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Oberpfalz
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Theater

Missbrauchsstück im Schatten des Doms

Das Berliner Ensemble gastiert mit „Schlafe, mein Prinzchen“ in Regensburg. Die regionale Nähe bringt besondere Intensität.
Von Christine Straßer, MZ

Andreas Lechner (Mitte) spielt im Stück „Schlafe, mein Prinzchen“ einen Präfekten.
Andreas Lechner (Mitte) spielt im Stück „Schlafe, mein Prinzchen“ einen Präfekten. Foto: Barbara Braun

Regensburg.Ab dem Mittwoch wird am Berliner Ensemble wieder für den Liederabend „Schlafe, mein Prinzchen“ geprobt. Andreas Lechner ist als Schauspieler dabei. Er verkörpert unter anderem einen Präfekten, der in einem katholischen Internat Sängerknaben schlägt und sich auch sexuell an ihnen vergeht. Am Dienstag (12.7.) steht Lechner in dieser Rolle auf der Bühne im Theater Regensburg, wo er die Zuschauer unweit des Regensburger Domes vielleicht noch intensiver berühren wird, als das Publikum in der Hauptstadt.

Regisseur Franz Wittenbrink hat in dem Stück nicht nur eigene Erfahrungen bei den Domspatzen verarbeitet, sondern auch die weiterer Opfer. Diese regionale Nähe ist auch den Schauspielern mehr als bewusst. „Das lässt einen nicht kalt“, sagt Lechner.

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Betroffenheit im Kino

Er hat das schon erlebt, als er im Frühjahr mit der von ihm produzierten Aufzeichnung von „Schlafe, mein Prinzchen“ im Ostentorkino zu Gast war. Irgendwie „elektrisch“ sei die Luft während der Filmvorführung gewesen, beschreibt Lechner die Atmosphäre von damals. Fürs Kino wollte Lechner nicht einfach das Bühnengeschehen abfilmen. Tatsächlich werden kaum Totalen gezeigt. Die vier Kameras gehen vielmehr sehr nah ran an das Geschehen.

Für die Umsetzung erntete Lechner Lob aus der Branche. Dennoch kann der Film im Moment nicht mehr im Kino gezeigt werden. Das liegt an den hohen Preisen für die Musikrechte vor allem für Songs der Rolling Stones und der Beatles, die im Stück dargeboten werden. Im Theater können die Songs benutzt werden. Das ist durch das kleine Bühnenrecht abgedeckt. Auch Fernsehsender könnten „Schlafe, mein Prinzchen“ ausstrahlen, denn sie haben einen Generalvertrag über eine Pauschalvergütung mit der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema). Um den Film auch wieder ins Kino zu bringen, hat Lechner nun einen neuen Weg eingeschlagen. Die berühmten Musiktitel werden durch eigens dafür komponierte Musik ausgetauscht und die Vokals mit neuen Texten lippensynchron synchronisiert, womit eigens Liedtexter beauftragt sind. An Weihnachten soll die Neuvertonung abgeschlossen sein. Regisseur Wittenbrink gab für dieses Vorhaben seine Zustimmung.

Das Gastspiel in Regensburg ist also vorläufig die einzige Möglichkeit, um „Schlafe, mein Prinzchen“ zu sehen. Nach acht Vorführungen war das Stück am Berliner Ensemble abgesetzt worden, obwohl es vom Publikum positiv aufgenommen worden war. Bei der Uraufführung hatte es immer wieder Szenenapplaus und langanhaltende Ovationen am Schluss gegeben.

Aufarbeitung des Skandals

  • Die Untersuchung

    Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber untersucht derzeit den Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen. Beauftragt wurde er vom Bistum und den Domspatzen. Sein Abschlussbericht steht noch aus.

  • Der Fokus

    In Webers Fokus stehen Fälle sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt. Betroffen sind die Vorschule in Pielenhofen/Etterzhausen und das Internat der Domspatzen in Regensburg.

  • Das Aufarbeitungsgremium

    Begleitet wird Webers Arbeit von einem Aufarbeitungsgremium, dass im Februar erstmals zusammentrat. Neben Bischof Rudolf Voderholzer, Domkapellmeister Roland Büchner und Internatsdirektor Rainer Schinko ist das Gremium mit drei Opfervertretern besetzt. Ergebnisse wurden bisher nicht veröffentlicht.

  • Das Theaterstück

    Das Stück „Schlafe, mein Prinzchen“ beschäftigt sich neben dem Skandal bei den Domspatzen auch mit dem Missbrauch in der Odenwaldschule.

Lang von Opfervertretern gefordert

Die Bemühungen um das Gastspiel in Regensburg hatten sich über Monate hingezogen. Von Opfervertretern war das immer wieder kritisiert worden. Die Kinovorführung hatten sie zudem genutzt, um ihre Forderungen an die heutige Domspatzenleitung und das Bistum zu untermauern. Angeprangert wurde unter anderem, dass bis heute Präfekten – so einen spielt Lechner – im Domspatzeninternat beschäftigt werden, die keine pädagogische Ausbildung besitzen.

Nach der Aufführung von „Schlafe, mein Prinzchen“ am Dienstag (12.7.) wird es wieder ein Publikumsgespräch geben. Teilnehmen werden neben Regisseur Wittenbrink unter anderem auch Ministerialdirigent Toni Schmid und Christof Hartmann, Chormanager der Domspatzen. Lechner rechnet damit, dass es spannend wird. Er gibt aber auch der Hoffnung Ausdruck, dass die „Bühnenkunst nicht instrumentalisiert“ wird.

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