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Kirche

Pater spricht frei über Missbrauch

Klaus Mertes machte einen der größten Missbrauchsfälle in der Kirche öffentlich. Das Thema ist nicht endgültig aufgearbeitet.
Von Julia Ried, MZ

Engagierter Einsatz gegen das Schweigen über den Missbrauch: Pater Klaus Mertes (l.) mit Prof. Johannes Grabmeier
Engagierter Einsatz gegen das Schweigen über den Missbrauch: Pater Klaus Mertes (l.) mit Prof. Johannes Grabmeier Foto: Julia Ried

Regensburg.„Das Schweigen“, sagte Pater Klaus Mertes Anfang des Jahres in einem Interview, „war so systemisch wie der Missbrauch.“ Mertes hat das Schweigen über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche 2010 gebrochen, indem er Fälle am damals von ihm geleiteten Canisius-Kolleg in Berlin öffentlich machte; das löste eine Welle von Enthüllungen aus.

Der Jesuit, nun Chef einer Schule im Schwarzwald, steht mittlerweile so wenig in der Öffentlichkeit, dass er unlängst in der Spiegel-Rubrik „Was wurde eigentlich aus…?“ zu Wort kam. Doch er spricht immer noch, wenn er gefragt wird, auch vor kleinem Publikum – so am Sonntag auf Einladung der „Laienverantwortung Regensburg“ und weiterer Reformbewegungen in Regensburg. „Verlorenes Vertrauen – wie kann es wiedergefunden werden?“ war sein Thema vor gut 80 Zuhörern.

Seine Antworten fielen deutlich aus, im Inhalt wie in der Art und Weise, wie er sie gab. Mertes‘ sonore Tenorstimme würde sich im Radio gut machen, dazu redet er mit dem ganzen Körper. „Wir brauchen Kontrolle von Macht und Zugängen von Macht in der katholischen Kirche“, sagte er, transparente Verfahren, Beschwerdeinstanzen seien notwendig, „ich nehm das Wort Demokratie gar nicht in den Mund“.

Strukturelle Unfähigkeit

Mertes wurde bekannt damit, dass er als Systemfehler benannte, dass Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen in so großer Dimension so lange vertuscht wurde. „Das größte Hindernis ist die Unfähigkeit und Unwilligkeit zuzuhören“, erklärte er. Sie sei strukturell begründet, weil die Geschichten der Opfer das Selbstverständnis der Kirche in Frage stellten, die dort vorherrschende Vorstellung von geistlicher Macht. „Wie kann der Priester wieder zu einer Figur werden, die sich auch den Standards der Kritik stellen muss?“ Diese Frage beantwortete er unter anderem mit der klaren Zurückweisung der Vorstellung von einem Priester, der eine besondere Nähe zu Gott hat. Eng am Körper verschränkt hielt er die Arme, als Laienverantwortungs-Vorstand Johannes Grabmeier die Passage aus Mertes‘ Buch „Verlorenes Vertrauen“ vortrug. „In einer ernstzunehmenden katholischen Ideologie ist auch nie so etwas behauptet worden“, wiederholte er.

Dass er zuhören kann, beweist der Pater, äußerlich nicht als Mann der Kirche erkennbar. „Ich bin ein missbrauchter Regensburger Domspatz“, so stellte sich ein Mann im Publikum vor, einer von zwei Betroffenen im Saal; er sei als Missbrauchsopfer nicht anerkannt, fügte er hinzu. „Ich muss mir von einem Rechtsanwalt sagen lassen, dass der Täter nur so gestöhnt hat, weil er mich geschlagen hat“ – der Täter, er hatte den Kopf des Buben zwischen den Beinen. Obwohl Grabmeier Anstalten machte fortzufahren im Zwiegespräch auf dem Podium, nahm sich Mertes die Zeit zu sagen: „Dass eines klar ist, das ist sexualisierte Gewalt.“ Ohnehin sei die Unterscheidung zwischen Gewalt und sexuellem Missbrauch „eine Fortsetzung des Missbrauchs“.

„Jetzt riskieren wir mal etwas“

Mertes hat für sich die Konsequenzen gezogen: „Ich muss mich von meiner eigenen Fixierung auf eine glaubwürdige Hierarchie lösen. Ich muss auf das Schulterklopfen von oben verzichten“, lauten sie. Seine kirchenpolitischen Leitsätze: „Sich vom Schweigen nicht stumm machen lassen“, nicht nur nach oben zu starren, „was macht jetzt Franziskus?“, sondern nach der Devise zu handeln: „Jetzt gehen wir mal voran, jetzt riskieren wir mal etwas.“

Leer sind diese Worte nicht. Von deutschen Bischöfen wird Mertes nicht eingeladen. „Ich habe die klaren Signale aus Rom bekommen, dass ich für die ein rotes Tuch bin“, erzählte er auf eine Frage aus dem Publikum hin. „Ich muss letztlich diese Risiko immer in Kauf nehmen“, sagte er, als Grabmeier ihn auf die Gefahr der Exkommunikation ansprach. „Ich kann mich nicht von der Angst vor Ausgrenzung so einschüchtern lassen, dass ich nichts tue und schweige. Jesus hatte keine Angst vor Ausgrenzung.“

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