois hat Reinhard Drexler die Liebe zum Bärwurz geerbt.

Von seinem Vater Alois hat Reinhard Drexler die Liebe zum Bärwurz geerbt. Der Schnaps aus der heimischen Heilpflanze wird im Bayerischen Wald schon seit Hunderten von Jahren destilliert, zunächst nur für den Hausgebrauch, später auch für den Verkauf. Heute ist die urige Steingutflasche ein bei Urlaubern beliebtes Mitbringsel für die Daheimgebliebenen. Oft wird übers Internet nachbestellt. Auf der Homepage der Bärwurzerei und Obstbrennerei Drexler finden sich neben Bärwurz, Blutwurz und Obstler viele ausgefallene Produkte „made im Woid“. Selbst an Whisky, Gin und Rum hat sich der Hausherr gewagt. „Warum nicht“, lacht er. „In Schottland und in der Karibik kochen sie auch nur mit Wasser.“ Drei Goldmedaillen 2017 bei der Destillata für seinen Single Malt, Pure Rye und Whisky- Likör sowie eine Goldmedaille 2018 für seinen No. 1 Single Cask sprechen Bände.

Auch Drexlers Steinpilzgeist wurde schon ausgezeichnet – mit einer Silbernen 2010. Schnaps aus Schwammerl? Das musste die Sonntagszeitung testen. Und siehe da: Das Stamperl riecht tatsächlich vollmundig nach dem König der Pilze. Im Geschmack ist der 40-prozentige Geist eher mild – etwa im Vergleich zum kräftigen exotischen Topinambur-Geist. Drexler verarbeitet nicht nur heimische Gewächse. Seiner Experimentierfreude sind keine Grenzen gesetzt. Manchmal geht das auch schief, wie er unumwunden zugibt. Deswegen hat der Mann auch einige Schnapsleichen im Keller: „Bärlauchgeist haben wir mal versucht. Aber der schmeckt furchtbar. Und der Kaffeegeist hat das Aroma eines vollen Aschenbechers.“ Spricht’s und grinst unbekümmert. Denn viele Versuche sind eben auch schon wohl gelungen, zum Beispiel der seltene Walnussgeist, der feinherbe Vogelbeergeist oder der zum Flambieren geeignete 56-prozentige Hopfenlikör. Selbst ein Schnaps aus Bergwiesenheu hat seine Liebhaber.

„Bärlauchgeist haben wir mal versucht. Aber der schmeckt furchtbar.“

Reinhard Drexler

„Wir haben unsere Produkte schon nach Neuseeland und in die USA geschickt“, erzählt Drexler, der gemeinsam mit seinem Vater 1983 das Schnapsbrennen begann. Und zwar in der heimischen Garage.

Mittlerweile ist die Manufaktur auf zwölf Mitarbeiter angewachsen. 2014 baute er ein eigenes Whisky-Lager. Und obwohl inzwischen pro Jahr rund 37000 Liter 100-prozentigen Alkohols zu mehr als 80 Produkten verarbeitet werden, setzt Drexler immer noch auf Handarbeit. Der Chef macht die Kräuterauszüge für seine Spezialitäten selbst und steht täglich an der Destille oder am Maischebottich. Die Früchte und Kräuter stammen weitestgehend aus dem Bayerischen Wald, aus Obstgärten in Arrach, bei Straubing und Mitterfels. Was hier nicht wächst, wird zugekauft: zum Beispiel die exotische Basis für Drexlers Granatapfel-Likör oder den Topinambur-Geist. „Ein Kunde aus Baden hat mich auf die Idee gebracht. Dort ist die Sonnenblumen-Kartoffel schon länger bekannt“.

Im Laden arbeiten Drexlers Frau und seine beiden Töchter. Die ganze Familie denkt sich Namen für neue Kreationen aus, die natürlich auch immer regionale Verbundenheit ausdrücken sollen – zum Beispiel mit dem Naturschutzgebiet Arracher Moor. Es gehört zu den letzten Hochmooren Bayerns. Ein 50-prozentiger Kräuterlikör mit Teufelskralle wurde deswegen Arracher Moorteufel getauft, das fruchtige Pendant für die holde Weiblichkeit, ein Wildfruchtlikör, heißt Moorhexe.

Rustikal oder schillernd: Hirsch- und Fischleder aus Bad Kötzting

Thomas „Snud“ Kernbichl verwendet nur regionale Leder und verarbeitet sie sorgfältig. Dafür halten seine Produkte wie Taschen, Flip-Flops oder Lederhosen Jahrzehnte lang. Fotos: Kernbichl
Thomas „Snud“ Kernbichl verwendet nur regionale Leder und verarbeitet sie sorgfältig. Dafür halten seine Produkte wie Taschen, Flip-Flops oder Lederhosen Jahrzehnte lang. Fotos: Kernbichl

Ein besonders kreativer Kopf mit Sinn für außergewöhnliche Designs ist Thomas Kernbichl, der Lederschneider von Bad Kötzting. In seinem kleinen Ladengeschäft und Online-Shop bietet der Mann mit dem Spitznamen „Snud“ eine breite Produktpalette handgefertigter Unikate, häufig aus besonders hochwertigen Raritäten wie Hirsch-, Strauß-, Springbock- oder Fischhäuten. „Hirschleder ist recht selten am Weltmarkt. Oft muss ich ein Vierteljahr warten, bis ich welches bekomme. Und meines Wissens nach bin ich weit und breit der Einzige, der Fischleder verarbeitet.“

Auf dieses Material ist er über das Viechtacher Fischleder-Museum gestoßen. „Die haben damals jemanden gesucht, der solches Leder für sie bearbeitet – ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als ich mich mit der Lederschneiderei selbständig gemacht habe.“ Das war 2004.

Zuvor war Kernbichl in die Fußstapfen seines Vaters getreten und hatte eine klassische Schneiderlehre absolviert. „Irgendwann habe ich mir meine erste Lederhose geschneidert, dann welche für Freunde, dann kamen die ersten Handtaschen dazu …“ Und jetzt betreibt er eine gut gehende Manufaktur im Bayerischen Wald, verarbeitet ausschließlich bayerische Leder, die chemiefrei gegerbt wurden, und hat Stammkundschaft aus Nürnberg oder München. „Manche Kunden nehmen noch weitere Anfahrtswege auf sich, aber natürlich kaufen auch Bayerwald-Urlauber bei mir ein. Anfangs lief alles über Mund-zu-Mund-Propaganda, mittlerweile habe ich mir einen ganz guten Ruf erarbeitet.“

Weil er ein Individualist ist. Einer, der alles selbst herstellt und aus Prinzip nichts zukauft, um damit zu handeln. Einer, der gegen die Wegwerfgesellschaft rebelliert und ebenso langlebige wie hochwertige Produkte herstellt, die Jahrzehnte halten. „Hirsch- und Fischleder zum Beispiel sind extrem reißfest und stabil, Hischleder ist dabei elastisch wie Stretch, Fischleder sehr dünn und ein Leichtgewicht“, sagt der Fachmann und man hört die Leidenschaft für das exklusive Material deutlich heraus. „Beim Fisch kommen die Vielfalt der Farben und die schillernde Optik hinzu. Außerdem arbeitet man da mit mehreren kleinen Lederstücken, kann dementsprechend leicht die Farben mischen und daraus die irrsten Sachen machen.“ Während in den letzten Jahren im Schmuckbereich Rochenlederbänder Einzug gehalten haben, verwendet Kernbichl meist Lachs, selten auch Stör.

Fischleder mutet ebenso exotisch an wie Reptilienleder. Verarbeitet wird alles auf einer „uralten Singer-Nähmaschine, die ich mal von einem Schuster erstanden habe“, erklärt Kernbichl. „Man muss immer schön vorsichtig arbeiten, denn Leder verzeiht keine Fehler.“

Seine Arbeiten sind nicht nur im Fischledermuseum Viechtach ausgestellt, sondern auch im Deutschen Ledermuseum und sogar in zwei Naturvölker-Museen auf der japanischen Nordinsel Hokkaido. In Japan und Sibirien ist Fischleder ein traditionelles Material indigener Völker. Bei Snud bekommt man Schmuck, Taschen, Gürtel, Westen, Geldbörsen, Flip-Flops, Handyhüllen, Messer-Etuis oder eben … Lederhosen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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