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Brauchtum

Plattln bis zum Hangover

Burschen aus Neudorf haben den Traditionstanz wieder aufgegriffen und neu interpretiert. Sie haben es bis zu Pro 7 geschafft.
Von Kerstin Hafner

Fotos: oleksaey/bofotolux-
              AdobeStock/privat
Fotos: oleksaey/bofotolux- AdobeStock/privat

Neudorf.A Scheidungsfeier tät uns noch fehlen“, zwinkert der Fonse, „aber sonst samma mittlerweile praktisch überall unterwegs, wo man a zünftige Gaudi braucht; Firmenfeiern, private Feste, Kirwan, Zeltauftritte bei Volksfesten usw.“ Tobias Hero – Künstlername Fonse – spricht für seine Burschen vom ‚Neidaffer Plattlclub‘ aus Neudorf bei Wernberg-Köblitz. Neidaff ist Oberpfälzer Slang für die Heimatgemeinde der acht jungen Herren, die sich von der Dorfjugend her kennen und seit knapp zehn Jahren schuhplattln; zuerst nur für den eigenen Spaß beim Ausgehen, dann für den Gegenwert einer Currywurst-Mahlzeit als Einlage auf der einen oder anderen Kirchweih und seit 2011 als Plattlclub mit stetig wachsender Fangemeinde und bis zu 45-minütigem Bühnenprogramm. Einige der Gründungsmitglieder sind aus beruflichen Gründen ausgestiegen, dafür kamen Jüngere dazu. „Aber wir haben uns nie zerstritten und das ist das Schöne daran. Wir sind ein Haufen Freunde, die fürs Plattln leben und damit auch noch andere Leute begeistern können.“ Wer nicht aktiv plattlt, hilft mit dem Equipment.

Fotos: oleksaey/bofotolux-
              AdobeStock/privat
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Auf der Bühne vermischen die Neidaffer traditionelle Schritte und Schläge aus dem Volkstanz mit akrobatischen Einlagen und tanzen zu aktuellen Chart-Hits, Party-Nummern oder legendären Rocksongs wie „Highway to Hell“. Fonse übernimmt den Part des Entertainers, schäkert mit dem Publikum, führt durchs Programm, heizt die Stimmung an und bietet auch mal den ein oder anderen seiner Tanzkollegen feil für die holde Weiblichkeit im Saal. Natürlich alles nur Spaß, mit den Chippendales haben die feschen Burschen nix am Hut und Geld kriegen sie auch keins in den Hosenbund gesteckt. Aber solange es der Gaudi dient, ist eine kleine Verkuppel-Show durchaus erlaubt.

Holzkochlöffel als Luftgitarren

Zur Oberpfälzer Interpretation des AC/DC-Klassikers in der Version der Troglauer Buam mit Quetschn gehören bei den Neidaffern ein Meter lange Holzkochlöffel als Luftgitarren … damit wird im Dreivierteltakt drauflosgeplattlt bis zum Hangover. So steht es auf den roten Clubshirts. Und genau das ist der Sinn und Zweck des Plattlclubs: „Wir wollen mit einer ungewöhnlichen Show Stimmung in den Saal bringen, die Gäste gut unterhalten und gemeinsam mit ihnen einfach richtig Spaß haben. Da kommt halt das urbayerisch Wilde aus uns raus“, grinst der Gustl, eigentlich Franz Hüttner. „Jeder von uns is’ a kleine Rampensau!“ Inzwischen gibt es auch eine Mitmachnummer, für die Leute aus dem Publikum geholt werden. Weitere Kracher sind Partyhits wie Andreas Gabaliers „Hulapalu“ oder Robbie Williams‘ „Let me entertain you“. Das reißt die Leute von den Hockern, viele singen mit. Kostproben finden sich bei Youtube.

Die Neidaffer Plattler haben sich auch das Lied „Timber“ vorgenommen:

Plattln bei den Neidaffern ist auch Akrobatik – und für jeden Saal gibt es eine Lösung

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Fotos: oleksaey/bofotolux- AdobeStock/privat

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Social-Media-Kanäle, die die Neidaffer ausgiebig bedienen, hat sich in den letzten Jahren die Kunde rasch verbreitet, wie sehenswert ein Auftritt der wilden Gang ist. Brav und gesittet geht es da meist nur anfangs zu, wenn die Jungs mit einem traditionellen Tanz beginnen. Irgendwann hängen ein paar von ihnen dann kopfüber von den Schultern ihrer Kameraden, wirbeln durch die Luft oder plattln auf den Tischen. „Gerade in Wirtshäusern, wenn wir bei Hochzeiten oder runden Geburtstagen auftreten, kann es da schon mal eng werden. Niedrige Decken, Lampenschirme, eine Bar oder Säulen mitten im Raum sind ein Problem. Aber wir finden für jeden Saal eine Lösung“, sagt Gustl. „Da muss man sich halt von der Aufstellung her anpassen, dann geht das schon.“ Ein paar Blessuren hat es aber auch schon gegeben, verstauchte Knöchel, gerissene Kapseln und kleinere Platzwunden. „Aber nicht mehr in den letzten zwei Jahren. Ich denke, das liegt auch an der Erfahrung, die wir mittlerweile haben“, lacht Fonse.

„Was wir machen, soll beileibe keine Veräppelung sein oder ein Faschings-Gag! Wir wollen den traditionellen Plattlern wirklich nicht ans Bein pinkeln und bitten um ein bisschen Verständnis für uns als junge Leute.“

Neidaffer Plattler

Eins ist den jungen Plattl-Outlaws aber ganz besonders wichtig, gerade weil ihnen aus der Ecke der Gralshüter oberbayerischer Trachten-Gauverbände gelegentlich offene Abneigung entgegenschlägt: „Was wir machen, soll beileibe keine Veräppelung sein oder ein Faschings-Gag! Wir wollen den traditionellen Plattlern wirklich nicht ans Bein pinkeln und bitten um ein bisschen Verständnis für uns als junge Leute. Wir lieben das Plattln und wollten es halt ein bisschen weiterentwickeln, adaptieren an neue Musikformen, so dass es unsere Generation anspricht und nicht ausstirbt“, erklärt Thomas „der Dammer“ Götz. Fonse springt ihm bei: „Grundidee des Plattlclubs war die Herausforderung, Teile des traditionellen Tanzes mit der Moderne zu verbinden. Und ich bin mir fast sicher, wenn es vor hundert Jahren schon Rock- oder Popmusik gegeben hätte, hätten auch ein paar Leute versucht, darauf zu plattln.“

Sitzt man mit den Neidaffern am Tisch und hört sie über ihre Leidenschaft sprechen, merkt man relativ schnell, wie viel Herzblut sie in die Sache stecken. Drei Monate lang studieren sie vor der Auftritts-Saison ihr neues Bühnenprogramm ein, für Hobbys bleibt da nicht mehr viel Zeit. An den Wochenenden, wenn sie mit einem gemieteten Kleinbus teilweise bis nach Österreich oder Thüringen fahren, müssen ihre Liebsten auf sie verzichten. „Wir sind unseren besseren Hälften unendlich dankbar, dass sie die Sache so mittragen“, betonen sie. Dann folgt ein kleiner Seitenhieb auf ihren Fahrer mit dem Spitznamen Beda: „Und wenn wir uns nicht stundenlang in München verirren und mit dem Bus fünfmal um den Mittleren Ring kreisen, dann sind eigentlich schon die Reisen zum und vom Auftritt eine Riesengaudi. Natürlich ist man danach körperlich manchmal fix und fertig – aber das ist ja schöner Stress!“

Rund ums Schuhplattln

  • Der Name „Schuhplattler“

    geht auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, die Wurzeln dieses Ausdruckstanzes reichen womöglich bis ins Mittelalter, exakte Anfänge sind aber nicht nachweisbar.

  • Das Schuhplattln war in früheren Jahrhunderten

    ein klassischer Werbetanz. Seine Erfinder waren einfache Leute wie Bauern, Jäger und Holzknechte, die weder schreiben noch lesen konnten. Ihre Ausdrucksform beim Werben um ihr Dirndl war der Tanz. Sie zeigten mit Hüpfen, Drehen und Platteln ihr akrobatisches Können. Dabei gab es bis 1850 keine besonderen Regeln, die Burschen hatten bei der Vorführung ihrer Figuren freie Wahl. „Bairisch tanzen“ nannte man das unreglementierte Plattln.

  • Nach 1850 bestimmte

    eine bayerische Schuhplattlordnung Figuren und Tänze und aus dem Werbetanz wurde ein Schautanz, der in Oberbayern, Österreich und Südtirol noch heute lebendig ist, auch wenn die Zahl der Tänzer stetig abnimmt.

  • Zur Brauchtumspflege

    platteln auf traditionelle Art und Weise vielerorts Heimat- und Trachtenvereine. Dabei wird Landler Musik gespielt und im Dreivierteltakt geplattlt, gehüpft, gestampft und gesprungen, während sich die Dirndln um sich selbst drehen und mit den Tänzern Walzer tanzen.

Stress haben übrigens auch die Lederhosen, in denen die strammen Haxen stecken. „Die eine oder andere ist schon ganz schieder vom vielen Draufklatschen, dunkel und speckig“, erzählt der Dammer. „Wenn wir richtig loslegen, kommen wir ja auch ordentlich ins Schwitzen. Jeder von uns hat fünf, sechs Hosen in unterschiedlichen Stadien der Abnutzung. Das Leder muss von guter Qualität sein. Billige Hosen würden der Belastung nicht standhalten.“ Aber eine echte Hirschlederne, ein Erbstück vom Opa, ist nicht darunter? „Nein! Die wär ja viel zu schade“, entgegnen alle drei prompt und unisono.

Trotz des Qualitätsbewusstseins der jungen Herren gibt immer mal wieder eine Hose den Geist auf. Meist platzen dann die Nähte im Schritt auf. Passiert sowas bei einem Auftritt, ist dem Betroffenen die allergrößte Anteilnahme der Zuschauer gewiss – und meist auch der Spott seiner Kollegen. Es empfiehlt sich also, beim Plattln immer schön brav eine optisch ansprechende Unterhose zu tragen. Man weiß ja nie, wen es als Nächsten trifft. Weggeschmissen wird so ein Opfer der Kunst bei den Neidaffern natürlich nicht. „Die wird selbstverständlich zum Flicken gebracht. A Lederhosn mou schließlich a G’schicht erzähl’n kinna“, betont der Fonse in tiefstem Oberpfälzisch.

„Jeder von uns hat fünf, sechs Hosen in unterschiedlichen Stadien der Abnutzung.“

Neidaffer Plattler

Der Löwenanteil der Neidaffer Fangemeinde besteht aus Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, aber auch Kinder und Senioren lassen sich von der Atmosphäre mitreißen. „Gerade bei privaten Feiern bleiben wir gern auch ein bisschen länger. Da kommen oft Leute zu uns und wollen gezeigt bekommen, wie das Plattln geht. Sitzen kleine Kinder in der ersten Reihe, fangen sie meist ganz von selbst an, unsere Bewegungen nachzuahmen“, berichtet Thomas, der auch mit älteren Damen gut kann. „Es kommt schon vor, dass ich ganz höflich und förmlich eine 90-jährige Oma zum langsamen Walzer abhole.“ So hat jede Generation ihren Spaß. „Wir feiern bodenständig mit den Leuten und bekommen dafür viel ehrliches, positives Feedback. Wenn das nicht mehr käme, würden wir aufhören“, meint der Gustl.

Digitale Möglichkeiten: Das Plattln über Internet-Tutorials lernen

Angefangen hat übrigens alles mit Thomas Götz. „Ich hab’ mir das Plattln vor zehn, zwölf Jahren selber beigebracht, indem ich Plattler gefilmt habe. Heute gibt es für alles Tutorials im Internet, aber damals musste man die eigene Digi-Cam verwenden und Videos studieren. Meine Kumpels und ich wollten beim Kirwa-Tanz mal was Neues machen und Plattln ist bei uns in der Oberpfalz ja nicht verbreitet. Es stammt aus dem oberbayerischen und österreichischen Raum. Also haben wir es alle gelernt und waren dann das Highlight auf der Neidaffer Kirwa.“ Den ganzen Aufwand mit dem Einstudieren einer Choreographie nur für ein einziges Mal im Jahr zu betreiben, erschien den Plattlern dann widersinnig und so weiteten sie ihre Aktivitäten aus. Heute beherrschen sie sechs traditionelle Plattler und ein gutes Dutzend eigens erfundene Plattler, die zu den modernen Hits passen.

Gast bei BR, SWR, VOX und ProSieben

Die Fanzahlen steigen stetig und auch die Anfragen von TV-Stationen nehmen zu. Tobias Hero war schon Gast bei „Sag die Wahrheit“, als einer der drei Kandidaten. BR, SWR, VOX und ProSieben haben kurze Dokus über die Plattl-Verrückten aus der Oberpfalz gedreht, die interessanterweise noch nicht viele Nachahmer gefunden haben. Sobald eine originelle Idee funktioniert, schießen ja meist recht schnell billige Kopien aus dem Boden.

Aktuell sind die Neidaffer gut gebucht, um die 40 Auftritte absolvieren sie im semiprofessionellen Bereich. „Jeder von uns geht einer Vollzeit-Arbeit nach oder studiert noch. Und Wochenenden sind nun mal begrenzt. Viel mehr Auftritte bringen wir nicht mehr unter“, sagt Fonse. Aber ein paar Ziele haben die Jungs schon noch … und die sind zum Teil so schräg wie ihre Flugnummern: „Wir wollen unbedingt mal eine Woche nach Dubai zum Plattln im Wüstensand. Wenn uns ein Kreuzfahrtschiff buchen würde, würden wir auch nicht Nein sagen. Und wir möchten mal in den ZDF-Fernsehgarten!“

Ein besonderes Erlebnis war eine Firmenfeier in Thüringen. „Da sind wir vor internationalen Gästen aus rund 20 verschiedenen Kulturen aufgetreten. Die waren zu einer Art ‚Oktoberfest‘ eingeladen und hatten mit uns einen Heidenspaß.“ Besonders nett fand der Dammer noch eine Begebenheit mit einem kleinen Mädchen beim Zoiglbierfest in Schwarzenfeld: „Die Tochter vom Wirt war damals ungefähr fünf Jahre alt. Nach unserem Auftritt hab’ ich gesehen, wie sie ihren Papa am Arm gezupft und gesagt hat: ‚Die nimmst nächstes Jahr wieder, gell.‘ Sowas freut einen natürlich.“

Die nächsten Gelegenheiten, den Neidaffer Plattlclub bei öffentlichen Auftritten zu erleben, bieten sich am 6. Mai beim Frühlingsfest in Deggendorf, am 25. Mai beim Dießfurter Weißbierfest und am 2. Juni beim Zoiglbierfest in Schwarzenfeld.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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