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Soziales

Mutter Teresa als Lehrmeisterin

Die Begegnung mit der Nonne, die am Sonntag heiliggesprochen wird, war für Entwicklungshelfer Reinhard Erös einschneidend.
von Christine Straßer, MZ

Am 5. September 1997 starb Mutter Teresa 87-jährig in Kalkutta. Bereits sechs Jahre später sprach Papst Johannes Paul II sie selig. Am Sonntag folgt die Heiligsprechungsfeier.
Am 5. September 1997 starb Mutter Teresa 87-jährig in Kalkutta. Bereits sechs Jahre später sprach Papst Johannes Paul II sie selig. Am Sonntag folgt die Heiligsprechungsfeier. Foto: epd

Regensburg.Der Petersplatz in Rom wird am Sonntag brechend voll sein. Einheimische, Touristen und Pilger aus aller Welt werden dicht gedrängt stehen, um der Zeremonie beizuwohnen, in der Mutter Teresa heiliggesprochen wird. Wer an die Nonne denkt, hat ein ganz bestimmtes Bild vor Augen: eine kleine, gebückte Frau in einem weißblauen Gewand. Der Oberpfälzer Arzt und Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, Reinhard Erös, hat Mutter Teresa Anfang der 1980er Jahre in Kalkutta kennengelernt. Für ihn war die Ordensfrau eine wichtige „Lehrmeisterin“, die Begegnung mit ihr ein einschneidendes Erlebnis. Auch wenn er sie an Körpergroße überragt habe, habe er zu Mutter Teresa aufgeschaut.

Erster Einsatz in der dritten Welt

Der Oberpfälzer Arzt und Entwicklungshelfer Reinhard Erös arbeitete 1981 erstmals in Kalkutta. Foto: Erös
Der Oberpfälzer Arzt und Entwicklungshelfer Reinhard Erös arbeitete 1981 erstmals in Kalkutta. Foto: Erös

Erös nutze 1981 seinen sechswöchigen Jahresurlaub, um nach Kalkutta zu reisen und das erste Projekt der Organisation Ärzte für die Dritte Welt in einem Slum der nordindischen Metropole zu starten. Damals war Erös 30 Jahre alt und ein „tatendurstiger Stabsarzt“ bei den Gebirgsjägern in Mittenwald. Die medizinische Tätigkeit in der Bundeswehr sei zu dieser Zeit wenig fordernd gewesen, erzählt Erös, umso mehr habe ihn der Ruf eines Jesuitenpaters gereizt, der dringend Ärzte suchte, um medizinische Projekte in der sogenannten dritten Welt aufzubauen.

Erös’ Arbeitsplatz und erste Unterkunft war eine Einrichtung von Mutter Teresa. Schon der Weg dorthin machte dem Oberpfälzer klar, dass er sich in eine andere Welt begab. Denn nach der Ankunft am Dum Dum Flughafen tauchte kein Fahrer auf, um ihn zum Stützpunkt der einheimischen Hilfsorganisation Howrah South Point zu bringen. Die Nacht brach an und sämtliche Taxifahrer lehnten es ab, den Arzt auch nur an der Grenze zu dem Viertel abzusetzen. Ihm wurde erklärt: „Da trauen wir uns schon tagsüber kaum hin und erst recht nicht bei Dunkelheit.“

Erös verbrachte also teils auf Anraten, teils notgedrungen seine erste Nacht auf der herrschaftlicheren Seite Kalkuttas. Erst am nächsten Tag überquerte er den Fluss Hooghly, der Arm und Reich hier voneinander trennt. Obwohl es drückend heiß war, habe er es zuerst empört abgelehnt, sich von einer von einem Menschen gezogenen Rikscha zu seinem endgültigen Ziel bringen zu lassen. „Ich hatte ja nicht viel Gepäck dabei, nur meine Arzttasche“, erinnert sich Erös. „Meine erste Reaktion war, dass es menschenverachtend ist, sich von einem Menschen ziehen zu lassen, als wäre der ein Pferd.“ Doch dann sei ihm erklärt worden, dass die Männer so ihr Geld verdienen. Steige er nicht ein, hätten sie nichts, um ihre Familien zu ernähren. „Meine an sich richtigen moralischen Vorstellungen ließen sich schlichtweg nicht anwenden“, sagt Erös. So kam es, dass sich Erös, der damals wohl 80 Kilogramm schwer war, von einem „Hämpfling“ zu seinem Einsatzort ziehen ließ. „Der Mann wog vielleicht 45 Kilo“, schätzt Erös. Aber im Unterschied zu den Menschen, die der Arzt in den folgenden Wochen in einem Gebäude, das Erös als „Bambusstall“ beschreibt, behandelte, war der Rikschaläufer gesund.

In dieser „Vorhölle“ habe eine Person wie Mutter Teresa umso stärker gestrahlt, sagt Erös. Denn sie habe sich der Ärmsten der Armen angenommen. Persönlich begegnet ist er dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit fast jeden Sonntag. Erös besuchte in der Kapelle ihres Klosters die heilige Messe. Bei Mutter Teresa sei es üblich gewesen, nach dem Gottesdienst vor allem ausländische Gäste zu einem – sehr bescheidenen – Frühstück einzuladen. Dort kam Erös mit der gebürtigen Albanerin, die ein exzellentes indisches Englisch sprach, ins Gespräch.

Das erste Hospiz der Welt

Indische Schulkinder bejubeln Mutter Teresa. Auch fast zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod ist die Nonne unvergessen.
Indische Schulkinder bejubeln Mutter Teresa. Auch fast zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod ist die Nonne unvergessen. Foto: dpa

1952 hatte die Nonne und Begründerin des Ordens der Missionarinnen der Nächstenliebe das Nirmal Hriday (Haus der reinen Herzen) gegründet. Für Erös’ Begriffe das erste Hospiz der Welt. Die banale Bezeichnung Sterbehaus werde der Einrichtung nicht gerecht. „Jeden Morgen brachten Nonnen auf Schubkarren ausgemergelte, von Eiter übersäte Wesen“, erinnert sich Erös. Oft sei gar nicht zu erkennen gewesen, ob es sich um Frau oder Mann handelte. Warum sich Teresa der verwahrlosten Menschen annahm? Dazu habe sie ihm Folgendes erklärt, führt Erös aus: „Ich habe als kleines Kind im Religionsunterricht gelernt, jeder Mensch sei ein Kind und Ebenbild Gottes. Die Unschuldigen am Straßenrand sind alle Kinder Gottes. Sie sehen ihm aber nicht ähnlich. Deshalb waschen, kleiden und füttern wir sie. Danach sehen sie ihm ähnlich, und wenn Gott es will, sterben sie. Aber als Kinder und Ebenbild Gottes.“

Wie wird man überhaupt Heilig? Unsere Grafik gibt Antworten:

Neben ihrer persönlichen Bescheidenheit – wie ihre Mitschwestern besaß auch sie nur drei weiß-blaue Habit; mit einem war sie bekleidet, den anderen hatte sie gerade selbst gewaschen, der dritte hing an der Trockenleine – hat die Nonne den selbst sehr durchsetzungsstarken Erös mit ihrer Unerschrockenheit im Umgang mit den „Großen der Welt“ beeindruckt. Erös erwähnt ein Telefongespräch von Mutter Teresa mit dem Weißen Haus, das er miterlebt habe. „Ich bin Mutter Teresa und muss den Präsidenten sprechen!“, habe sie sich gemeldet. Sie sei sofort durchgestellt worden und habe ihr Anliegen dem mächtigsten Mann der Welt, damals Ronald Reagan, nicht nur vortragen, sondern auch durchsetzen können. Auf sein ungläubiges Staunen habe die Nonne mit einem Lächeln geantwortet: „Vor Gott sind wir doch alle gleich.“

Für Reinhard Erös ist Mutter Teresa ein Vorbild. Foto: ct
Für Reinhard Erös ist Mutter Teresa ein Vorbild. Foto: ct

Auch in den Folgejahren arbeitete Erös immer wieder im Projekt der deutschen Ärzte in Kalkutta. Mutter Teresa sah er zuletzt wenige Wochen vor ihrem Tod, jetzt selbst schwer kranke Patientin in einem Krankenhaus. Ihre Heiligsprechung gerade durchPapst Franziskus empfindet er als „Ermutigung und Ansporn für alle Rechtschaffenen, sich dem goldenen Kalb materiellen Reichtums zu widersetzen“.

Bis heute trägt Erös bei seinen Einsätzen ein kleines Bild von Mutter Teresa bei sich. Darauf hat sie ihm auch jene Antwort geschrieben, die sie ihm gab, als er sie fragte, was die wichtigsten Eigenschaften für einen Arzt seien, der aus einem paradiesisch reichen Land kommt, um in einem Slum wie in Kalkutta zu arbeiten? Erös rechnete mit einer Antwort wie: Du musst ein exzellenter Arzt sein, kulturkompetent, physisch und psychisch stabil, regelmäßig beten und jeden Sonntag in die Messe gehen. Teresa antwortete jedoch: „Du musst die Menschen lieben. Dann hilft Dir Gott, und alles Andere ergibt sich von selbst.“

Unser Beitrag mit Reinhard Erös für „MZ am Mittag“ zum Nachschauen:

Mittelbayerische am Mittag vom 01.09.

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