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Kirche

Missbrauchsbeauftragter legt Zahlen vor

Laut dem Bericht von Martin Linder haben in der Diözese Regensburg bislang 30 Opfer sexualisierter Gewalt eine Entschädigung bekommen.
von Christine Strasser, MZ

  • Der Missbrauchsbeauftragte der Diözese Regensburg hat seinen ersten Tätigkeitsbericht vorgelegt. Foto: dpa-Archiv
  • Martin Linder ist seit November 2013 Missbrauchsbeauftragter der Diözese Regensburg. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Der Missbrauchsbeauftragte der Diözese Regensburg, Martin Linder, hat in seinem ersten Tätigkeitsbericht Zahlen für die Jahre 2011 bis 2014 vorgelegt. Laut Bistumsleitung wurden demnach insgesamt 158.500 Euro an 30 Missbrauchsopfer ausgezahlt, wie Linder am Montag mitteilt. Seine wichtigste Aufgabe sei es gewesen, abgerissene Gesprächsfäden wieder zu finden und Opfer bei dem Antragsverfahren auf Anerkennung des Leids zu begleiten und zu unterstützen. Linder geht davon aus, dass sich bisher nur eine Minderzahl der Opfer an die Diözese gewandt hat, um einen Antrag zu stellen.

Die Verletzungen bleiben

Linder ist seit November 2013 Ansprechpartner des Bistums Regensburg für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs. Seine Vorgängerin Birgit Böhm, die das Amt seit 2008 innehatte, war im Mai 2013 verstorben. Eine Reihe von Antragstellern, deren Verfahren auf Anerkennung des Leids noch nicht abgeschlossen war, musste also Vertrauen in einen neuen Gesprächspartner fassen. „Die Verletzungen, die diese Menschen erfuhren, bleiben“, macht Linder deutlich. „Hinwegnehmen lassen sie sich nicht.“ Ziel des Antragsverfahrens sei es, dazu beizutragen, dass ein Betroffener vielleicht leichter mit ihnen seinen Frieden schließen kann, wenn sie angenommen, eingestanden und anerkannt werden.

Seit Anfang 2010 Jesuiten offen über Missbrauchsfälle an dem von ihnen geführten Kolleg in Berlin sprachen, gab es eine Welle von Berichten über derartige Grenzüberschreitungen von Geistlichen. Sie erfasste auch das Bistum Regensburg. Linder zufolge meldeten sich Menschen zu Wort, die bis dahin unbekannte Beschuldigungen vorbrachten. Nach Jahrzehnten des Schweigens fanden sie die Kraft, sich zu äußern. Die Beschuldigten waren in den meisten Fällen zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. Die Beschuldigungen ließen sich deshalb nicht mehr straf- oder kirchenrechtlich klären. Dennoch sollten die Aussagen dieser Personen aufgegriffen werden. Dazu richtete die katholische Kirche ein Verfahren ein. Linder beschreibt dabei seine Aufgabe als Missbrauchsbeauftragter so: Er begleite und berate Opfer dabei, Erlebtes in Vorwürfen zu präzisieren, alle wichtigen Informationen zu sammeln und das Ganze in eine rechtsförmige Gestalt zu bringen. Meist reiche die so erarbeitete Zusammenstellung aus, um eine hinreichende Plausibilität zu erweisen. Linder weist aber ausdrücklich darauf hin, dass diese Plausibilitätsprüfung nicht zu dem Ergebnis führt, Straftaten rechtswirksam festzustellen und zu verurteilen.

13 Geistliche verurteilt

Generalvikar Michael Fuchs stellte Linder auch Zahlen bezüglich der Täter zur Verfügung. Von 1945 bis heute wurden demnach von den etwa 2380 tätigen Geistlichen in der Diözese Regensburg 13 Geistliche wegen sexueller Straftaten an 77 Minderjährigen in der Diözese verurteilt, davon zwei wegen Besitzes von kinderpornographischem Materials und einer wegen sexueller Straftaten an 25 Minderjährigen in zwei Pfarreien Anfang der 50er Jahre. Von diesen 13 Geistlichen leben noch acht. Zwei davon wurden laisiert, das heißt aus dem Klerikerstand entlassen. Die übrigen sechs sind suspendiert.

Ein kirchenrechtliches Verfahren – aus strafrechtlicher Sicht sind die Vorwürfe verjährt – läuft derzeit wegen einer Beschuldigung einer Tat in den frühen 1970er Jahren. Der Beschuldigte ist suspendiert. In einem weiteren Fall ist trotz des Todes des Beschuldigten auf Grund mehrerer, voneinander unabhängiger Beschuldigungen von einer juristisch vergleichbaren Sicherheit auszugehen. Drei kirchenrechtliche Verfahren führten – nach staatsanwaltschaftlicher Befassung ohne Urteil oder Strafbefehl – zur Einstellung des kirchenrechtlichen Verfahrens mangels Beweisen.

Zu Linders Tätigkeitsbericht gehört auch der Vorschlag, wieder eine Frau als weitere Missbrauchsbeauftragte zu berufen. Die Wahl zu haben könne es leichter machen, sich zur Antragstellung zu entschließen.

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Massnahmen zur Prävention

  • Schulungen:

    Rund 1070 hauptamtliche Mitarbeiter der Diözese, die bei ihrer Arbeit Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen haben, wurden seit Oktober 2013 zur Prävention von sexualisierter Gewalt geschult.

  • Erweitertes Führungszeugnis:

    Von allen hauptamtlichenMitarbeitern der Diözese, die im Kontakt mit Kindern, Jugendlichen oder Schutzbefohlenen stehen, werden ein erweitertes Führungszeugnis und eine Selbstverpflichtungserklärung eingeholt. Im Bereich der Ehrenamtlichen der Pfarreien und Verbände wird seit 2014 ein erweitertes Führungszeugnis gefordert.

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